Wie barrierefrei ist Regensburg? Ein Spaziergang mit einem Professor mit Sehschwäche

An der Donau entlangflanieren, den nächsten Bus an der Albertstraße nehmen oder zum Supermarkt um die Ecke laufen. Für viele Menschen in Regensburg normale Alltagssituationen – ohne Hürden. Für Menschen mit einer Sehbehinderung oder -beeinträchtigung können genau solche Situationen zur Herausforderung werden, wie ein Rundgang durch die Stadt zeigt.
Rainer Schliermann steht an der großen Kreuzung beim Cinemaxx-Kino, wo Friedenstraße und Galgenbergstraße aufeinandertreffen. Schliermann ist Professor an der OTH Regensburg und seit seiner Geburt stark sehbeeinträchtigt. Auf dem rechten Auge sieht er wenige Prozent, aus nächster Nähe kann er Umrisse erkennen. Einen Blindenstock habe er aber noch nie benutzt, sagt der 51-Jährige.
Es ist kurz vor 18 Uhr, der Feierabendverkehr rauscht über die Kreuzung an ihm vorbei. Wer als Fußgänger über die Ampel möchte, wartet bis das grüne Ampelmännchen aufleuchtet und geht dann los – bis zu acht Fahrspuren sind zu überqueren.
Rinnen mit Mehrwert
Problematisch: Ein Ampelsignal für sehbeeinträchtigte Menschen – wie ein Piepsen oder Vibrieren – gibt es an dieser Stelle der Friedenstraße nicht. „Man verlässt sich auf dieses Signal und wenn es dann nicht kommt, ist es sehr unangenehm. Hier ist schon ordentlich Verkehr, das ist nicht ungefährlich“, sagt Schliermann. Warum es ausgerechnet an dieser Hauptverkehrsader kein Signal für blinde Menschen gibt, kann er sich nicht erklären.
Die Stadt Regensburg erklärt auf Anfrage, dass es einen „konkreten Bedarf“ geben muss, damit Ampeln mit taktilen Signalen ausgestattet werden. Möglicherweise wird sich an der Kreuzung Friedenstraße – Galgenbergstraße zukünftig etwas ändern: Wegen der Nachfrage unserer Zeitung möchte man auf den Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund zugehen, versichert eine Sprecherin der Stadt. Dieser ist Mitglied im Inklusionsbeirat der Stadt und wird bei sämtlichen Vorhaben beteiligt und um Rat gefragt.
Um Rat gefragt wurde der Inklusionsbeirat auch bei der Sanierung der östlichen Altstadt im Bereich des Schwanen- und Hunnenplatzes. Hier wurde ein Pflaster verlegt, das mit Rollstuhl, Rollator und Kinderwagen gut befahrbar ist. Außerdem hat die Stadt die Entwässerungsrinnen in den sanierten Bereichen so gestaltet, dass sie gleichzeitig ein Hilfsleitsystem für Blinde sind. Das soll die Orientierung erleichtern. Regensburg sei damit ein bundesweites Leuchtturmbeispiel, erklärt die Stadt.
In den letzten Jahren hat sich aber nicht nur der östliche Altstadtbereich verändert, sondern auch der Ernst-Reuter-Platz: Aus dem ehemaligen Kepler-Areal wurde ein Busbahnhof mit neuen Haltestellen und einem Kreisverkehr. In Sichtweite des Kreisels befindet sich ein Grünstreifen, umringt von drei Fahrstraßen. Durch den Grünstreifen führt ein brauner Fußweg: Plattgetretene Erde auf einer Länge von etwa 40 Metern.
Schliermann läuft den Weg entlang, bis dieser abrupt an einer Straße endet. Direkt vor ihm rauscht ein gelber Linienbus vorbei. Schliermann bleibt rechtzeitig stehen und dreht sich um. Eine unglückliche Stelle, findet der 51-Jährige: „Man kann hier nicht auf die Idee kommen, dass der Weg plötzlich aufhört, zumindest nicht an einer Straße.“
Die Stadt betont, dass der nicht gepflasterte Pfad kein offizieller Weg sei, sondern im Bereich einer ehemaligen Wegeverbindung liege. Durch die Umbauarbeiten am Busbahnhof wurde der Weg „aus Sicherheitsgründen aufgelassen“. Fußgänger sollten in diesem Bereich die offizielle Wegeverbindung nutzen, erklärt die Stadt weiter.
Ein paar Meter weiter zeigt sich die nächste kritische Stelle, was die Barrierefreiheit in Regensburg angeht: Ein E-Scooter, der in der Mitte eines Fußgängerwegs steht, Passanten müssen ausweichen. Eine unangenehme Situation auch für Schliermann: „Es ist nervig, weil die Scooter plötzlich mitten im Weg stehen, wenn man sie nicht erwartet. Normalerweise orientiert man sich an etwas, was konstant ist. Aber die tauchen plötzlich auf.“ Erst letzten Herbst war ein blinder Mann in Regensburg über einen E-Scooter gestürzt, der auf dem Gehweg lag, die MZ berichtete.
Das Abstellen von E-Scootern ist auch Thema bei der Stadt: Sie überlegt, feste Parkflächen in der Regensburger Innenstadt zu errichten. Insgesamt 30 solcher verbindlicher Abstellflächen sollen nach aktuellem Planungsstand entstehen. „Im Gegenzug dürfen E-Scooter der Sharing-Anbieter dann in den Gassen und Straßen sowie auf den Plätzen in der Innenstadt nicht mehr frei abgestellt werden“, erklärt die Stadt auf unsere Anfrage. Sobald das Konzept stehe, soll es dem Stadtrat zur Entscheidung vorgelegt werden.
Bilanz der Stadt gemischt
E-Scooter, die auf Fußwegen stehen, ein Trampelpfad, der abrupt endet und eine Ampel ohne akustischem und taktilem Signal – Schliermanns Fazit fällt nach dem Rundgang durch die Stadt gemischt aus: Regensburg stehe in Sachen Barrierefreiheit nicht unbedingt besser oder schlechter da als andere Städte, findet der 51-Jährige. Er wünscht sich aber von der Stadt: „Es ist ja keine Millionenstadt, da müsste man schon einen guten Überblick haben, über die Straßen und über die Gefährdung.“
Viele Betroffene
In Deutschland haben etwa zehn Millionen Menschen eine Behinderung, das besagen Zahlen von Aktion Mensch. Das ist jede zwölfte Person. Vor allem baulich-räumliche Barrieren machen den Menschen in Deutschland das Leben schwer: Die „Top-Barrieren“ sind laut Aktion Mensch gesperrte oder zugestellte Wege, schlechter Straßenbelag und schwierig auszufüllende Formulare.
In Regensburg leben etwa 24 000 Menschen mit einer Behinderung. Dazu zählen auch sehbehinderte- und beeinträchtigte Menschen. Um die Bedarfe dieser Gruppe zu berücksichtigten, ist der Bayerische Blinden- und Sehbehindertenbund (kurz: BBSB) Mitglied im Inklusionsbeirat der Stadt.
Anmerkung der Redaktion: Der Text von Annika Exner ist im Rahmen eines Praxisseminars an der Uni Passau entstanden.