Das erste und das letzte Bild: Anja Zilch aus Burglengenfeld fotografiert Sternenkinder

Von Lisa Steigerwald · 25. Dezember 2023 um 19:00

Eltern von Sternenkindern bleibt meist nur wenig Zeit, um Erinnerungen an ihr verstorbenes Kind zu sammeln. Anja Zilch aus Burglengenfeld (Landkreis Schwandorf) arbeitet seit zwei Jahren für die Region Regensburg, Schwandorf und Amberg ehrenamtlich als Sternenkinderfotografin der „Dein Sternenkind Stiftung“ (DSK).

In dieser Zeit hat die gelernte Altenpflegerin und Kindergärtnerin 24Familien begleitet. „Im Sommer ist es ruhig“, erzählt die Fotografin. Doch es gebe auch Tage, vor allem im Herbst und Winter, da werde sie zu mehreren Einsätzen am Tag gerufen. Informiert wird die 40-Jährige über eine Alarm-App auf ihrem Handy. Nimmt sie den Fall an, muss sie dies im DSK-Forum melden. Dort findet Zilch dann weitere Angaben wie etwa das Krankenhaus, die Todesursache, den Namen des Kindes (falls vorhanden) und das Alter oder die Schwangerschaftswoche (SSW).

Aber auch, ob Eile geboten ist, berichtet Zilch, denn in manchen Fällen, wie zum Beispiel dem plötzlichen Kindstod, wird das Baby von der Polizei beschlagnahmt. Dann bleibt der 40-Jährigen meist nur eine halbe Stunde, bis die Polizei das Kind in die Rechtsmedizin bringt. Nur selten nimmt sie einen Fall nicht an.

Wie läuft ein Termin ab?

„Jeder Einsatz ist anders“, sagt Zilch. Meistens seien die Eltern dabei, aber es komme auch vor, dass sie ihr totes Kind aus religiösen Gründen nicht sehen wollen. Um die Kinder „frisch“ zu halten, werden sie in ein gekühltes Wasserbad gelegt. Zilch fotografiert die Sternenkinder auch unter Wasser. „Da sehen sie aus wie frisch geboren“, erklärt die Fotografin.

Mit einem Seidentuch bedeckt sie den Intimbereich und die Nabelklemme. Das Tuch störe auf den Bildern nicht, da es im Wasser schwebe. Sie fotografiert die Kinder auch außerhalb des Wasser, zum Beispiel auf einem Kissen oder in gestrickten Tücher. Je nach Jahreszeit dekoriert Zilch das Set mit Blumen, Sternen oder Schneeflocken. Natürlich kommen auch persönliche Dinge wie Kuscheltiere mit auf das Foto.

Die meisten Eltern stünden noch unter Schock und eine leichte Distanz ist oft zu spüren, erzählt Zilch. Bei den Geschwisterkindern sei das anders, „sie haben keine Scheu und Angst“, und auch die Großeltern seien etwas „freier“ in ihrem Umgang mit der Situation. Neben Fotos macht sie zur Erinnerung auch Fußabdrücke. Das sei normalerweise die Aufgabe der Krankenhäuser, aber nicht bei Sternenkindern, sagt die 40-Jährige.

Zu drei Elternpaaren hat die Fotografin noch Kontakt

Was hat sie gedacht, als sie zu ihrem allerersten Einsatz fuhr? „Schaffe ich das?“ Ihr Mann habe im Auto auf sie gewartet, erzählt die Fotografin. Aber sie sei so konzentriert gewesen, schöne Fotos zu machen, dass die Situation in den Hintergrund getreten sei. Den trauernden Eltern etwas Gutes zu tun sei auch der Grund für ihr ehrenamtliches Engagement. Nach einem Fall stelle sie sich immer neben ihr Auto und rauche eine Zigarette. Das sei ihr Ritual, um abzuschließen.

