„Kunde will nicht für Klimaschäden zahlen“: Wissenschaftler schlägt Änderung der Mehrwertsteuer vor

Von Heidi Bauer · 29. Januar 2024 um 11:00

„Der Kunde will nicht mehr Geld für Nachhaltigkeit ausgeben“: Das ist für den Ressourcenökonom Tobias Gaugler vom Standort Neumarkt der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg Georg Simon Ohm das Ergebnis der Studie zur „Wahre-Kosten-Kampagne“ für Lebensmittel. Er sieht jetzt die Politik in der Pflicht.

Im Juli vergangenen Jahres hatte der Discounter Penny mit dieser Kampagne für großes Aufsehen gesorgt: Für neun Lebensmittel-Produkte verlangte er eine Woche lang die „wahren Kosten“ – also den Preis, der bei Berücksichtigung aller durch die Produktion verursachten Umweltschäden eigentlich berechnet werden müsste. Die Ergebnisse des Kaufverhaltens der Kunden analysierten Gaugler als Projektleiter und sein Forscherteam in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität (TU) Greifswald.

Die Studie zeigte laut Gaugler wie erwartet, dass die Nachfrage umso mehr zurückgeht je höher der Preis eines Lebensmittels ist. Interessant findet er, dass ein veganes Produkt, auf das nur fünf Prozent Aufschlag erhoben wurde, im Wochenverlauf mehr abverkauft wurde als im Vergleichszeitraum zuvor.

2255 Personen online befragt

Bemerkenswert sei ferner, dass zwar das Bewusstsein für „wahre Kosten“ durch Umweltschäden gestiegen, jedoch die Zustimmung, diese einzupreisen, im Lauf der Kampagne gesunken sei. Das habe eine Online-Befragung gezeigt, an der 2 255 Personen teilnahmen. Für den Wissenschaftler bedeutet das im Umkehrschluss: „Der Kunde will nicht für Klimaschäden zahlen. Die Politik ist in der Pflicht, die Rahmenbedingungen zu schaffen“, um das Kaufverhalten zu beeinflussen, sagt Gaugler.

Als eine Möglichkeit sieht er, die Mehrwertsteuersätze anzupassen: Seiner Ansicht nach könnte die Mehrwertsteuer auf Lebensmittel, die weniger Umweltschäden verursachen, auf Null gesetzt werden, für nicht nachhaltig erzeugte Produkte eine höhere erhoben werden. Das erlaube das EU-Recht und sei schnell umzusetzen, meint der Wissenschaftler.

Wenn nachhaltige, regionale Lebensmittel günstiger seien, greife der Kunde automatisch danach. Auch der Lebensmittelverschwendung könne dadurch entgegengewirkt werden.

Gaugler: Bei der „Außer-Haus-Verpflegung“ umdenken

Als weiteren „Hebel“ erachtet Gaugler eine Tierwohlabgabe auf Fleisch, die an die Landwirte weitergegeben werden könnte. Vor allem aber müsse die „Außer-Haus-Verpflegung“ in Schulen und Kitas hochwertiger und nachhaltiger gestaltet werden, findet der Wissenschaftler: Statt „billiger Schnitzel“, sollten viel mehr gesunde und nachhaltige Lebensmittel serviert werden. „In Schulen sollte selbst gekocht werden, das können wir uns leisten“, so Gaugler.