Ohne sie geht es nicht: Durch die Regensburger Silvester-Nacht mit Straßenreinigerin Ute Doß

Von Jonas Raab · 2. Januar 2024 um 17:00

Die erste Nacht im neuen Jahr ist gleich die müllreichste. Während Regensburg Silvester feierte, sorgte Ute Doß zusammen mit ihren Kollegen der städtischen Straßenreinigung für saubere Straßen in der Altstadt. Wir haben sie auf ihrer Tour begleitet.

„Scheiße“, sagt Ute Doß, als sie das Scherbenmeer in der Weiße-Hahnen-Gasse erblickt. Dreieinhalb Stunden nach dem Jahreswechsel gleicht der kurze Straßenzug einem Schlachtfeld. Zwischen Pappbechern, Pizzaschachteln, Glitzerfäden und zerbrochenen Flaschen hat sich jemand übergeben. Die 58-Jährige kehrt das Erbrochene zusammen. „Igitt“, flüstert ein junger Raucher seinem Nebenmann vor der Bar gegenüber zu. Doß arbeitet unbeeindruckt weiter.

Eine knappe halbe Stunde ist die Straßenreinigerin erst unterwegs. Die Tonne am orangefarbenen Karren, den die 58-Jährige vor sich herschiebt, ist randvoll. Der Weg zum Neupfarrplatz geht in die Arme. Das Kopfsteinpflaster macht es nicht besser. Trinkpause. „Ich bin ja kein Kamel“, sagt Doß auf Höhe des Doms. Da stehen auch zwei ihrer Kollegen. „Der Wagen ist schon so schwer. Ich muss ausleeren“, berichtet sie. Immerhin: Das Böllerverbot, das dieses Jahr erneut in der Altstadt, dem Grüngürtel, am Oberen und Unteren Wöhrd und in Stadtamhof gilt, bemerke man „gewaltig“, meint ein Kollege von Doß. „Geht gut heuer.“

Müll in Regensburg: Neujahr ist Großkampftag

Weiter zum Kaufhof. Vor der Alten Wache wirft Doß ihre Tonne um. Laut klimpernd landet der Müll mitten auf dem Platz. Sie schaufelt den Abfall etwas zusammen. So, in seiner Gesamtheit, erreicht der „Duft“ des Unrats zum ersten Mal die Nase. „Den Haufen holt später ein Bagger ab“, erklärt Doß und schiebt in Richtung Schwibbögen weiter. Alle paar Meter muss sie stehen bleiben. Es ist immer dasselbe Spiel: erst der Griff zum Reisigbesen, dann der zur Schaufel oder zum Zwicker. Leise pfeift sie dabei die immer gleiche Melodie vor sich hin.

Das Regensburger Stadtgebiet ist in einzelne Reinigungsstrecken und -klassen unterteilt. Manche Straßen und Plätze, insbesondere in der Innenstadt, werden bis zu sieben Mal pro Woche gereinigt. Montags sei die Stadt am dreckigsten, sagt Doß. „Das ist unser Kippenkehrtag.“ Und Neujahr: Da ist Großkampftag für die Straßenreinigung. Seit 0 Uhr kurven große Kehrmaschinen durch die Altstadt – „um Rettungswege schnellstmöglich wieder befahrbar zu machen“, wie eine Stadtsprecherin erklärt. Zusätzlich wurden Glascontainer aufgestellt, beispielsweise an der Eisernen Brücke.

Sieben bis zehn Tonnen Unrat lässt das Partyvolk das ganze Jahr über in der Altstadt zurück. Laut Pressestelle ist das Aufkommen in den Sommermonaten „deutlich höher“ als im Winter. Hotspots gebe es entlang der Donau und in Feier-Straßen. Mit Corona habe der To-Go-Müll zugenommen. Die städtischen Aktionen „Fair feiern“ und „Sauber beinand“ sollen für das Problem Partymüll sensibilisieren. Das Projekt „Zero Waste Regensburg“ soll das Müllaufkommen in der Domstadt bis 2035 um 15 Prozent senken – von aktuell durchschnittlich 578 auf 490 Kilogramm je Einwohner und Jahr.

„Voll geiler Besen“: Die Straßenreinigung fegt wenn andere feiern

Zurück auf der Straße: Gegen 4.30 Uhr sind viele Partygänger schon daheim oder gerade auf dem Weg dorthin. Doß ist Unter den Schwibbögen angekommen. Manche der Passanten – die, die nicht wanken – mustern die Straßenkehrerin verstohlen. Viele Menschen grüßen und wünschen ein gutes Neues. Den Jahreswechsel hat Doß schlafend verbracht. Zu arbeiten, während andere feiern, macht ihr nichts aus. „Ich bin gegen 20 Uhr ins Bett gegangen“, erzählt sie, während sie eine zerdepperte Bierflasche in die Schaufel fegt – mit ihrem „voll geilen Besen“, wie ihr zu Beginn der Tour ein junger Mann attestiert hatte.

Über das Theater ist die in Norddeutschland geborene Doß in Regensburg gelandet. Ab 1998 arbeitete sie als Kostümassistentin, als „Mädchen für alles“. Seit 2018 ist sie bei der Straßenreinigung. „Ich war die erste Frau dort“, erzählt sie. Die Stadt habe extra für sie sanitäre Anlagen geschaffen. Zwischenzeitlich wuchs die Zahl der Frauen bei der Straßenreinigung auf fünf. „Ein paar haben wieder aufgehört, eine geht zu den Blaujacken, den Aufschreibern.“

Über die Jahre hat Doß so manch schmerzlich vermisstes Ding gefunden, beispielsweise Geldbeutel. Kurioses wie ein halber BH war auch dabei, Ekliges auch. An ihrer Arbeit hat Doß trotzdem nichts auszusetzen, berichtet ausschließlich von schönen Begegnungen. „Die Bürger sehen, was wir machen. Manche bedanken sich.“ Das finde sie an ihrem Job besonders schön. Einigen Leuten begegnet die Straßenkehrerin fast täglich. „Die gehen gerade in die Arbeit ...“, beginnt sie ihre Aufzählung. „... oder feiern“, vervollständigt ein junger Mann den Satz. Doß lacht herzhaft. Während aus den Clubs in der alten Dompost die Bässe bis auf die Straße wummern, pfeift sie wieder ihre Melodie und schiebt weiter Richtung Kornmarkt.