Zu drei Elternpaaren habe sie noch Kontakt, es waren ihre emotionalsten Einsätze. „Der Vater hat mich umarmt und sich gefreut, dass er nun nicht mehr allein ist“, erzählt die Fotografin. Es war eine Ausschabung in der 18. SSW und die Frau des Mannes war noch im Operationssaal. Halt fand der Papa bei Zilch, gemeinsam machten sie Fotos von seinem Sternenkind. „Der Mann war dankbar, solche Momente berühren mich sehr“, erzählt Zilch.

Wer für die Sternenkinder nähen will, kann sich bei der Fotografin melden

Was passiert nach dem Fotografieren? „Ich bearbeite die Bilder und lasse sie drucken.“ Eine Schneiderin näht aus alten Kleidern Fototaschen, in die sie die Fotos noch einmal extra einwickelt. „Damit die Eltern sie langsam auspacken können, wenn sie so weit sind“, sagt die 40-Jährige. Dazu legt sie mit Engeln und Blumen bemalte Steine.

Die Fotografin sucht übrigens immer fleißige Näherinnen oder Bastler die etwas häkeln, stricken oder basteln wollen, um es den Bildern beizulegen. Wer Interesse hat, kann sich per E-Mail bei Anja Zilch melden: anjazilch@web.de.

Die Zeit, die die Fotografin mit den Sternenkindern hat, ist ganz unterschiedlich. Mal sind es drei Stunden, mal nur 15 Minuten. So entstehen zwischen 15 und 90 Bilder als Erinnerungen für die Eltern.

Vier Sammelbeerdigungen gibt es im Jahr in Amberg und Sulzbach-Rosenberg

Vier Sammelbeerdigungen pro Jahr gibt es laut Sozialpädagogin Ute Schieder von Donum Vitae in Amberg und Sulzbach-Rosenberg. „In dem Sarg sind immer mehr als 20 Kinder – von der Ausschabung bis zur 23.SSW oder unter 500Gramm“, sagt die Sozialpädagogin. Eine Lebendgeburt unter 500 Gramm müsse eine individuelle Bestattung bekommen. Auch hier würde Donum Vitae die Eltern finanziell unterstützen. Die Särge für die Sternenkinder werden abwechselnd von Berufsschülern aus Schwandorf und Sulzbach-Rosenberg angefertigt.

Seit 2015 gibt es das Bestattungspflichtgesetz, das vorschreibt, dass alle Kinder beerdigt werden müssen. Kinder, die in Amberg oder Schwandorf zur Welt kommen, werden vorschriftsmäßig bestattet, sagt sie. Dass Eltern bei der Beerdigung ihres Kindes nicht dabei sind, käme schon vor. Die Gründe dafür seien sehr unterschiedlich und individuell, so die Sozialpädagogin.

Laut Schieder steigen die Beratungszahlen in Amberg, weil die Zahl der Fehl- und Totgeburten zunimmt. Die Gründe dafür seien unklar. Auch das Statistische Bundesamt teilte mit, dass die Zahl an Totgeburten tendenziell wächst. Im Jahr 2022 stieg sie von 4,3 Prozent auf 4,4 Prozent je 1000 Geburten.

Auch das Barmherzige Brüder Krankenhaus St.Barbara in Schwandorf meldete sich zu Wort. Zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst, findet eine ökumenische Abschiedsfeier und Sammelbestattung mit Seelsorger statt. Dieses Sternenkindergrab befindet sich auf dem städtischen Friedhof in Schwandorf. St. Barbara weist darauf hin, dass Eltern ihr verstorbenes Kind, das weniger als 500Gramm wiegt, auch in einem Einzelgrab bestatten lassen könnten.

Die Sozialpädagogin Schieder macht zudem darauf aufmerksam, dass es neben Beratungsgesprächen bei Donum Vitae auch eine Selbsthilfegruppe für Eltern von Sternenkindern gibt. Die Dienste seien alle kostenlos. Es werden ebenfalls Paare mit einem unerfüllten Kinderwunsch begleitet.

Hilfe finden Eltern von Sternenkindern bei der Selbsthilfegruppe von Donum Vitae. Foto: Anja Zilch
Die 40-Jährige bereitet sich auf einen Einsatz vor, wie sie es nennt. Foto: Lena Held