Regensburger Mediziner: „Das Interesse an der Hausarzt-Tätigkeit ist hoch“

Von Marion Koller · 18. Januar 2024 um 05:00

Die Abschlusszahlen für Allgemeinmedizin an den Universitäten steigen wieder, sagt der Oberpfälzer Hausärzte-Chef Stefan Semmler aus Regensburg. Warum viele junge Leute an Gürtelrose leiden und man bei Rückenschmerzen zuerst zum Hausarzt gehen sollte.

Herr Semmler, wie viel Honorar erhält ein Hausarzt pro Quartal für den Patienten, wie viel bekommt er für eine Ultraschalluntersuchung, ein EKG oder einen Hausbesuch?

Stefan Semmler: Das System besteht aus einer Pauschale, die je nach Alter des Patienten zwischen 13,60 bis 23,87 Euro pro Quartal beträgt, und Vergütung der Einzelleistung, zum Beispiel für einen Ultraschall des Bauches 17,07 Euro, aber maximal zweimal im Vierteljahr. Das heißt bei einer Darmentzündung, wo mehrere Kontrollen nötig sind, wird der Ultraschall nur zweimal vergütet.

Für einen Hausbesuch erhalten wir 25,30 Euro und eine Kilometerpauschale, je nach Entfernung 4,40 bis 12,80 Euro. Das EKG ist in der Quartalspauschale enthalten. Die Anschaffung des Geräts, der Unterhalt und die Arbeitszeit der Fachangestellten verursachen Kosten, die abgebildet werden müssen, wenn nicht in der Abrechnung der Einzelleistung, dann in einer Vorhaltepauschale, wie sie jetzt Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach anstrebt.

Sie kritisieren die Bezahlung scharf.

Semmler: Als selbstständig tätige Ärzte sind wir auch Unternehmer. Wir stehen als Arbeitgeber in Konkurrenz zu Krankenhäusern, aber auch Medizinischen Versorgungszentren. Wenn wir aus unserer Tätigkeit keine ausreichenden Erlöse erzielen, sind wir im Wettbewerb um Mitarbeiter nicht konkurrenzfähig und können nicht in eine moderne technische Ausstattung investieren.

Welche Folgen hat die zu niedrige Vergütung für Patienten?

Semmler: Wenn wir in den Praxen 50 bis 60 Stunden arbeiten müssen, um adäquate Erlöse zu erzielen, wird die Suche nach Nachfolgern schwierig. Dann bleiben Kollegen lieber angestellt im Krankenhaus.

Der Bundesgesundheitsminister hat angekündigt, er werde die Budgetobergrenze für Hausärzte aufheben. Was bringt das den Medizinern vor Ort?

Semmler: Das bringt in Bayern keine wesentlichen Verbesserungen, da aufgrund der niedrigen Punktbewertungen der hausärztlichen Leistungen die bestehende Budgetobergrenze nicht erreicht wird. Profitieren werden die Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Einzelne hausärztliche Leistungen, wie das problemorientierte ärztliche Gespräch von mindestens zehn Minuten Dauer, dürfen nur bei jedem zweiten Patienten abgerechnet werden. Faktisch besteht hier also das Gesprächsbudget weiter.

Für große Praxen, die Hausbesuche machen, soll es Vorhaltepauschalen geben. Was bringt das den Ärzten und Patienten?

Semmler: Wenn es gut umgesetzt wird, bringt es Planungssicherheit, auch für Investitionen in eine technisch-qualitativ gut ausgestattete Praxis und eine Chancen-Verbesserung bei der Nachbesetzung von Hausarztsitzen. Für die Patienten ist ein wohnortnaher Allgemeinarzt wichtig. Viele gesundheitliche Probleme können in der hausärztlichen Versorgung geklärt werden

Der Gesundheitsminister plant zudem eine Jahrespauschale für chronisch Kranke, damit sie nicht mehr in jedem Quartal kommen müssen. Wie wird sich das in der Praxis auswirken?

Semmler: Das würde sicherlich zu einer Entlastung von steigenden Arzt-Patienten-Kontakten führen. Im Umkehrschluss können Praxen, die einen Aufnahmestopp hatten, dann wieder neue Patienten annehmen.

Wie viel Zeit haben Sie durchschnittlich für einen Patienten?

