Zehn Euro mehr fürs Kilo Fleisch: Neumarkter Wissenschaftler ermitteln „wahre Preise“

Das Doppelte für Milch, ein Vielfaches für Fleisch: Die „Wahre- Preise“-Kampagne des Discounter Penny schlägt hohe Wellen. Neumarkter Wissenschaftler lieferten dafür Forschungsergebnisse. Ressourcenökonom Tobias Gaugler warnt vor fatalen „Marktfehlern“ und erklärt, warum wir für Lebensmittel mehr zahlen sollten.
Wahre Preise: Viele Kunden reiben sich in dieser Woche verdutzt die Augen, wenn sie bei einem namhaften Lebensmitteldiscounter ins Kühlregal oder auf den Kassenbon schauen: 6,01 Euro statt 3,19 für die Wiener – 2,82 Euro Umweltausgleich inklusive. So manche lassen die Ware im Regal oder an der Kasse zurück, stellt Nicole Oest, Leiterin der Filiale in der Freystädter Straße, fest, sind nicht bereit, den „wahren Preis“ zu zahlen.
Doch steckt hinter der Kampagne nicht etwa Abzocke, sondern wissenschaftliche Expertise: Wissenschaftler am Standort Neumarkt der Technischen Hochschule (TH) Nürnberg Georg Simon Ohm ermitteln in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität (TU) Greifswald die „wahren Kosten“ für ökologisch und konventionell erzeugte Lebensmittel und stellten der Discounterkette auf Anfrage die Daten zur Verfügung. Die Aktion schlägt hohe Wellen, die Reaktionen bei den Verbrauchern reichen von Betroffenheit bis Empörung.
Das Doppelte für Milch, ein Vielfaches für Fleisch: „Wir sagen nur, was wir als Forschungsergebnisse herausbekommen haben“, stellt Tobias Gaugler fest. Die Preise für Lebensmittel sind in Wirklichkeit weit höher als die, die auf dem Etikett stehen. Der promovierte Ressourcenökonom lehrt in Neumarkt im Studiengang Management in der Ökobranche und forscht seit Jahren zum Thema Umweltfolgekosten bei der Lebensmittelerzeugung.
„Wir beziehen die Umweltkosten nicht mit in die Preise ein“
Der Wissenschaftler warnt vor einem fatalen Marktfehler: „Wir beziehen die Umweltkosten nicht in die Preise mit ein“, die Kosten, die bei der Herstellung von Lebensmitteln entstehen und Klima, Umwelt und Gesellschaft belasten, wie Treibhausgasemissionen, der Einsatz von Stickstoffdüngern und Pestiziden oder die Zerstörung von Ökosystemen.
Auf ein Kilo konventionell erzeugtes Fleisch müssten laut einer Studie aus 2020 durchschnittlich 9,67 Euro aufgeschlagen werden, um dem wahren Preis Rechnung zu tragen, sagt Gaugler. Dabei schlagen die Kosten für Stickstoffderivate mit mehr als fünf Euro, also über die Hälfte, zu Buche, die Treibhausemissionen mit rund einem Drittel. Noch nicht eingepreist sei da allerdings das Tierwohl.
„Wir zahlen drauf durch Klimaschäden und Umweltkatastrophen“
Ähnlich beim Gouda, wo aufs Kilo aus konventioneller Herstellung 4,38 Euro aufgerechnet werden müssten, beim Käse aus biologischer Produktion 3,26 Euro. Relativ gering hingegen liegen die Aufschläge für pflanzliche Lebensmittel: zwischen sieben und 20 Cent.
Die Forscher der TH Nürnberg kalkulieren im Rahmen des EU-geförderten Projekts FOODCoST für die Lebensmittelerzeugung Preisaufschläge für Ressourcenverbrauch, Emissionen, Schäden an der Umwelt oder im sozialen Bereich. Die dabei aufgedeckten Mehrkosten sollen nach dem Verursacherprinzip internalisiert werden.
Diese trägt im Augenblick die Gesellschaft und nicht die produzierenden Unternehmen: „Wir zahlen drauf durch Klimaschäden, Ernteausfälle, Biodiversitätsverluste, Überdüngung und menschliches Leid durch Naturkatastrophen“, so Gaugler. Als weiteren Faktor nennt er Erkrankungen infolge falscher Ernährung. So gehe auch aus einer Studie der Deutschen Gesellschaft für Ernährung hervor, dass zu hoher Fleischkonsum ungesund ist.
Pflanzliche Produkte mit einer besseren Ökobilanz
Feststellen lässt sich dem Wissenschaftler zufolge weiter, dass pflanzliche Produkte geringere negative Folgen für die Umwelt haben als tierische. Das bedeutet, dass die externen (Folge-)Kosten pflanzenbasierter Lebensmittel verglichen mit tierischen weit geringer sind, die für konventionelle Produkte in der Regel höher als für biologische.
Als Ursache nennt Gaugler die Länge der „Food Chain“, der Nahrungskette: Um tierische Produkte wie Fleisch, Milch oder Eier zu erhalten, müsse erst Futter, Wasser und Energie „investiert“ werden – der Wirkungsgrad sei gering, so der Wissenschaftler. Aus dieser Sicht sei es „perspektivisch sinnvoll“, gleich Sachen zu essen, die auf dem Feld wachsen.
Höchste Aufschläge für Wiener und konventionell erzeugten Käse
Für die Discounter-Kette analysierten die Forscher neun Produkte: Den geringsten Aufschlag gab es hier mit 14 Cent (fünf Prozent) mehr für vegane Schnitzel, den höchsten für Wiener (plus 2,82 Euro, 88 Prozent) und Maasdamer (plus 2,35 Euro, 95 Prozent).
„Es geht nicht darum, die wahren Kosten unmittelbar für alle Lebensmittel einzuführen“, so die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin, Amelie Michalke von der TU Greifswald. Man erhoffe sich jedoch Impulse, Preise für Lebensmittel in einer verursachergerechteren Form zu betrachten. „Wir können nicht so weiter machen wie bisher“, resümiert Gaugler. Über die Kampagnenwoche erhofft er sich umfassende Daten.
Wahre Preise geben Hinweise aufs Kaufverhalten
„Wir können damit wertvolle Erkenntnisse über Kaufverhalten und Akzeptanz für das Thema ,wahre Preise’ gewinnen. Daraus lassen sich Handlungsempfehlungen für die verschiedenen Akteure ableiten, um vor allem sinnvolle politische Maßnahmen zu gestalten, die zu einer nachhaltigen Transformation des Lebensmittelsektors beitragen.“
Der Staat müsse Rahmenbedingungen setzen, damit klimafreundlicher eingekauft wird: Bio-Lebensmittel müssten günstiger sein, weil sie weniger Folgekosten verursachen. Auch eine Art Klimadividende, die jene belohnt, die klimafreundlicher Lebensmittel herstellen, kann er sich vorstellen.