Florian Bauer (32) aus Weiding fotografiert ehrenamtlich Sternenkinder

Von David Salimi · 8. Oktober 2023 um 11:00

Ein Dutzend Schwarzweißfotos mit Säuglingen sammeln sich vor Florian Bauer auf dem Tisch. Foto für Foto nimmt er in die Hand, sieht es lange an und überlegt, ehe er zum nächsten greift. Man merkt schnell: die Bilder berühren den 32-Jährigen sehr.

Auch wenn die Motive sich auf den ersten Blick ähneln, so hat jedes dieser Bilder seine ganz eigene Geschichte. Geschichten von Trauer, Ohnmacht und Verzweiflung. Florian Bauer aus Döbersing bei Weiding kennt all diese Geschichten hinter den Bildern. Seit zwei Jahren ist er ehrenamtlicher Sternenkinderfotograf und begleitet als solcher verwaiste Eltern in ihren dunkelsten Momenten.

Durch Zufall stößt der gelernte Gastronom im Frühjahr 2022 auf eine Annonce der Stiftung „Mein Sternenkind“, die nach Fotografen für den Bayerischen Wald sucht und fühlt sofort: „Das will ich unbedingt machen.“ Wochenlang liest er sich in das Thema ein, informiert sich und fragt seine Kollegen von der Stiftung um Rat. Den richtigen Umgang mit den erschütterten Eltern vor Ort, umgeben von der kühlen Krankenhausumgebung, und nicht zuletzt den Umgang mit der eigenen Psyche – all das muss der 32-Jährige, bislang einziger Sternenkinderfotograf im Landkreis Cham, fortan erst lernen. „Anfangs konnte ich die Säuglinge nicht anfassen oder gar in die Hand nehmen“, erzählt er. „Das habe ich einfach nicht geschafft.“

Heute gehe er mit deutlich mehr innerer Sicherheit zu den Einsätzen. Auch die anfängliche Scheu, die Kinder zu berühren, hat er abgelegt. Eine bestimmte Ungewissheit vor jedem Fototermin bleibt jedoch weiter, denn „jeder Einsatz ist unterschiedlich“, erzählt er. Manche Eltern seien vollkommen neben sich. Andere wirkten gefasst. Manche reden gar nicht, andere suchten das Gespräch mit ihm. Oft komme es auch vor, dass die Eltern selbst Berührungsängste mit dem Säugling haben. „Wenn sie dann sehen, wie ich das Kind berühre, freuen sie sich.“

Auch wenn es in erster Linie die Aufgabe von Bauer und seinen Kollegen ist, Erinnerungen zu schaffen, sind sie in diesem Moment doch viel mehr als nur Fotografen. „Ein Stück weit übernehmen wir in diesem Augenblick auch die Rolle eines Trauerbegleiters“, sagt er. Immerhin begleite man die Eltern in diesem Moment durch einen wichtigen Prozess. Außerdem dürfe man nicht vergessen, dass die Fotografen neben dem Klinikpersonal zu den ersten Außenstehenden zählen, die die Eltern nach der Geburt ihres toten Kindes zu Gesicht bekommen.

Um die erschütterten Eltern ein Stück weit an die Hand zu nehmen, bereitet sich der Weidinger auf jeden Termin vor. Immer mit im Gepäck sind neben der Kamera daher auch Miniwindeln oder Mullbinden, denn „die Kinder sollen nicht nackt fotografiert werden, außer die Eltern wünschen das“, erklärt Bauer, der auf die Frage nach einem Erlebnis, das sich unter den vielen Momenten besonders bei ihm eingebrannt hat, sofort zu erzählen beginnt – von Xaver.

Erinnerung an einen Härtefall

Anders als die anderen Babys, die er bislang fotografiert hat, ist Xaver lebend zur Welt gekommen. „Ein Härtefall für mich“, wie Bauer sagt, denn Lebendeinsätze kämen ganz selten vor. Detailreich schildert er den besagten Tag, an dem frühmorgens ein Notruf auf seinem Handy eingeht. Ein Einsatz in Amberg. Die Eltern wünschen Lebendbilder. Für Bauer eine Herausforderung. Von Berichten seiner Kollegen weiß er, dass es bei Lebendbildern schnell gehen muss. „Nach drei Einsätzen dachte ich, ich weiß, was mich erwartet“, erzählt er. Doch im Krankenhaus überwältigen ihn seine Emotionen.