Semmler: Ich versuche mir die Zeit zu nehmen, die der Patient in seiner Situation braucht. Ich habe eine Terminsprechstunde. Das gibt mir aber die Möglichkeit, kurzfristig Patienten einzuschieben. Wenn ich das Gefühl habe, dass der Patient mehr Zeit braucht, bekommt er kurzfristig einen Folgetermin. Wie sich das durch die angekündigte Neuregelung ändern würde, lässt sich erst im Verlauf beurteilen.

Viele Kranke wählen gleich den Weg zum Facharzt. Menschen mit Rückenschmerzen gehen zum Orthopäden, statt das Problem beim Hausarzt abklären und sich überweisen zu lassen. Was kann dabei passieren?

Semmler: Das Durchschnittsalter der Gesellschaft nimmt zu. Das heißt, die Hausärzte behandeln immer mehr chronisch Kranke und Patienten mit mehreren Leiden. Rückenbeschwerden können auch durch Erkrankungen der inneren Organe ausgelöst werden, zum Beispiel durch Gallenprobleme. Auch ein Herzinfarkt kann sich durch in den Rücken ausstrahlende Schmerzen äußern. Ohne Steuerung und schnelle Einordnung der Beschwerdesymptomatik durch den Hausarzt kann es schlimmstenfalls zur Behandlungsverzögerung mit negativen Gesundheitsfolgen kommen. Hier profitiert der Patient von der Kenntnis der Krankheitsvorgeschichte und der Medikation durch den Hausarzt. Die Fachärzte können bei gezielter Überweisung ihre Ressourcen besser einsetzen. Oft schicken Orthopäden die Patienten zur weiteren Abklärung wieder zum Hausarzt, zum Beispiel, um durch eine Blutentnahme Rheuma auszuschließen. Der kollegiale Austausch ist aber in Stadt und Landkreis ohne Frage sehr gut.

Zurzeit holen sich wieder viele Menschen das Corona-Virus. Wie viele leiden später unter Long Covid – und gibt es mittlerweile eine bessere Therapie?

Semmler: Die beste Therapie liegt in der Prävention. Durch die Impfungen haben sich gefühlt die Long-Covid-Fälle reduziert, trotz der insgesamt hohen Infektionszahlen. Eine spezifische medikamentöse Therapie gibt es nicht, eine symptomatische Therapie, etwa von Symptomen wie Husten, ist etabliert.

Corona schwächt offenbar bei zahlreichen jungen Leuten das Immunsystem so, dass sie Gürtelrose bekommen. Müssen alle Betroffenen in der medbo-Neurologie behandelt werden?

Semmler: Gürtelrose im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion tritt gehäuft auf und kann auch in der hausärztlichen Praxis adäquat medikamentös behandelt werden. Wichtig sind das Drandenken und der frühzeitige Therapiebeginn, um eine Chronifizierung der Nervenschmerzen zu verhindern.

Regensburg hat bei Hausärzten einen Versorgungsgrad von 122 Prozent, Regenstauf 109, Wenzenbach 115. Hat sich die Situation verbessert?

Semmler: Das Interesse an der hausärztlichen Tätigkeit ist hoch, und langsam steigen wieder die Abschlusszahlen zum Facharzt für Allgemeinmedizin. Jedoch müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Ohne passende Räume wird eine Niederlassung verhindert. Pettendorf, Velburg oder Wackersdorf haben durch den Bau und die Vermietung entsprechender Immobilien die hausärztliche Versorgung vor Ort gesichert. Die Bedarfsplanung stammt aus den 90er-Jahren und wird im Bundesgesundheitsministerium für ganz Deutschland festgelegt. Es gilt: In Bayern kommt auf 1469 Einwohner ein hausärztlicher Sitz. Das wurde nicht an die steigende Lebenserwartung, die Zunahme chronischer Erkrankungen, noch an das stark veränderte und gewachsene Aufgabenspektrum in der Hausarztmedizin angepasst.

Praxis seit 25 Jahren

Praxis: Stefan Semmler hat sich 1999 als Hausarzt in Lappersdorf niedergelassen. Der 57-Jährige ist hausärztlicher Internist, Diabetologe und Spezialist für die Behandlung von Bluthochdruck sowie der Folgeerkrankungen.

Hausärzteverband: Stefan Semmler ist Oberpfälzer Bezirksvorsitzender des Bayerischen Hausärzteverbands und Beisitzer im Vorstand des Ärztlichen Kreisverbands Regensburg. Die Nachwuchsförderung liegt ihm besonders am Herzen. Dabei geht es vor allem um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Niederlassung.

Familie: Der Mediziner ist verheiratet und hat einen erwachsenen Sohn.

Das Interview führte Marion Koller.