Integrationsbeauftragte Anna-Lena Fischer spricht über ihre Aufgabe in der Sana Klinik Cham

Von Mittelbayerische Zeitung · 17. Januar 2024 um 11:00

Immer mehr internationale Pfleger und Ärzte besetzen offene Stellen in deutschen Krankenhäusern und schließen somit die Lücke des bestehenden Fachkräftemangels.

Oftmals wird dabei im Klinikalltag übersehen, dass die Einstellung eines neuen Mitarbeiters nicht nur mit einem vermehrten Zeitaufwand und damit zusammenhängenden Kosten verbunden ist, sondern, dass es auch aufgrund sprachlicher und/oder kultureller Unterschiede zu Stolpersteinen im Klinikalltag und Privatleben kommen kann. Um hier vorzubeugen, gibt es Anna-Lena Fischer. Sie ist seit 1. Juni 2023 die Integrationsbeauftragte in der Sana Klinik des Landkreises Cham. Sie ist die erste Ansprechpartnerin für die Pflegekräfte, die ihre Ausbildung nicht in der Region abgeschlossen haben, nun den Berufseinstieg in Deutschland wagen und versuchen, hier eine berufliche und persönliche Perspektive zu finden.

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Durch ihre eigene Tätigkeit als medizinische Fachangestellte und Ausbildungsbeauftragte kann sie die Neuankömmlinge beim Start am neuen Arbeitsplatz und im neuen Team unterstützen, denn die organisatorischen und praktischen Abläufe bei den Sana Kliniken des Landkreises sind ihr sehr gut bekannt. Im Gespräch plaudert sie aus dem Nähkästchen. Das Interview hat Sana zur Verfügung gestellt.

Frau Fischer, seit Anfang Juni letzten Jahres sind Sie als Integrationsbeauftragte bei den Sana Kliniken des Landkreises Cham tätig. Eine Stelle, die es bislang nicht gab. Mit welchen Aufgaben wurden Sie betraut?

Fischer: Meine Aufgaben bestehen vor allem darin, unseren internationalen Fachkräften einen leichteren Einstieg zu ermöglichen. Die Integration ist hierfür das A und O. Es ist uns sehr wichtig, die Pflegekräfte zu integrieren und nachhaltig an die Sana Kliniken des Landkreises Cham zu binden. Des Weiteren bin ich Ansprechpartner für Fragen zu Themen wie Integration und Migration, Aufenthaltstitel und Termine mit anderen Behörden und Institutionen. Bestes Beispiel ist derzeit die Umschreibung des Führerscheins. Hier versuchen wir – auch mit Hilfe der ortsansässigen Fahrschulen – dass die Umschreibung schnell vollzogen ist.

Wie erleichtern Sie den Einstieg?

Ich nehme sie tatsächlich an die Hand. Besonders während der Ankunftsphase und in den ersten Monaten bin ich ein wichtiger Ansprechpartner und häufig auch die erste Bezugsperson. Ich begleite sie bei Behördengängen, unterstütze bei der Wohnungssuche und gebe hier und da Tipps. Aber alles in einem gesunden Maß. Unsere Fachkräfte sollen wissen: Ich bin für sie da, aber ich erwarte auch Eigeninitiative. Aber auch die direkten Vorgesetzten müssen mit eingebunden werden – in den sogenannten Onboarding-Prozess, denn schließlich sind sie diejenigen, die häufig Fragen beantworten müssen. Eine meiner wichtigsten Aufgaben ist es nachzuhaken. Meiner Erfahrung nach wollen viele internationale Fachkräfte nicht zur Last fallen und zu viel fragen. Da gilt es, auch mal zwischen den Zeilen zu lesen, Fingerspitzengefühl zu entwickeln und Hilfe anzubieten.

Warum haben Sie sich für eine Tätigkeit als Integrationsbeauftragte entschieden?

Schon in meiner Vorverwendung als medizinische Fachangestellte habe ich sehr gern mit Menschen zusammengearbeitet. Als Integrationsbeauftragte bin ich fast noch näher dran. Es sind viele schicksalsbehaftete Geschichten, die einen auch manchmal nicht loslassen. Für mich ist es sehr bedeutsam, den Prozess der internationalen Fachkräfte mit begleiten zu dürfen. Der Neustart in einem völlig anderen Land, der Einstieg in den Berufsalltag, die verschiedenen, auch bürokratischen Hürden, die Wohnungssituation und letztendlich irgendwann die erfolgreiche Integration – die Tätigkeit hat sehr viele Herausforderungen, und man lernt tatsächlich jeden Tag etwas dazu.

Welches Ziel verfolgen Sie?

