1993 – Schicksalsjahr für die Industriestadt Kelheim und Menschen wie Franz Kärtner

Vor 31 Jahren stand Kelheim kurz davor, Industriegeschichte zu schreiben. Vor 30 Jahren dann standen Stadt und Kreis Kelheim nur noch vor einem Berg an Problemen und Altlasten: 1993 verloren mit der Insolvenz der Bayerischen Zellstoff GmbH Hunderte Kelheimer mit einem Schlag ihre Arbeit. Darunter Franz Kärtner, der sich noch gut an die unheilvolle Betriebsversammlung erinnert.
Im Aunkofer-Bräu bekamen die Beschäftigten das „Aus“ für das Kelheimer Zellstoffwerk bestätigt. Mitte September hatte die Bayerische Zellstoff GmbH Konkurs angemeldet für ihre Fabrik an der Donau, die ein Jahr zuvor, am 25. September 1992, überhaupt erst den Betrieb aufgenommen hatte: als „modernste und umweltfreundlichste Zellstoff-Produktion der Welt“, wie es damals hieß.
Mit der Inbetriebnahme schien Kelheim den Sprung geschafft zu haben vom Traditions- zum hochmodernen Standort für die Herstellung von Zellulose, dem Grundstoff von Papier und Hygieneprodukten. Die Tradition begründet hatte der Schweizer Papier-Hersteller Alfons Simonius: Er ließ von 1882 bis 1884 in Kelheim eine erste Zellulosefabrik erbauen. Kein Wunder.
Ein Schweizer gründete einst die Fabrik
Die Wälder in der Umgebung lieferten das Holz als Ausgangsstoff für die Gewinnung der Fasern; die Donau diente als „Entsorgungs-Kanal“ für die Produktionsabwässer, und die eher wirtschaftsschwache Region bot genügend Arbeitskräfte: Die 1894 gegründete „Aktiengesellschaft Simonius AG“ und ihre „Cellulosefabrik“ wurde zum existenziell wichtigen Arbeitgeber für Kelheim und Umgebung. Anfang des 20. Jahrhunderts arbeiteten dort an die 500 Menschen.
„Das Werk war wie eine Familie“, und aus fast jeder Kelheimer Familie arbeitete dort jemand, beschreiben es Ingrid und Franz Kärtner. Auch er folgte dem oft gehörten Rat „geh‘ in die Fabrik“ und fing 1987 als Betriebselektriker an. „Ich hab am Schlag sieben Mark mehr in der Stunde verdient“ – schon damals zahlte die Industrie besser als das Handwerk…
In gewisser Weise blieben es zwei Welten, die neben- und miteinander arbeiteten: einerseits die „Schichtler“ in der Produktion, andererseits die Schlosser, Elektriker und anderen Handwerker wie Kärtner, die sich ums Funktionieren der Anlage kümmerten. „Wir haben uns im Betrieb gegenseitig geholfen, und familiär auch“, zum Beispiel beim Hausbau, erinnert sich der Kelheimer gerne zurück. Und noch lieber an seine damalige Zeit bei der Werksfeuerwehr, eine „ziemlich aktive Truppe“, die auch Festivitäten organisierte.
Motiviert ging die Kelheimer Fabrik-Belegschaft auch an die Arbeit, als das neue Zellstoffwerke mit dem damals hochmodernen Organocell-Verfahren hochgefahren werden sollte. Doch die rund 300 Werksbeschäftigten waren zunehmend frustriert, erinnert sich Franz Kärtner.
Boykott aus Skandinavien?
„Jeder von uns hat wirklich alles gegeben, damit die Anlage läuft.“ Und an den Wochenenden ist sie auch „wie ein Uhrwerk gelaufen“– dann nämlich war die Kelheimer Belegschaft alleine für den Betrieb zuständig. Unter der Woche hingegen reisten eigens ,Inbetriebsetzungs-Ingenieure‘ aus Skandinavien an. „Und bei denen kam es immer wieder zu Störungen“. Noch heute vermutet der Elektriker: „Die Anlage durfte nicht laufen“, weil die Vertreter aus dem hohen Norden insgeheim das in Kelheim angewandte Organocell-Verfahren fürchteten. Der umweltfreundliche, auf Methanol basierende Holzaufschluss wäre wohl zur ernsten Konkurrenz geworden für die nordischen Werke, die nach wie vor schwefel- und chlorhaltige Reagenzien einsetzten.
Auch der frühere TU-Präsident Wolfgang Herrmann bescheinigte 2013 in einem Vortrag, dass die Kelheimer Zellstoff-GmbH mit dem neuen Verfahren eine „weltweit sichtbare Leuchtturm-Funktion“ übernommen und Kelheim damit „zweifelsfrei Industriegeschichte geschrieben“ hätte.
Stattdessen, nur ein Jahr nach dem Start des neuen Werks: die Insolvenz, verkündet in besagter Betriebsversammlung. Sein Gefühl damals? „A bleeds“, antwortet Franz Kärtner trocken. Enttäuschung, Wut und Zorn hätten unter der Belegschaft, aber auch in der ganzen Stadt geherrscht. Nicht zuletzt, weil die bayerische Staatsregierung dem Traditionsunternehmen einen erhofften Millionen-Kredit nicht gewähren wollte.
Das kam den Kärtners jüngst wieder öfter in den Sinn: „Während Corona gab es die großen Rettungsschirme für Konzerne wie Lufthansa – uns hat die ,große Politik damals hängen gelassen…“. Freilich wurde damals auch die starke Flaute auf dem Weltmarkt für Zellstoff als Grund fürs Scheitern genannt. Und es sei damals vielen in Kelheim schon ganz recht gewesen, dass die industrielle Produktion am Kelheimer Donauufer, mit ihrer jahrzehntelangen Umweltbelastung, der Vergangenheit angehörte.
Franz Kärtner fand schnell einen neuen Job
Immerhin war der Verlust des Arbeitsplatzes zum 30. September 1993 für Franz Kärtner kein allzu großer Schock. Dass es im Werk kriselte, hatten er und seine Kollegen schon viele Wochen zuvor gespürt. Und weil der damals 26-Jährige mitten in Hausbau und Familienplanung war, hatte er frühzeitig seine Fühler ausgestreckt. Das Siechtum der Fabrik, in Gestalt des Warmhaltebetriebs, den Konkursverwalter und ein potenzieller Investor noch bis März 1996 aufrecht hielten, bekam Franz Kärtner gar nicht mehr mit.
„Ich war nur einen Tag arbeitslos“, dann fing er bei einem Heizungsbauer in Herrnsaal an und arrangierte sich schnell mit dem neuen Job. Zumal er letztlich „trotz allem immer Handwerker war, kein Industriearbeiter“.
Heute, wenn er für seinen jetzigen Arbeitgeber Stadtwerke Kelheim im Donaupark tätig ist, verschwendet er kaum noch einen Gedanken an die Zellstoff-Fabrik, die früher hier stand. Außer, wenn er mal im Bereich Donaupark 13 tätig ist, dem hohen Gebäude neben der Firma PCO. „Da unten drin, da war unsere Werkstatt…“