Er sieht die Mutter mit dem Kind auf ihrer Brust, blutverschmiert und verkabelt. Der Säugling atmet noch, regt sich. Ihr einziger Wunsch: ein Andenken, bevor sie ihr Kind wieder gehen lassen muss. „Die Schwester meinte noch zu mir, dass es nicht gut aussieht und dass es schnell gehen muss“, erinnert er sich.

Er versucht einen kühlen Kopf zu bewahren, sagt den Eltern, dass sie versuchen sollen, ihn auszublenden und sich auf das Kind zu konzentrieren. Im späteren Gespräch mit der Mutter erfährt er, dass sie ihn in diesem Moment tatsächlich gar nicht wahrgenommen hat. Die Mutter zieht eine Spieluhr auf. Beruhigende Klänge mischen sich mit dem Piepen der Maschinen im Hintergrund. Es ist diese groteske Mischung aus Intimität und sterilem Krankenhausalltag, die den Weidinger in diesem Augenblick beinahe überwältigen. „In dem Raum waren so viel Liebe und so viele Emotionen, die mich fast erschlagen hätten“, sagt er rückblickend.

Er schildert den Moment wenige Augenblicke später, als der Vater dem Krankenhauspersonal das Zeichen gibt, die Geräte abschalten zu können. Zurück bleibt ein Anblick, der sich in Bauers Gedächtnis eingeprägt hat: die Krankenschwestern, die sich wenige Augenblicke später alle rund um das Elternpaar mit ihrem toten Kind versammeln, um geschlossen Abschied zu nehmen und schließlich der Moment, in dem die Eltern mit ihrem gerade verstorbenen Kind alleine hinter den sich schließenden Türen im Kreißsaal zurückbleiben. Für Florian Bauer ist das der Moment, sich leise zurückzuziehen. „Man hat im Gefühl, wann man gehen soll“, sagt er. Auch wenn ihn heute noch die Tränen überkommen, wenn er an dieses Erlebnis denkt, ist er dankbar, diesen Moment miterlebt zu haben.

Mit Bildern Tabu aufweichen

Die Sicht des 32-Jährigen auf das eigene Leben hat sich durch die einschneidenden Erfahrungen geändert. „Ich bin heute dankbarer für das, was ich habe“, sagt er. Sich von den Emotionen auf Dauer überwältigen lassen, möchte er jedoch nicht. „Mittrauern ja, mitleiden nein“, lautet der Grundsatz, den ihm seine erfahrenen Kollegen zu Beginn seiner Tätigkeit mit auf den Weg gegeben haben. „Man darf die Einsätze nicht mit nach Hause nehmen, sonst hält man das nicht lange durch“, ist er überzeugt. Durchhalten, das möchte Florian Bauer definitiv. „Ich möchte das noch sehr lange machen“, sagt er. Sternenkinder seien viel zu sehr ein Tabuthema in der Gesellschaft. Einen Beitrag zur Enttabuisierung wollen auch Xavers Eltern leisten und wollen deshalb Bilder ihres Sohnes kurz vor seinem Tod der Öffentlichkeit zeigen.

Dass ihn viele der Eltern nicht vergessen, zeigen die Briefe, Grußkarten und Geschenke, die den Weidinger in den letzten Jahren erreicht haben. Es sind die kleinen Gesten, die dem 32-Jährigen sehr viel bedeuten. „Diese Dankbarkeit kann kein Geld der Welt aufwiegen“, sagt er. Nicht selten hält der Kontakt, Freundschaften entstehen über den Einsatz hinweg, so auch bei den Eltern von Xaver.

Über die Stiftung „Dein Sternenkind“

Stiftung: Insgesamt 650 Fotografen sind ehrenamtlich für die Stiftung in Deutschland, Österreich, der deutschsprachige Schweiz und Südtirol unterwegs, um verwaisten Eltern ein würdiges Andenken an ihr totes Kind zu schenken.

Finanzierung: Die Stiftung ist rein spendenfinanziert und bietet ihre Dienste für betroffene Eltern kostenlos an.

Kontakt: Betroffene Eltern können unter Telefon (06257) 9 18 50 09 oder per E-Mail über info@deinsternenkind einen Fotografen anfordern.

Es sind Aufnahmen, die unter die Haut gehen. Foto: Florian Bauer