Wählen mit 16: So bereiten Schulen im Landkreis Neumarkt ihre Schüler auf ihre erste Wahl vor

Von Nicole Selendt · 25. Januar 2024 um 11:11

Rein theoretisch steht das Thema Wahlrecht in allen bayerischen Schulen auf dem Lehrplan. Praktisch waren die meisten Schüler bisher aber zu jung zum Wählen. In diesem Jahr ist das erstmals anders.

Denn an der EU-Wahl am 9.Juni 2024 dürfen auch schon Jugendliche ab 16 Jahren ihre Stimme abgeben – und so über die Zusammensetzung des Europäischen Parlaments mitbestimmen. So bereiten Schulen im Landkreis Neumarkt ihre Schüler auf diese verantwortungsvolle Aufgabe vor.

Bei Andreas Denk von der Mädchenrealschule in Neumarkt laufen die Vorbereitungen auf die EU-Wahl schon seit Anfang des Schuljahres. So hatten sich seine Schülerinnen bereits im Vorfeld der Landtagswahl im September im Fach Politik und Gesellschaft (PuG) mit den Parteien und ihren Programmen auseinandergesetzt, eine Wahlentscheidung getroffen und an einer Jugendwahl teilgenommen. Denk betont: „Es ist überhaupt nicht so, dass die Jugendlichen nicht wissen, um was es geht. Viele sind sehr interessiert und haben eine sehr klare Meinung.“

„Es ist überhaupt nicht so, dass die Jugendlichen nicht wissen, um was es geht. Viele sind sehr interessiert und haben eine sehr klare Meinung.“ Andreas Denk, Lehrer an der Mädchenrealschule Neumarkt

Darüber hinaus waren ein Jugendoffizier der Bundeswehr und MdB Nils Gründer an der Schule, um mit den Schülerinnen über politische Themen zu diskutieren. Eine Klasse hatte das Heimatministerium in Nürnberg besuchen dürfen, allerdings sei Heimatminister Albert Füracker an dem Tag nicht dagewesen. An der Juniorwahl im Vorfeld der Europawahl sollen laut Denk nicht nur die zehnten Klassen teilnehmen, sondern auch schon die Jüngeren – „um den Wahlgedanken nach unten zu tragen“.

EU das ganze Schuljahr lang

Am Europatag am 4.März, einem Projekttag der EU an Schulen, wird die MRS allerdings nicht teilnehmen. „Ich bin kein Fan davon, alles an einem Tag durchzuspielen, damit es am nächsten Tag schon wieder vergessen ist“, sagt der Lehrer. „Ich will lieber kontinuierlich dranbleiben.“

Am Willibald-Gluck-Gymnasium sollen die Schüler ebenfalls an der sogenannten Juniorwahl teilnehmen und so den Ablauf einer Wahl üben – inklusive vorheriger Unterrichtsstunden über Demokratie, die Aufgaben der EU, den Wahlmodus und die Funktionen des Europäischen Parlaments, wie Schulleiter Frank Fiedler auf Anfrage erklärt. Auch sollen die Schüler lernen, wie sie sich über die Parteien, die zur Wahl stehen, informieren können. Darüber hinaus dürfen zehn besonders interessierte Schüler an Seminaren in Kloster Banz teilnehmen – und sollen dann das Gelernte an ihre Mitschüler der neunten bis zwölften Jahrgangsstufen weitergeben.

Wie das Kultusministerium auf Anfrage erklärt, sei an Gymnasien der Themenkomplex zu Europa erst für die zwölfte Klasse vorgesehen. Am WGG werde dieser nun in die elften Klassen vorgezogen, so Fiedler. Geplant sind außerdem ein Vortrag der Friedrich-Ebert-Stiftung und ein Besuch der Bundestagsabgeordneten Susanne Hierl. Sie werde neutral aus Sicht einer demokratisch arbeitenden Parlamentarierin über ihren Alltag als Abgeordnete und ihre Aufgaben berichten.

Wahl-o-mat ausprobieren

Am Ostendorfer-Gymnasium haben die PuG-Lehrkräfte bereits angefangen, ihre Schüler auf die Wahl vorzubereiten. So hat eine Klasse an einem Planspiel zur EU-Klimapolitik teilgenommen, wie Lehrer Matthias Meyer auf Anfrage erklärt. Die Schüler hätten den Ministerrat nachgespielt und sehr großen Enthusiasmus an den Tag gelegt. Die elfte Klasse werde am Europatag teilnehmen – allerdings nicht schon im März, wie in diesem Jahr vorgesehen, sondern erst im Mai. Ebenfalls in der elften Klasse werde ein Europa-Quiz für die Unterstufe vorbereitet.

Bisher gab es für Jugendliche nur die U-18-Wahl: Die Jugend tritt an die Wahlurne: Für sie gibt es ab Donnerstag die U18-Wahl

Im Rahmen des stundenplanmäßigen Unterrichts werden laut Meyer zum Beispiel die Parteien vorgestellt, der Wahl-o-mat getestet oder aktuelle Themen besprochen. Weil das Ostendorfer-Gymnasium über einen sozialwissenschaftlichen Zweig verfügt und dort mehr PuG auf dem Stundenplan steht als in anderen Zweigen, habe er auch Zeit gehabt, mit den Schülern über die Bauernproteste zu sprechen, so Meyer.

