Neue Form des Patientenbesuchs: Wackersdorfer Hausärzte testen Telemedizin

Von Philipp Breu · 15. November 2023 um 12:03

Das Team der Wackersdorfer Hausärzte (Landkreis Schwandorf) hat sein Angebot erweitert. Mit der sogenannten Telemedizin sollen die Hausbesuche digitalisiert werden. Der Arzt kann so gezielt Diagnosen stellen, auch wenn er gar nicht physisch beim Patienten ist.

Derzeit befindet sich das Projekt noch in der Testphase. Auch die Bundeswehr soll mit ins Boot geholt werden. Die Telemedizin soll eine Ergänzung der bestehenden Versorgung sein, kein Ersatz. Das stellte Stefan Roi, Leitender Arzt der Gemeinschaftspraxis Wackersdorfer Hausärzte, gleich zu Beginn seiner Präsentation fest. Im Beisein von Wackersdorfs Bürgermeister Thomas Falter (CSU), Ulf Aschenbrenner, Ärztlicher Leiter des Telenotarzt-Teams Ostbayern, und Oberstarzt Roland Vogl vom Bundeswehrstandort Kümmersbruck stellte er das Konzept vor.

Telemedizin ist bisher nicht weit verbreitet

„Die Telemedizin kann die medizinische Versorgung und ärztliche Betreuung von beispielsweise mobil eingeschränkten Menschen, die auf Hausbesuche angewiesen sind, erheblich erleichtern“, ist Roi überzeugt. Denn Fakt sei: Die Zahl der Ärzte nimmt im ländlichen Raum ab, zeitgleich wächst die Zahl der Patienten. Da sei es schwierig, dass die Mediziner, neben dem Praxisalltag, auch noch Hausbesuche wahrnehmen. Genau hier setze das neue Konzept an, das in Deutschland bisher nur von wenigen Allgemeinarztpraxen angeboten werde.

Prinzipiell handelt es sich hierbei um einen klassischen Hausbesuch, nur, dass diesen eine medizinische Fachkraft übernimmt. Im Gepäck hat sie Equipment für eine umfassende Videosprechstunde mit einem Arzt. Das mobile Videokonferenz-System wird mit Diagnosegeräten gekoppelt. So können während der Videosprechstunde beispielsweise ein EKG geschrieben oder Lunge oder Herz abgehört werden. In Zukunft soll es auch die Möglichkeit geben, Ultraschalluntersuchungen durchzuführen. Die Daten werden dann direkt an den behandelnden Arzt in der Praxis übertragen, der diese in einer Live-Schalte mit dem Patienten bespricht. Bei Bedarf kann die medizinische Fachkraft vor Ort auch Blut abnehmen.

Keine festen Zeitfenster für Hausbesuche mehr

Ein großer Vorteil dieser neuen Methode sei der Zeitfaktor. Ein Termin für eine Telemedizin-Visite sei in der Regel frühzeitiger möglich: „Wir sind nicht mehr an feste Zeitfenster für Hausbesuche gebunden, sondern können auch Termine während der regulären Sprechzeiten anbieten“, erklärt Roi.

Seit September testet das Team der Wackersdorfer Hausärzte das Konzept und leiste damit Pionierarbeit – nicht nur im Landkreis Schwandorf. Und dass die Methode in der Praxis problemlos funktioniert, das stellte Roi mit Hilfe zweier Kollegen bei einer Live-Demonstration unter Beweis. Im benachbarten Ärztehaus waren Krankenpfleger Matthias Schaller und Allgemeinmediziner Peter Krüger, der einen Patienten spielte, per Webcam zugeschaltet. Schaller legte dem Patienten ein EKG an und nur wenige Augenblicke später hatte Roi auf seinem Laptop die Bilder vorliegen. „Man sieht hier, dass man ein EKG bekommt, das man tadellos befinden kann – und das ohne riesige Apparaturen“, erklärt der Leitende Arzt. Die dafür nötige Internetverbindung sei übrigens auch im ländlichen Raum flächendeckend vorhanden. „Durch Sim-Karten zweier Telekommunikationsanbieter ist das kein Problem“, so Roi.

Genug Personal in der Praxis ist das A und O

Einen größeren Stolperschein sehe der Fachmann eher in den personellen Kapazitäten. Das sei laut Roi auch einer der Gründe, warum die Telemedizin bisher nur in wenigen Arztpraxen in Deutschland etabliert sei. In Wackersdorf sei man in der glücklichen Lage, dass man über einen guten Personalstamm verfüge, der auch das Interesse mitbringe, sich dementsprechend weiterzubilden. „So haben wir die Kapazitäten, dass wir jemanden auch während der Sprechstundenzeit rausschicken können“, sagt Roi.

Zudem bestehe die Möglichkeit auf Kooperationen mit anderen medizinischen Einrichtungen. Eine solche hätten die Wackersdorfer Hausärzte mit dem Bundeswehrstandort Kümmersbruck in die Wege geleitet. Dort wurde in diesem Jahr das medizinische Versorgungszentrum neu eröffnet. 62Dienstposten sind hier integriert, darunter militärische wie zivile (Zahn)Ärzte und Assistenzpersonal, die ambulante Aufgaben eines Hausarztes wahrnehmen. „Assistenzärzte der Bundeswehr, die allgemeinmedizinische Fachärzte werden wollen, müssen auch ein halbes Jahr in ziviler Weiterbildung sein. Sie sind also nicht nur in der Kaserne im Einsatz, sondern auch in der Arztpraxis“, erklärt Roi. Im Oktober 2024 werde die erste Weiterbildungsassistentin der Bundeswehr zur Wackersdorfer Praxis dazustoßen.

„Eine deutliche Werterhöhung für den Standort Wackersdorf“

Auch Oberstarzt Roland Vogl sieht in der Kooperation große Chancen, auch in Zukunft vakante Arztposten zu besetzen. „Nicht alle Kollegen werden Berufssoldaten, sondern scheiden nach 16, 17 Jahren aus der Bundeswehr aus. Viele lassen sich dann als Ärzte in der ländlichen Region nieder“, sagt Vogl.

All diese Aspekte stimmen die Verantwortlichen positiv, dass die Telemedizin eine reibungslos funktionierende Alternative zu herkömmlichen Behandlungen werden könne – nicht nur in Wackersdorf. Auch Bürgermeister Thomas Falter ist von dem Vorstoß der Hausärzte begeistert: „Es ist eine deutliche Werterhöhung für den Standort Wackersdorf und den gesamten Umkreis.“

Ihre Zusammenarbeit soll Früchte tragen: Ulf Aschenbrenner, Leiter des Telenotarzt-Teams Ostbayern, Oberstarzt Roland Vogl von der Bundeswehr, Bürgermeister Thomas Falter, Krankenpfleger Matthias Schaller und Stefan Roi von den Wackersdorfer Hausärzten (v. l.).