Freie Uni Berlin hat Todesfälle an Grenze aufgearbeitet – vier Fälle betreffen auch Furth im Wald

In Zeiten des Eisernen Vorhangs lebte gefährlich, wer im Grenzbereich zum heutigen Tschechien unterwegs war. Vier Todesfälle, die mit Furth im Wald (Landkreis Cham) in Zusammenhang stehen, hat ein Forschungsprojekt der Freien Uni-Berlin dokumentiert.
Leiter Dr. Jochen Staadt, erzählt über die spannende Recherchezeit und wie wichtig die Arbeit für zukünftige Generationen ist. Am 22. Oktober 1949 machte sich Franz Stauber von seinem Hof in Daberg auf den Weg zu Holzarbeiten. Seine Frau nahm mit dem Fuhrwerk den Feldweg, Stauber nahm eine Abkürzung auf einem Grenzweg. Am vereinbarten Treffpunkt kam er nie an. Er wurde an diesem Tag im Alter von 30 Jahren von tschechischen Grenzbeamten erschossen.
Was ist wirklich passiert?
Was genau geschehen ist, hat auch seine Tochter Theresia Lotter jahrzehntelang recherchiert und schließlich gab es nach 70 Jahren Gewissheit: Es war Mord (wir berichteten).
Am 17. November 1953 wurde Alois Huber an der Grenze bei Untergrafenried von tschechoslowakischen Agenten, die Informanten anwerben wollten, erschossen. Zu einem Krisentreffen zur Klärung der Angelegenheit kam es am 21. November 1953 in Furth im Wald.
Am 14. Oktober 1972 wurde Anton Kreim im Grenzzollamt Furth im Wald erschossen. Erst 25 Jahre später trugen tschechische Ermittler zur Aufklärung des Todesfalls bei.
Am 18. September 1986 wurde der pensionierte Bundeswehroffizier Johann (Hans) Dick bei Mähring an der Grenze erschossen. Das Verhältnis der beiden Länder war kurzzeitig schwer belastet. Im Fall spielt auch ein Grenzübertritt in Furth im Wald eine Rolle.
Die ganzen Geschichten können im Internet auf den entsprechenden Seiten der Freien Universität Berlin nachgelesen werden. Jochen Staadt hat das Projekt geleitet, das „tödliche Fluchten und Rechtsbeugung“ am Eisernen Käfig untersucht hat. „Wir haben verschiedene Zugänge genutzt, um an die Fälle und die Hintergründe zu gelangen“, sagt er. Das konnte zeitgenössische Berichterstattung ebenso sein, wie Hinweise von Familienangehörigen wie bei Theresia Lotter oder die Archivrecherche. Wertvoll waren unter anderem auch die Akten der Bayerischen Grenzpolizei, die im Staatsarchiv lagern. „Und natürlich haben wir auch mit Zeitzeugen geredet.“
Herausgekommen sind insgesamt 16 Fälle, die sich an der deutsch-tschechoslowakischen Grenze ereignet haben. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs war es nahezu unmöglich an Informationen zu kommen, auch danach war es noch schwer. Erst als die alten Kader, die blockiert haben, weg waren, hat die jüngere Generation jetzt ein Interesse an der Geschichtsaufarbeitung. Die trägt auch ein großes Maß zur politischen Bildung bei. Ein Gedenkstein löst in den Augen des Historikers sicher nicht so viel aus, wie die Erzählung einer ganzen Geschichte und der Tragödien, die dahinter stehen. „Wir haben noch rund 40 Verdachtsfälle, die wir bisher nicht klären konnten“, so der Historiker. Das wird auch schwierig werden. Zum einen hat Corona die Arbeit in den Archiven lange Zeit behindert, zum anderen wurden die Bundesmittel für das Projekt drastisch gekürzt. Im vergangenen November wurde das Projekt offiziell beendet. „Wenn aber jemand noch Hinweise hat, sind wir jederzeit dankbar“, so Staadt.
Lesetipp: Als vor 70 Jahren ein tschechischer Agent den vierfachen Familienvater Alois Huber erschoss
Vergleichbare Fälle hat es auf deutscher Seite nicht gegeben. Zwar ist schon einmal eine Schießerei mit der Gegenseite vorgekommen, getötete tschechoslowakische Menschen waren dabei nicht zu beklagen. „Das liegt daran, dass die Ausbildung völlig unterschiedlich war.“ Während bei uns Zoll und Bundesgrenzschutz gut geschult waren, habe man auf der anderen Seite irgendwelchen Kerlen, die nur eine kurze Einweisung bekommen haben, eine Waffe in die Hand gedrückt. „Von Bestimmungen und Verhaltensregeln hatten die keine Ahnung.“
Die Unwissenheit quält
Die Motivation vieler Angehöriger, die Umstände herauszufinden, wie der Vater, Opa oder Onkel gestorben oder beerdigt ist, kann Staadt verstehen: „Viele haben die Hoffnung gehabt, dass er doch noch leben könnte.“ Oft war es gar nicht sicher, ob der Betroffene an der Grenze gestorben ist. Theresia Lotter hat es gegenüber unserer Zeitung so ausgedrückt: „Die Umarmung eines Vaters hat mir gefehlt. Ich habe immer geglaubt, dass er noch lebt und irgendwann zur Tür herein kommt.“
Handbuch
Die angerissenen Biografien sind Teil von insgesamt 500 Fällen, die im biografischen Online-Handbuch des Projekts unter; https://todesopfer.eiserner-vorhang.de/ nachgelesen werden können.
Wer lieber ein Buch in den Händen hält, dem sei das Werk: „Die deutschen Todesopfer des Eisernen Vorhangs 1948–1989“ empfohlen. Erschienen im Mitteldeutschen Verlag, Herausgeber ist Jochen Staadt.

