Warten auf Mobilfunk in Wettzell: Test soll zeigen, ob Signal für Geodäsie „zu laut“ ist

Es ist schon fast zwei Jahre her, da meinten die Bürger von Wettzell, jetzt könnte es was werden mit der Handy-Telefonie. Im April 2022 verkündete Bürgermeister Markus Hofmann gemeinsam mit einem Vertreter von Vodafone, dass ein Standort für einen Handymasten gefunden worden sei, der auf städtischem Grund liege, und es deshalb bald mit dem Bau losgehen könne. Seitdem ist nichts passiert, der Handy-Empfang weiter mäßig.
Der Grund dafür ist, dass die starken Signale solcher Handy-Basisstationen die Aufgaben des Geodätischen Observatoriums in der Nähe stark beeinträchtigen bis unmöglich machen würden. Jetzt gibt jedoch die Stadt bekannt, dass in der kommenden Woche tatsächlich ein mobiler Handymast aufgestellt werden wird, allerdings nur vorübergehend.
Netzagentur misst nach
Der wird aber nicht für die Wettzeller und deren Smartphones zur Verfügung stehen. Der Mast dient als Sender für offizielle Messungen der Bundesnetzagentur, wie gravierend die Einflüsse auf das Observatorium sein würden, das mittlerweile auch als kritische Infrastruktur einen wichtigen Beitrag im Bereich Navigation erfüllt. Deshalb bereitet die Diskussion um den geplanten Mast den Verantwortlichen dort aber auch in den übergeordneten Behörden schon seit Jahren Kopfzerbrechen.
Die staunten nicht schlecht, als sie damals erfuhren, dass ein Handymast geplant ist, der in direkter Linie und Sichtweite zur Station aufgestellt werden soll. Willi Probst ist einer von den Mitarbeitern am Observatorium, der speziell für die Verarbeitung der Daten aus aller Welt zuständig ist, die auch von den weithin sichtbaren Teleskopen gesammelt werden. „Wir empfangen sehr, sehr schwache Signale aus dem Weltall“, sagt er. Signale, mit denen die Spezialisten nicht nur in Wettzell, sondern weltweit, viel anfangen können – von der exakten Bestimmung der Orientierung der Erde im All bis hin zur Navigation über das Galileo-System, für dessen Stabilität das Observatorium ebenfalls mit eingebunden ist.
Im Vergleich zu den äußerst schwachen Signalen dem All seien die Signale eines Mobilfunkmasten mehr als milliardenfach stärker sagt Probst. Darum sei nicht nur er sicher, dass der an diesem Standort geplante Masten die Arbeit an der Geodäsie-Station stark beeinträchtigen, oder sogar unmöglich machen würde. Um diese Bedenken der Experten auch belegen zu können, werde in der kommenden Woche der Test-Masten aufgestellt. Es sei ja auch nicht so, dass es in der Umgebung gar keinen Mobilfunkmasten gebe, sagt Probst. Am Ludwigsberg oder in Prackenbach seien schon länger welche aufgestellt. Die seien jedoch durch natürliche Barrieren wie Berge vom Observatorium abgeschattet, was beim geplanten Masten nicht mehr der Fall sei. Ein Dilemma, das sich wohl auch daraus ergeben habe, dass die Geodäsie in Wettzell nicht nur die einzige Einrichtung ihrer Art in ganz Deutschland sei, sondern auch, weil die frequenzrechtliche Grundlage für die Errichtung Mobilfunkmasten dieser Art verhältnismäßig alt sei. So sei das Satelliten-Netzwerk Starlink des US-Unternehmers Elon Musk mit seinen 5270 Satelliten, das sich seit dem Jahr 2020 im Aufbau befindet, und weltweit für drahtloses Internet oder auch das 5G-Netz sorgen soll, dazu verpflichtet worden, nicht in die Richtung von Wettzell zu senden – aus eben demselben Grund, weshalb nun auch der geplante Masten kritisch gesehen werde. Etwa einen Tag lang werde die mobile Station ab der kommenden Woche Testsignale senden, welche jedoch viel schwächer als echte Mobilfunksignale sind und die nicht von der Station selbst ausgewertet würden, sagt Probst. Diese Aufgabe werde die Bundesnetzagentur übernehmen, welche offiziell für die Frequenzplanung und Nutzung in Deutschland zuständig ist.
Nicht das Aus für Mobilfunk
Sollten die Ergebnisse aufzeigen, wie sie schon jetzt in Wettzell erwartet würden, bedeute das nicht zwangsweise das Aus für die Handy-Telefonie im Dorf – nur würden alle anderen Lösungen wohl mit alternativen Standorten und damit wohl höheren Kosten für die Betreiber einhergehen, schätzt Probst. Im Grundsatz ist aber immer zu beachten, dass die Daten für mobiles Fahren oder Navigation nicht nur aus dem Handy kommen, sondern eine fundierte Grundlage in Karten und Satellitennetzen bedürfen,
für die das Observatorium eine zentrale Rolle einnimmt.
Das Förderprogramm
Anfänge: Mit der im November 2019 vom Bundeskabinett beschlossenen Mobilfunkstrategie unterstützt die Bundesregierung den Aufbau einer flächendeckenden Mobilfunkversorgung in Deutschland. Der Fokus liegt dabei auf der Verbesserung der Mobilfunkversorgung in ländlichen Regionen. Im April 2022 wurde für Wettzell ein Anbieter und ein Standort auf städtischem Grund unweit der Wasserreserve, die in Richtung Wiesing liegt.
Entwicklung: Der Freude über die Lösung – endlich ein Standort und ein Anbieter, und das auch noch fernab der Wohnbebauung – wich schnell die Ernüchterung, auch im Rathaus. Denn, was aufgrund der Einzigartigkeit der Einrichtung bis dahin niemand so wirklich auf dem Schirm hatte war, dass die sensiblen Messungen am Observatorium durchaus von den Signalen gestört werden könnten. Seitdem ist das Projekt zum Stillstand gekommen.
Ausblick: Wenn wohl in der kommenden Woche der Test-Masten an der Stelle aufgebaut werden wird, der seit zwei Jahren vorgesehen ist, dann werden in enger Abstimmung mit dem Observatorium Test-Signale gesendet. Diese werden durch die Bundesnetzagentur, nicht durch das Observatorium ausgewertet, wo darum im Moment noch nicht bekannt ist, wann es Ergebnisse geben wird und wie dann weiterverfahren werden kann.