Als vor 70 Jahren ein tschechischer Agent den vierfachen Familienvater Alois Huber erschoss

Eine Anfrage, fast 70 Jahre nach dem Ereignis, noch dazu aus Berlin. Thomas Schröpfer staunte nicht schlecht, als zu seiner Zeit als Waldmünchner Polizeichef ein Brief von der dortigen Freien Universität auf seinem Schreibtisch landete. Mit Fragen zum Tod von Alois Huber, den ein Mitarbeiter des tschechischen Geheimdiensts an der Grenze bei Untergrafenried erschossen hatte. Heute vor genau 70 Jahren.
Auf der Polizeistation selbst finden sich keine Unterlagen (mehr). „Aber ich kenn‘ da jemanden“, lässt der Dienststellenleiter telefonisch in Berlin wissen. Wie es der Zufall will, ist Thomas Schröpfers Vater jener Heimatforscher Karlheinz, als früherer Zollbeamter zudem ganz nah am Thema dran. Zufall deshalb, weil Schröpfer junior nur ein halbes Jahr nach Waldmünchen abgeordnet war.
Schröpfer hilft aus
Für Karlheinz Schröpfer steht außer Frage, dem Forschungsverbund SED-Staat mit Unterlagen, Informationen und Bildmaterial auszuhelfen. Das einzige Foto, das Alois Huber in Dienstuniform zeigt; eine Aufnahme seines leblosen, blutüberströmten Körpers; schwarz-weiße Erinnerungen an die Beerdigung und die Gedenksteineinweihung an der Stelle, an der die Schüsse fielen.
Sechs Schüsse
14 an der Zahl, abgefeuert aus der Maschinenpistole, von denen Alois Huber, Vater von vier Kindern, sechs trafen und töteten. Edda ist die älteste Tochter, sie war 1953 zehn Jahre alt. „Natürlich werde ich heute daran denken, vielleicht stelle ich eine Kerze ins Fenster“, sagt sie wenige Tage vor dem Jahrestag. Sie lebt in Kiel, den mütterlichen, norddeutschen Wurzeln geschuldet. Die hatte den Vater als Soldat seinerzeit in Flensburg kennengelernt.
Der Bauernhof in Lam
Nach Lam, Hubers Geburtsort, hatte es sie während der Bombardements verschlagen, weil die Familie dort einen Bauernhof besaß, und „wir zu essen hatten“. Wie sie genau dorthin gelangt sind, weiß die Seniorin nicht mehr. Allerdings, dass sich der Vater nach Kriegsende bei der Grenzpolizei beworben habe.
„Er war ein gerechter Mann, ein liebevoller Vater, ein Familienmensch“, sagt sie. Und kein typischer Bayer. Während andere im Wirtshaus saßen, sei er lieber mit Frau und je zwei Töchtern und Söhnen wandern gegangen.
Vier Kinder wachsen ohne Vater auf
Was für eine Tragik. Der jüngste Sohn Udo, er ist gerade 18 Monate alt. „Auf ihn hat er sich am meisten gefreut“, erinnert sich die heute über 80-Jährige – für die Älteren war aufgrund der Umstände wenig Zeit. Udo – alle Kinder tragen einen Namen aus der Nibelungen-Sage – sollte folglich in den Augen des Vaters der Erste sein, dessen Aufwachsen er hautnah erleben würde können.
Ein Wunsch, der an jenem 17. November 1953 kurz nach dem Mittagsläuten auf grausamste Art zerstört wurde. Die Uhrzeit ist bekannt, weil die Schulkinder in Untergrafenried genau jene Schüsse vernehmen. Wenig später unterbricht der Pfarrer den Unterricht, als Männer im Schulhaus in Untergrafenried auftauchen und alle nach Hause schicken.
Das Feuer eröffnet
Was genau war passiert? In Nuancen gehen die Darstellungen auseinander. Als Fakten dürfen gelten: Ein tschechischer Agent hat an jenem Tag unvermittelt das Feuer eröffnet, als Alois Huber ihn und einen ihn begleitenden Unteroffizier namens Straka nach einem Grenzübertritt auf deutscher Seite gestellt hatte.
Halt, Hände hoch!
Huber hatte die beiden auf seinem Beobachtungsposten bemerkt und sie mit den Worten: Halt, Hände hoch! Was machen Sie hier? aufgefordert, ihn zur Grenzpolizeiwache Untergrafenried zu begleiten. Als Straka versucht, sich zu entfernen, richtet Huber seinen Karabiner auf ihn. Während seine Waffe noch nicht einmal durchgeladen und er laut Obduktion eine Zigarette in der Hand hält, eröffnet der Agent das Feuer. Huber bricht tödlich getroffen zusammen, die Tschechen fliehen über die nicht einmal 30 Meter entfernte Grenze.
