Kunstminister Markus Blume: „Der Kultur helfen keine warmen Worte“

Die Haushaltslage ist schwierig – aber Bayerns Kunstminister Markus Blume will bei der Kultur nicht sparen. Im Gespräch mit der Mediengruppe Bayern bezieht er auch zu drängenden Regensburger Fragen Stellung.
Bundeskulturministerin Claudia Roth will Kultur als Staatsziel verankern, Sie sind dagegen. Was finden Sie falsch am Staatsziel Kultur?
Markus Blume: Ich halte die Prioritätensetzung der Bundesregierung auch an dieser Stelle für falsch. Der Kultur helfen keine warmen Worte, auch keine Aufnahme ins Grundgesetz, wenn das Wichtigste fehlt: finanzielle Unterstützung vom Bund. Der Kulturfonds Energie zum Beispiel wurden über Nacht gestrichen. Ganz anders in Bayern: Hier kann sich die Kultur darauf verlassen, dass der Freistaat sie unterstützt. Wir haben 2023 für Kultur so viel ausgegeben wie noch nie: fast eine Milliarde Euro. Und die Zusage unseres Ministerpräsidenten Markus Söder für 2024 und die folgenden Jahre steht: Bei Kunst und Kultur wird nicht gespart. Wir spüren deshalb in der ganzen Szene Rückhalt.
Vernünftige Balance bei Kulturinvestitionen
Sie haben große Pläne, sprechen von „Kulturkaskade“. Für Ersatzoper Nürnberg und NS-Lernort werden etwa 210 Millionen Euro fällig, für Konzerthaus oder -saal München unter eine Milliarde, fürs Staatstheater Augsburg 340 Millionen. Wo sehen Sie Sparpotenzial?
Blume: Es geht um eine vernünftige Balance. Kulturelle Infrastruktur ist wichtig, aber wir dürfen uns nicht in Beton erschöpfen. Entscheidend sind die Inhalte und die Menschen. Deshalb ist mein Ansatz nicht das Sparen, sondern die vernünftige Ordnung und Priorisierung der anstehenden Aufgaben. Überall in Bayern muss Kultur blühen können, wie das in der Oberpfalz der Fall ist. Mir ist wichtig, dass wir – in einer Zeit anspruchsvoller Haushalte – Regensburg auf den Weg zum Staatstheater bringen. Das ist ein deutliches Bekenntnis zur Region und ein Ausweis des künstlerischen Potenzials des Theaters.
Also: Alle anderen Ressortleiter sparen, Markus Blume nicht?
Blume: Ich muss die Aufgaben im Kunst- und Kulturbereich ordnen und um Verständnis bitten, dass nicht alles gleichzeitig geht. Aber umgekehrt möchte ich, dass jeder eine verlässliche Perspektive hat – und ich denke schon, dass Bayern die geben kann.
Bleiben wir beim Staatstheater Regensburg. Ereilt uns der Titel noch zum Saisonstart 2025?
Blume: Bleiben wir ambitioniert! Natürlich habe ich Vorsorge getroffen, dass wir unsere Finanzzusagen für die Staatstheater-Werdung einhalten können. Mein Ziel ist die Spielzeit 2025/2026.
Also: Die Antwort bleibt offen.
Blume: Es muss ja noch spannend bleiben (lacht). – Im Ernst: Ich sehe, dass das Theater hier riesigen Rückhalt hat. Und die Art, wie der erste Schritt zum Staatstheater inszeniert wurde, mit einem tollen Festakt auf der Bühne, dazu Fanfarenklänge: Das war wirklich großes Theater!
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Das Velodrom, mit 600 Plätzen größte Spielstätte des Theaters, muss für vielleicht 50 Millionen Euro modernisiert werden. Regensburg rechnet mit 70 Prozent Förderung. Bleibt die Erwartung, vor dem Hintergrund knapperer Mittel, realistisch?
Blume: Es geht um eine kommunale Baumaßnahme. Bayern steht zu den Zusagen an die Kommunen. Ich weiß von unserem Finanzminister Albert Füracker, dass er als Oberpfälzer auch ein großes Herz fürs Theater hat. Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind und Regensburg das Velodrom saniert, kann die Stadt mit der Unterstützung des Freistaats rechnen.
„Reicht nicht, sich auf Vergangenheit auszuruhen“
In Bayreuth steht ein neues Finanzmodell an, der Vertrag von Festspiel-Chefin Katharina Wagner läuft aus. Sie sagen, Sie erwarten „Exzellenz und mutige Konzepte“. Aber beides bietet Bayreuth doch längst. Was also erwarten Sie genau?
Blume: Es reicht nicht, sich ausschließlich auf künstlerische Erfolge der Vergangenheit oder einem großen Namen auszuruhen. Man muss sich immer wieder neu anstrengen – das gilt für jede Kultureinrichtung. Im letzten Jahr fand ich das Konzept mit virtuellen Brillen auch im Sinn einer Erweiterung des Bühnenraums sehr spannend, musste aber feststellen: Im Moment sind in Bayreuth die Brillen noch unbequemer als die Stühle (lacht). Am Ende geht es um die Frage: Wie kann man Tradition bewahren und trotzdem jüngere Menschen erreichen? Und wie kann man weiterhin weltweit Maßstäbe in der zeitgemäßen Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners setzen?
