Solidarität und Ablehnung: So reagieren die Neumarkter auf den Bahnstreik und die Bauernproteste

Von Peter Romir · 13. Januar 2024 um 05:00

Traktoren rollen durch die Straßen, die Züge stehen dagegen still. Die Woche der parallelen Bahnstreiks und Bauernproteste hatte im Vorfeld Ängste geschürt: Werden die Autobahnen voll und die die Lebensmittelregale leer werden?

Nun, am Ende der Woche, ist von einer Ausnahmesituation wenig zu spüren. „Dass die Bahn streikt fällt mir gar nicht groß auf – die kommen eh immer unpünktlich“, lacht Schülerin Sina. „Ich hätte nicht gedacht, dass ich problemlos durch ganz Deutschland komme – aber es hat erstaunlich gut geklappt“, meint Christoph, der mit der Bahn aus Berlin nach Neumarkt gefahren ist.

Bei den Gesprächen mit Passanten zwischen Bahnhof und Rathaus zeigt sich, dass niemand durch die Proteste persönliche Nachteile erlitten hat. Das sorgt für eine überwiegende Zustimmung zu den Aktionen: „Ich finde es gut, dass alle für gerechtere Verteilung protestieren“, meint etwa Brigitte. „Eigentlich sollten wir Rentner auch auf die Straßen gehen. Die Rentenerhöhung um vier Prozent war viel zu gering.“

Keine Tomaten aus Spanien

„Wir wollen alle Umweltschutz – und die Bauern betreiben ja auch Landschaftspflege“, sagt das Ehepaar Jodl aus Berngau. „Das gibt es eben nicht umsonst. Uns ist es wichtig, dass die Tomaten auch weiterhin aus Deutschland kommen – und nicht aus Spanien.“

„Solang sich die Aktionen im Rahmen halten und nicht den Verkehr blockieren, finde ich die Bauern-Proteste gut“, meint Hilde aus Neumarkt. „Die Bahn ist dagegen ein Kapitel für sich. Ich finde die könnten es auch mal gut sein lassen und sich freuen, dass sie nicht verstaatlicht werden.“

„Die Bahn gibt viel zu viel für ihr Management aus, da sollten sie lieber ihre Arbeiter anständig bezahlen!“, meint ihr Nachbar Robert.

Kritik am Bauernverband

Es gibt aber auch vereinzelt kritische Stimmen: „Vom Bauernprotest halte ich nicht viel“, sagt ein älterer Herr und beugt sich verschwörerisch nach vorne: „Seit Jahren mache ich die Steuererklärung für einen Verwandten, der einen Hof hat. Der verdient nicht schlecht – und jedes Jahr mehr.“ Nach seiner Ansicht sollten lieber Pfleger und Krankenschwestern streiken: „Wenn man in mein Alter kommt, sind das die Leute, auf die wir wirklich angewiesen sind.“ Wofür würde er selbst auf die Straße gehen? „Für eine neue Regierung!“, lacht er.

Regierung in der Pflicht

Ähnlich sieht das Ludger: „Der aktuelle Regierungsstil ist einfach grottig. Die Politiker machen ihre Arbeit schlecht und wollen die Leute dafür zahlen lassen.“ Für Ulla Neumann liegt das Problem dagegen vor allem in der schlechten Kommunikation mit den Bürgern: „Viele Sparmaßnahmen wurden von heute auf morgen plötzlich verkündet. Besser wäre es, im Vorfeld vernünftige Gespräche mit den Betroffenen zu suchen. Durch Hauruck-Aktionen wird nur der Unmut geschürt, wovon populistische Schwätzer, wie die AfD, profitieren.“

Daumen hoch für Proteste

Rentnerin Renate sieht die Regierung dagegen komplett als falschen Ansprechpartner für die Landwirte: „Die Bauern sollten lieber vor Aldi, Lidl oder Netto protestieren. Die sind es doch, die mit ihren schlechten Konditionen die Bauern arm halten.“

Gefragt, was er von den Bauernprotesten hält, zückt Arash Dab erstmal sein Handy, um sich die Worte auf persisch übersetzen zu lassen. Dann reckt er den Daumen nach oben. Von der App lässt er seine Antwort ins Deutsche übertragen. Da steht dann: „Wir kommen aus dem Iran. Als wir in unserem eigenem Land demonstrierten, waren Waffen auf unsere Köpfe gerichtet, deswegen sind wir weggelaufen.“

In Deutschland sehe er keinen Grund mehr, gegen etwas auf die Straße zu gehen: „Ich habe hier keine Klagen. Aber ich unterstütze alle, die für ihre Rechte einstehen.“

Deutschland lernt zu demonstrieren

Dass die Menschen in Deutschland für ihre Belange demonstrieren ist übrigens noch ein recht junges Phänomen. Laut Informationen der Bundeszentrale für Politische Bildung galt die „Protestkultur in Deutschland bis Ende der 70er Jahre als weniger ausgeprägt als in anderen westlichen Ländern.“ Das zeigen wissenschaftliche Studien zum Protestverhalten der Deutschen zwischen 1975 und 2018. Demnach war es vor allem die Anti-Atomkraft-Bewegung der 80er, welche die Menschen auf die Straße gebracht hat. Seitdem sei öffentlicher Protest immer mehr als legitimes Mittel der Meinungsäußerung anerkannt und die Bereitschaft dazu „halte sich auf einem konstant hohem Niveau.“