Informanten angeworben
Besagter Geheimdienstmitarbeiter hatte den Auftrag – seinerzeit durchaus üblich – Informanten jenseits der Grenze anzuwerben; den entsprechenden Kontakt hatte er bereits tags zuvor gestartet Der spätere Todesschütze hatte versucht, einen Bauern anzuspitzen. 50 Mark für Zigarren und Zigaretten im Wert von 20 Mark, der Rest als „Lohn“... Das Treffen zum Austausch ist für genau jenen 17. November um 12 Uhr an der Grenze vereinbart. Landwirt Schneider wird deshalb, aus der Ferne und in Begleitung seiner Frau, entfernter Zeuge. Sie alarmieren Hubers Kollegen.
Todesschüsse „ein Dienstvergehen“
Die juristische Aufarbeitung? Eine eigene Geschichte, die tschechische Seite sieht ein Dienstvergehen und verhängt 15 Tage Arrest. Ein von den Deutschen eingefordertes Treffen zur Aufklärung des Zwischenfalls findet zwar am 21. November statt, allerdings bestreiten die Vorgesetzten des Geheimdienstmitarbeiters jede Verantwortung, kontern gar mit Gegenvorwürfen.
Witwe muss Rente zurückzahlen
Eine andere, bittere Anekdote: Alois Huber hatte zwar die Prüfung zum Hauptwachtmeister bestanden, allerdings war die entsprechende Urkunde noch nicht zugestellt und damit die Beförderung nicht rechtskräftig, als er erschossen wurde. Folge: Viele Jahre später flattert seiner Witwe eine Zahlungsaufforderung ins Haus, sie habe zu hohe Rentenbezüge erhalten.
Hubers Akte ist „außergewöhnlich“
Mikuláš Zvánovec ist derjenige, der die Todesfälle an der deutsch-tschechischen Grenze für das Projekt erforscht. Alles in allem 57 Todesfälle ab 1948, 67 weitere in den drei Jahren zuvor, Ausgangspunkt eine entsprechende Liste aller Opfer. Die Akte Alois Huber, sie sei außergewöhnlich, ordnet der Historiker ein, dem auf Anhieb nur ein weiteres, ähnliches Schicksal einfällt.
Lesen Sie hier: Ein ähnliches Schicksal
Ein gewisser Georg Nirschl (auch an ihn erinnert ein Gedenkstein) hatte im Juli 1951 in ähnlicher Weise eine Geheimdienstaktion bei Furth im Wald „gestört“ und starb im Maschinenpistolenfeuer. Auch er war „zur falschen Zeit am falschen Ort, das hat die Tschechoslowakei seinerzeit ebenso unter den Teppich gekehrt“, lautet Zvánovceks Erkenntnis.
Zu und über Alois Huber ist das meiste Material in den Akten der Sicherheitsbehörden (in Kanice bei Brünn) zu finden, erläutert er, gleichwohl einzuordnen, dass eine Aufarbeitung weder des Huber-Falls noch anderer ohne das Amt für Dokumentation und Untersuchung der Taten des Kommunismus niemals möglich gewesen wäre.
Täter bekommt drei Jahre
Dem sei es zudem zu verdanken, dass 1996 Ermittlungen aufgenommen wurden, die zwei Jahre später zur Verurteilung des Schützen – er erhielt eine dreijährige Gefängnisstrafe – geführt haben. Dessen „Vergehen“ 1953 war zwischenzeitlich wegen seiner Hingabe an das Regime und guter Kaderbewertungen sogar aus den Akten gelöscht worden. Er promovierte, setzte seine nachrichtendienstlichen Tätigkeiten später unter anderem in Deutschland und der Schweiz fort, später fungierte er als Handelsrat in Italien.
Forschung im Außenministerium
Weitere Quellen sind das tschechische Außenministerium sowie – etwas überraschend – das Hauptstaatsarchiv München. Auch das Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten habe für jenen 17. November „außergewöhnliche Vorkommnisse“ dokumentiert.
Viele Jahre lang wird an Alois Hubers Todestag und -ort gedacht. Dieses Jahr nicht, viele Zeitzeugen sind mittlerweile gestorben. Dennoch gibt es die, die dafür sorgen, dass sein Schicksal nicht vergessen wird: Wissenschaftler, Heimatforscher, Untergrafenrieder – und Polizisten.
DAS FORSCHUNGSPROJEKT
Aufarbeitung: Die Freie Universität Berlin unterhält einen Forschungsverbund SED-Staat, der Todesfälle am Eisernen Vorhang untersucht. Dessen Fokus liegt zwar auf gescheiterten Fluchtversuchen von DDR-Bürgern über Drittstaaten, forscht aber auch zu jenen, die an der deutsch-tschechischen Grenze ermordet oder tödlich verletzt wurden.
Konzept: Das Projekt soll die Geschichte(n) hinter der Zahl der Opfer und den „Fällen“ veranschaulichen helfen. „Dahinter stehen Menschen, deren Schicksal bisweilen wenig Beachtung fand.“
Quellen: Die Wissenschaftler haben Zeitzeugen befragt, Archive ausgewertet, auch die von Geheimdiensten, Außenministerien und Grenztruppen.
Nachzulesen: Noch im Dezember soll das biografische Handbuch „Die deutschen Todesopfer des Eisernen Vorhangs“ erscheinen. Aufschlussreich ist die Übersicht unter www.eiserner-vorhang.de.