Die Kulturszene reagiert zögernd auf das Massaker der Hamas am 7. Oktober. Ein Internet-Pranger ätzt gegen Kulturhäuser, die sich mit Israel solidarisieren, sie würden „zur Rechenschaft gezogen“. Wie groß ist in Ihren Augen die Gefahr – und wie ist die Haltung zu erklären?
Blume: Wir haben in Bayern eine klare, von allen Einrichtungen geteilte Grundüberzeugung: Dieser terroristische Akt der Hamas ist durch nichts zu rechtfertigen. Wir treten in aller Entschiedenheit gegen jede Tendenz von Antisemitismus und Antijudaismus an mit einer Null-Toleranz-Politik.
Halten Sie für sinnvoll, dass – wie in Berlin – Kulturhäuser, die Förderung beantragen, erst zusichern müssen, sich gegen Antisemitismus zu stellen?
Blume: Für mich ist es selbstverständlich, dass sich jede Einrichtung, die wir fördern, zu unseren Grundwerten bekennt. In Bayern haben wir schon lange dazu eine strikte Auflage für unsere Förderempfänger. Wichtig ist, jetzt den nächsten Schritt zu gehen. Ich bin mir mit der Kunstministerin aus NRW, Ina Brandes, einig, dass wir eine bundesweit abgestimmte Lösung für ein wirkungsvolles Vorgehen brauchen. Bund und Länder sollten hier gemeinsam zu einer Lösung kommen.
Bayerns Königsschlösser sollen Welterbe werden. Mit Gerhard Polt gefragt: Braucht’s das? Stichwort overtourism und Proporz: Die Schlösser können sich vor Besuchern eh’ kaum retten und das alte, weiße Kulturerbe ist bereits überrepräsentiert.
Blume: Ich finde, Regensburg sollte auch anderen den Welterbetitel gönnen (schmunzelt). Bayern ist bereits gesegnet mit zehn Welterbestätten. Das Prädikat ist Anerkennung unseres reichen kulturellen Erbes. Die Königsschlösser sind reif für den Titel, sie haben Bedeutung weit über Deutschland hinaus, ja, die ganze Welt beneidet uns um sie. Mit Konzepten für nachhaltigen Tourismus lässt sich das große Besucherinteresse verträglich gestalten.
Raubkunst-Rückgabe, die offene Wunde: Claudia Roth will Fördergeld an Museen koppeln an das Bekenntnis zu einer offenen Haltung gegenüber Restitution. Sie fordern statt einer Gesinnungsprüfung Rechtssicherheit. Warum?
Blume: Claudia Roth sollte erst die Hausaufgaben aus dem Koalitionsvertrag erledigen. Dort ist verankert, und ich unterstütze das, dass Deutschland gesetzliche Regelungen für Raubkunstrückgaben bekommt. Wir brauchen nach 25 Jahren soft law, also unverbindlichen Verabredungen, jetzt den Schritt zur Verbindlichkeit. Bayern steht ohne Wenn und Aber – auch wenn Claudia Roth immer wieder einen anderen Eindruck zu erwecken versucht – zu Restitution und ist führend bei der Provenienzforschung. Bei uns ist selbstverständlich, dass restituiert wird, wo NS-Unrecht stattgefunden hat und Vermögenswerte entzogen wurden. Ich wünsche mir, dass das ganze System auf einer gesicherten gesetzlichen Grundlage weiterentwickelt wird, um auch in schwierigen Fällen klarere Leitplanken zu haben. Bayerns staatliche Einrichtungen haben in den letzten Jahren 245 Objekte restituiert. Schon diese Zahl belegt unsere klare Haltung.
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Denkmal- und Klimaschutz können sich beißen. Sie haben gerade das Bayern-Museum Regensburg besucht. Können Sie sich vorstellen, dass die riesige Dachfläche im Welterbe mit Solarpanelen vollgepackt wird?
Blume: Das Haus der Bayerischen Geschichte wurde klimaneutral als Passivhaus geplant. Die Photovoltaik-Anlage wird ein weiterer Meilenstein und ist fürs kommende Jahr vorgesehen. Es setzt dann Maßstäbe – weltweit. Regensburg ist für mich generell ein gutes Beispiel, wie Denkmal- und Klimaschutz zusammengehen. Wir haben mit dem neuem Denkmalschutzgesetz den Weg dafür geebnet. Dass – je nach Kategorie und Sichtbarkeit – nun Photovoltaik auf Dächern von Denkmal-Ensembles installiert werden kann, ist eine Riesenschritt und ein bemerkenswerter Beitrag zum Klimaschutz.
Sie können sich also das komplette Dach des Museums mit Solarpanelen vorstellen?
Blume: Das wird so kommen – und zwar mit einer für das Stadtbild verträglichen, gut gemachten Lösung. Auch hier wird Regensburg Vorreiter sein.
Interview: Marianne Sperb

