Diskussion um neue Asylunterkunft in Kelheim: „Hysterie hilft nicht“

Kelheims Integrationsbeauftragte Christiane Lettow-Berger kennt die Flüchtlingsarbeit. Auch als ehrenamtliche Helferin. Sie versteht Behörden und Anwohner. Sie sagt: „Das Thema emotional hochzujagen, bringt uns nicht weiter.“
Frau Lettow-Berger, wie haben Sie von der geplanten Asylunterkunft erfahren?
Christiane Lettow-Berger: Ich war auch überrascht und wussten ebenso wenig, wie die Anwohner. Ich habe davon aus der Tagesordnung des Bauausschusses erfahren. Wenig später entzündete sich eine Riesendebatte auf Facebook. Die will ich gar nicht inhaltlich bewerten, aber dass es mit einem anonymen Flugblatt-Post (Anm. d. Red.: Aufruf zur Unterschriftenaktion der Anwohner) los ging, störte mich.
Wie nehmen Sie die Diskussion wahr?
Lettow-Berger: Schnell wird immer gesagt, die gammeln alle nur rum und bekommen alles bezahlt. Mich beschäftigt, dass viele, die Behauptungen in die Welt setzen, nicht so gut informiert sind. Das müssen sie auch nicht. Aber sie kennen eben Gesetze und Bestimmungen nicht. Zudem sind schnell viele Gerüchte unterwegs, etwa dass Kindergartenplätze für Geflüchtete reserviert würden. Das stimmt einfach nicht. Man kann das Thema emotional hochjagen. Aber man sollte den Ball flach halten und gemeinsam überlegen, wie wir mit der Situation zurechtkommen. Hysterie hilft nicht.
Am Projekt „Kastlacker“ wird insbesondere über die Zahl der Unterzubringenden diskutiert. Wie nehmen Sie die Lage wahr?
Lettow-Berger: Die Gemeinschaftsunterkunft (GU) in der Klosterstraße in Kelheim ist voll. Sie ist für für knapp 220 Personen ausgelegt. Das Problem ist, Kelheim ist eigentlich gut dabei bei der Unterbringung. Aber der Landkreis muss 9,7 Prozent der Geflüchteten, die Niederbayern zugeteilt sind, unterbringen und da sind meines Wissens nur 83 Prozent erfüllt. Sie suchen händeringend nach Immobilien, wo sie dezentrale Unterkünfte machen können, um nicht wieder Turnhallen belegen zu müssen. Was richtig ist. Jetzt gibt es am Kastlacker das Angebot eines Privatmanns. Vom Landkreis denkt man darüber nach, 80 Leute unterzubringen, weil man die Plätze braucht. Logistisch ist es ein guter Platz. Vieles wäre zu Fuß erreichbar.
Können Sie auch die Sorgen der Anwohner nachvollziehen?
Lettow-Berger: Ja, das kann ich. 80 Menschen auf einen Haufen, das ist viel. Aber wenn man es dort nicht macht, müssen die Leute auf diverse, kleinere Immobilien verteilt werden. Würden mehr Immobilienbesitzer in der Stadt anerkannten Flüchtlingen eine Wohnung vermieten, gäbe es weniger Fehlbeleger in der GU. Dann könnten dort wieder mehr Leute untergebracht werden.
Wie blicken Sie auf die Infoveranstaltung vom Mittwoch?
Lettow-Berger: Ich finde das sehr positiv. Da werden auch Vertreter des Landratsamts dabei sein, die direkt befragt werden können. Anwohner können ihre Befürchtungen äußern. Zudem kann man darüber reden, wie eine Zusammenarbeit funktionieren kann. In der hitzig geführten Diskussion heißt es immer: Was mutet ihr uns zu? Die machen aber nur ihre Arbeit, müssen Immobilien finden und schauen, wie man das erträglich gestalten kann. Ob sich im Gespräch mit dem Landratsamt die Zahlen reduzieren lassen, muss sich am Mittwoch zeigen.
Welche Flüchtlinge kommt aktuell vor allem in die Region?
Lettow-Berger: Der Großteil der Geflüchteten im Landkreis sind Syrer und Ukrainer(innen). Aus der Ukraine kommt derzeit kaum noch jemand. Im Moment bekommen wir viele neue Syrer zugeteilt. Natürlich sind nicht alle, die kommen, ohne Probleme. Aber wir müssen damit umgehen, was zugeteilt wird. Man kann sich nichts aussuchen. Ich würde mir wieder mehr Aufgeschlossenheit von den Menschen wünschen. Die Stimmung ist schon seit längerem umgeschlagen. Viele Fantasien, auch von Politikern, wie die Migrationszahlen reduziert werden sollen, sind mit unserem Recht nicht kompatibel.
Wenige Helfer
Person: Christiane Lettow-Berger ist 71 Jahre alt. Seit 2020 ist die Grünen-Stadträtin Kelheims Integrationsbeauftragte. Privat engagiert sie sich seit Ende der 1980er in der Flüchtlingshilfe. Zudem ist sie Sprecherin des Bündnisses für Menschenwürde.
Ehrenamtliche: Seit Corona ist die Zahl der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer stark dezimiert. Es fehlen vor allem junge Helfer, so Lettow-Berger. Es müsse nicht gleich Unterstützung bei Bürokratie oder Dolmetscher-Dienst sein, Interessierte könnten beim Kulturcafé in der Kulturkantine einmal reinschnuppern, etwa Schafkopfen erklären.