Schüler aus Parsberg zu Besuch in Berlin

Ingrid Sobotta, die Leiterin der Realschule Berching, erklärt auf Anfrage, dass sich die Schüler der zehnten Klassen PuG selbst über die Parteien informieren und ihr Wissen dann in Referaten an die anderen Schüler weitergeben. Darüber hinaus ist die Teilnahme an einer Jugendwahl geplant.

Am Gymnasium in Parsberg standen neben grundsätzlichen Informationen über das Europaparlament, die Wahlrechtsgrundsätze und den Ablauf der Europawahl schon ein Online-Planspiel zur Politik in der Europäischen Union, Begegnungen mit Politikerinnen für die Schüler der zehnten und elften Klassen und die Berlinfahrt der zehnten Jahrgangsstufe auf dem Programm, wie Schulleiter Manfred Hößl berichtet.

Bis zur Wahl im Juni sollen die Schüler unter anderem nach Regensburg zum Europabus fahren, der zwischen den Oster- und Pfingstferien in ganz Bayern unterwegs sein und über die europäische Politik informieren wird. Außerdem sind Teilnahmen am Workshop „Rettet die Wahlen“ der Friedrich-Ebert-Stiftung und an der Juniorwahl geplant.

Angebote für den Unterricht

Wie das bayerische Kultusministerium auf Anfrage erklärt, gehöre die politische Bildung – unabhängig von der Herabsenkung des Wahlalters bei der EU-Wahl – in Bayern gemäß dem Auftrag der Bayerischen Verfassung zu den schulart- und fächerübergreifenden Bildungs- und Erziehungszielen. Das bedeutet, dass alle Schulen, Fächer und Lehrkräfte ihren Beitrag zur Politischen Bildung leisten sollen.

Und gerade die Europaerziehung werde angesichts des Krieges in der Ukraine und des Erstarkens nationalistischer und europaskeptischer Bewegungen wichtiger denn je, wie ein Sprecher des Ministeriums weiter schreibt. So beschäftigten sich spätestens ab der neunten Jahrgangsstufe Schüler aller Schularten – die einen in Grundzügen, die anderen vertieft – mit Europa. Über den Fachunterricht hinaus gebe es die Europa-Urkunde, die Schulen auszeichnet, die sich um die Verbreitung des Europagedankens verdient machen oder europäische Projekte durchführen.

Materialien nicht nur vom Kultusministerium

Mit Blick auf die Herabsenkung des Wahlalters bei der Europawahl 2024 gebe es spezielle Angebote des Kultusministeriums selbst: Das sind Unterrrichtsmaterialien des Staatsinstituts für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB) – sie sind über www.politischebildung.schule.bayern.de/europawahl-2024 abrufbar. Darüber hinaus gibt es Unterstützungsmaterial sowie Angebote von der Landeszentrale für politische Bildungsarbeit, der Europäischen Kommission, des Europäischen Parlaments, der Europäischen Akademie sowie der Bundeszentrale für politische Bildung.

Zahlen und Fakten zur Europawahl:

Wann wird gewählt? Vom 6. bis zum 9.Juni 2024 entscheiden alle Bürgerinnen und Bürger der Europäischen Union über die Besetzung des Europäischen Parlaments. In Deutschland wird am 9.Juni gewählt. Derzeit besteht das Europäische Parlament aus etwas mehr als 700 Abgeordneten und seinem Präsidenten, die aus den 27 Ländern der Europäischen Union stammen. In der kommenden Wahlperiode soll das Parlament auf 720 Personen anwachsen.

Wer darf wählen? Wahlberechtigt sind rund 350 Millionen Menschen aus der gesamten EU, in Deutschland etwa 66 Millionen. 2024 wird erstmalig das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt. Wählen darf also, wer das 16.Lebensjahr vollendet hat, in ein Wählerverzeichnis eingetragen ist (das passiert von Amts wegen und muss nicht extra beantragt werden), seit mindestens drei Monaten in der Bundesrepublik Deutschland oder in den übrigen Mitgliedstaaten der Europäischen Union eine Wohnung hat oder sich sonst gewöhnlich aufhält und nicht vom Wahlrecht ausgeschlossen ist.

Wie wird gewählt? Jeder Wähler hat eine Stimme und darf ein Kreuz auf den Stimmzettel setzen. Es werden keine Kandidaten, sondern Parteien oder politische Vereinigungen gewählt. Die Kandidaten wurden vorher von den Parteien auf Parteitagen festgelegt.

Wer wird gewählt? Aus der Region sind seit 2019 Christian Doleschal aus Tirschenreuth und Marlene Mortler aus Lauf an der Pegnitz von der CSU und Ismail Ertug aus Kümmersbruck von der SPD im Europäischen Parlament. Aus Deutschland werden nach der Wahl im Juni 96 Abgeordnete im EU-Parlament vertreten sein. Damit stellt Deutschland so viele Abgeordnete wie kein anderes EU-Land.