Volles Vertrauen in Felix: Blindenhund führt Neumarkterin durchs Leben

Von Franziska Mahler · 29. Januar 2024 um 05:00

Die Neumarkterin Kerstin Schubert verlor durch einen Unfall ihr Augenlicht. Seit vier Jahren führt sie Labradoodle Felix durchs Leben. Zum Tag des Blindenhunds (29. Januar) haben wir Kerstin Schubert und ihren Blindenführhund durch Neumarkt begleitet. Dabei wird klar: Für das Duo ist kein Gang wie der andere.

„Voran“, sagt Kerstin Schubert. In ihrer Hand hält sie das Blindenführhund-Geschirr. Zügig bewegen sich Felix Pfoten über den Gehweg der Bahnhofstraße in Neumarkt. Das Ziel: die Neumarkter Innenstadt. Dafür müssen die beiden allerdings auch die große Kreuzung an der Ringstraße überqueren.

Die erste Herausforderung lässt nicht lange auf sich warten. Felix kommt ein Chihuahua entgegen – und der fängt prompt an zu knurren und zu bellen. Doch Felix bleibt durch ein ruhiges „Nein“ und ein sanftes Leinenziehen fokussiert. „Er würde schon gerne hin zu dem Hund“, sagt sie. Aber gerade ist Felix als Blindenführhund im Dienst – da dürfen solche Ablenkungen nicht sein.

Nicht jede Rasse ist als Blindenhund geeignet

Ausgebildet wurde Felix für fast zwei Jahre von Trainerin Eva Rehm in Abensberg. Im ersten Jahr bekam der Labradoodle eine Grundausbildung zum Blindenführhund, im zweiten Jahr die Spezialausbildung mit Geschirr, so Rehm. Felix eigne sich als Blindenführhund, weil er aufgeschlossen, menschenfreundlich, belastbar, unerschrocken und lernwillig ist. Auch bei Rassen wie Labrador, Großpudel, Flat Coated Retriever, Australian Shepherd und deren Mischlingen seien dies Charaktereigenschaften.

Kosten könne ein Blindenführhund ungefähr so viel wie ein Kleinwagen, sagt Rehm. Wie auch bei Schubert, übernehme das aber die Krankenkasse, denn der Blindenhund gilt offiziell als Hilfsmittel. Deshalb darf Felix sein Frauchen auch überallhin begleiten – in Cafés, Arztpraxen, zur Arbeit oder zu ihrem Ehrenamt beim BBSB (Bayerischer Blinden- und Sehbehindertenbund). Schubert berät Menschen oder hält Vorträge in Schulen. Der Verbund sei ihr nach ihrer Erblindung eine große Stütze gewesen.

Felix macht Schubert auf Hindernisse aufmerksam

Zurück nach Neumarkt: Wenige Meter vor Schubert steht ein Parkscheinautomat. Geht sie weiter, wird sie dagegenlaufen. Um seinem Frauchen zu signalisieren, dass ein Hindernis auf sie zukommt, bleibt Felix stehen. Kurz darauf nimmt der sechsjährige Blindenführhund eine Bordsteinkante wahr – und macht auch hier Halt. Vor allem in der Neumarkter Innenstadt ist das nicht immer leicht, denn hier ist der Übergang von Gehweg zu Seitenstraße oft fließend.

Felix Blick schweift nach oben zu Schubert. Die 53-Jährige lobt den Labradoodle, streichelt ihm über den Kopf und gibt ihm ein Leckerli aus ihrer Jackentasche. Hören, ob ein Auto kommt, muss Schubert selbst. „Such Ampel“, sagt die 53-Jährige als sie merkt, dass die beiden an der Ringstraße angekommen sind. Felix führt sie zum Schalter, Schubert drückt und wartet auf den Piepton, der ihr signalisiert, dass sie die Straße überqueren kann.

Lernen, die Kontrolle abzugeben

Felix und Schubert ziehen Blicke auf sich. Die meisten Passanten, die durch die Stadt schlendern, realisieren schnell, dass Felix ein Blindenführhund ist und machen Platz. Gemütlich schlendern – das kann Schubert nicht. „Als blinde Person ist man nie entspannt unterwegs, man ist immer unter höchster Konzentration.“

Doch das Vertrauen in Felix ist sehr groß. Schubert musste lernen, die Kontrolle abzugeben. Das klappe nur, weil die Bindung zwischen ihnen „extrem stark“ sei. Jedoch ist auch Konsequenz gefordert: Zwar habe Felix noch nie einen Fehler gemacht, wenn sich aber doch ein kleiner Fauxpas einschleicht, muss sie ihn sofort korrigieren. Außerdem dürfen die beiden nicht aus der Übung kommen. „Das A und O ist, dass man immer unterwegs ist“, sagt Schubert. Felix spüre sofort, wenn Schubert unsicher ist. Deshalb muss die 53-Jährige zum Beispiel auch ihre Umgebung kennen. „Mein Hund ist kein Navi“, sagt sie.

Zuhause ist Felix ein ganz normaler Hund

Felix ist Schuberts zweiter Blindenhund. Nora, ihre erste Begleiterin, genießt mittlerweile ihren „Ruhestand“ bei Schubert Zuhause. Im Dienst können Blindenhunde bleiben bis sie etwa zehn Jahre alt sind, sagt Trainerin Rehm. Aber auch der sechsjährige Felix hat mal Pause von seinem Job als Blindenführhund. Sobald er sein Geschirr ablegt, sagt Schubert, ist er ein ganz normaler Hund – will spielen, schmusen und gestreichelt werden.

Richtiges Verhalten gegenüber Blindenführhunden

Begegnung: Trifft man auf eine sehbehinderte Person mit Blindenführhund sollte man laut Trainerin Eva Rehm genügend Platz lassen, damit der Hund seine Arbeit machen kann. Auf keinen Fall sollte man den Blindenführhund streicheln, füttern oder anstarren. Das irritiert ihn und lenkt ihn ab.

Hundebesitzer: Den eigenen Hund sollte man nicht am Blindenführhund schnuppern lassen oder im Weg stehen bleiben, so Rehm. Das sei für einen Blindenführhund sogar eine Bedrohung. Er kann weder weglaufen, noch ungehindert kommunizieren und das führe oft zu Missverständnissen und Stress.