Mein Ziel ist es, unsere Fachkräfte, die meistens aus Tunesien, Marokko und aus dem Irak kommen, bestmöglich an die Sana Kliniken des Landkreises zu binden und in unsere Gesellschaft zu integrieren. Einen Umgang von gegenseitiger Wertschätzung und Respekt zu schaffen, und dass die Beschäftigten eine Anlaufstelle haben, die sie berät und unterstützt. Ich fühle mich oft als die „große Schwester“, die allen mit Rat und Tat zur Seite steht. Ich möchte tatsächlich die nötige Starthilfe geben, aber mit Langzeitwirkung.

Wie wichtig ist Integration für eine zukunftsorientierte Klinik?

Integration von internationalen Fachkräften gehört schon jetzt zum Klinikalltag. Dabei hört der Integrationsprozess nicht beim Erlernen der Sprache auf. Es ist wichtig, sich nicht mit einfachen Lösungen zufrieden zu geben. Zugewanderte Fachkräfte sind schon jetzt ein Grundpfeiler in der medizinischen Versorgung und werden in Zeiten des Fachkräftemangels auch weiter an Bedeutung gewinnen.

Gab es etwas, was Sie nicht erwartet hätten?

Sowohl unsere Anpassungspraktikanten, als auch unsere Auszubildenden in der Berufsfachschule für Pflege sind sehr wissbegierig. Sie möchten so schnell und so viel wie möglich erlernen. Bestes Beispiel sind unsere Zwillinge, die die dreijährige Ausbildung absolvieren. Beide lernen bis teilweise 23 Uhr. Das an den Tag gelegte Engagement und die nötige Motivation hätte ich tatsächlich nicht erwartet und hat mich auch überrascht. Aber ich möchte auch betonen, dass nicht nur unsere internationalen Azubis/Praktikanten hoch motiviert sind, sondern natürlich wollen alle ihre Ausbildung bestmöglich absolvieren.

Wie sieht es mit den Sprachbarrieren aus?

Nicht nur die Verständigung ist enorm wichtig, sondern auch „das Verstehen“ des Patienten, des Arztes, der Pflegekraft. Unsere internationalen Fachkräfte kommen bereits mit einem gewissen Sprachniveau. Aber wir dürfen auch nicht den Oberpfälzer Dialekt vergessen. „Auffe, obe, umme, zure, Zinken, Bleschl, Haxn: Das ist eine absolut neue Sprache. Hier tun sich unsere Praktikanten sowie unsere Auszubildenden schon sehr schwer. Daher hat auch die Berufsfachschule für Pflege die bayerische Sprache zusätzlich im Deutschsprachkurs vereinzelt mit aufgenommen. Beispielsweise das Wort „einschmieren“ statt „eincremen“ – musste erst einmal besprochen werden. Unser Dialekt gehört einfach zur Integration. Egal in welcher Sprache im Gesundheitswesen gesprochen wird, ob mit oder ohne Dialekt: Das Wichtigste ist, dass sich die Patienten verstanden und aufgeklärt fühlen.

Sie erzählen oft von den bürokratischen Hürden. Was würden Sie sich persönlich wünschen?

Natürlich muss vieles geregelt sein, aber oft ist es auch eine Überregulierung. Und manchmal steht es in keinem Verhältnis. Beispielsweise kostet eine Übersetzung des ausländischen Diploms pro Seite 70 Euro. Bei acht bis zehn Seiten kommt da schnell eine Summe zusammen, die sich die Fachkräfte nicht leisten können. Vieles dauert einfach lange bzw. es gibt für alles ein extra Formular. Selbst ich als deutsche Bürgerin musste mich da erst einmal „reinfuchsen“. Wie geht es da nur den Menschen, die nicht aus Deutschland stammen? Tatsache ist: Ohne internationale Fachkräfte geht es nicht mehr. Aber Tatsache ist auch: ohne Integration auch nicht mehr.

Was werden Ihre Schwerpunkte für das Jahr 2024 sein?

Nun – für unsere ersten Anpassungspraktikanten stehen bald die Prüfungen bevor. Wir hoffen natürlich, dass alle bestehen. Aber vor allem hoffen wir, dass sie bleiben. Wir investieren viel Zeit und viel Mühe, daher dürfen wir die Personalbindung nie aus dem Auge verlieren. Nur wenn sich die Mitarbeiter wohlfühlen, werden sie bleiben. Und das geht nur Hand in Hand. Einen Kulturtag könnte ich mir beispielsweise gut vorstellen. An den Sana Kliniken des Landkreises Cham beschäftigen wir mittlerweile über 30 Nationalitäten mit ihren unterschiedlichsten Kulturen. Das Interesse und auch Verständnis für den Gegenüber muss gelebt werden. Meine Arbeit wird weiterhin spannend bleiben, weil die Menschen so unterschiedlich sind wie ihre Herkunft: Integration ist ein individueller Prozess.