Letzte Wünsche vor dem Tod: Hospiz-Leiterin Sabine Sudler aus Pentling erzählt

Eine letzte Fahrt nach Altötting, ein Steak, das man nur noch riechen und nicht mehr essen kann: Im Hospiz geht es für Menschen am Lebensende oft um kleine Herzensangelegenheiten. Die Einrichtungsleiterin des Johannes-Hospiz in Pentling bei Regensburg erzählt, was am Ende des Lebens wirklich zählt.
Es war sein Herzenswunsch, bevor er diese Welt verlässt: Johann F. (Name geändert) wollte unbedingt nochmals das Herz Bayerns besuchen. Das pocht in Altötting. Dort, in der Gnadenkapelle, sind die Herzen der bayerischen Herrscher in silbernen Gefäßen aufbewahrt. In der Stiftskirche ist es eine berühmte Figur auf der Uhr, die an die Endlichkeit des menschlichen Daseins erinnert. Johann F. kam hier immer wieder her, in der Zeit, als er noch voll im Leben stand. Nun ist sein Lebensweg fast zu Ende. Der 63-Jährige verbringt seine letzten Lebenswochen im Hospiz in Pentling.
„In unserem Hospiz gibt es immer wieder Wünsche von Gästen, die gerne noch einmal einen geliebten Ort besuchen möchten“, sagt Johanniter-Sprecher Matthias Walk. „Solche Wünsche erfüllen wir natürlich gerne.“
Das Besondere ist Ausnahme
Doch was wünschen sich Menschen in ihren letzten Lebenswochen eigentlich? Sabine Sudler ist die Leiterin der Einrichtung, die sich um die Menschen kümmert, die dem Tod ins Auge blicken. „Viele Menschen glauben, dass es immer die besonderen Wünsche sind.“ Doch das sei nicht so. „Das Besondere ist eher die Ausnahme – die meisten Menschen wünschen sich nicht, nochmals mit dem Heißluftballon über die Stadt zu fahren.“
Dann erzählt Sudler, welche Wünsche Menschen haben, deren Leben zu Ende geht. „Eine Frau hatte sich ein neues Boxspringbett gekauft, das sie kaum benutzt hatte. Ihr Wunsch war, nochmals einen Nachmittag in ihrem neuen Bett zu verbringen.“ Das machten die Mitarbeiter des Hospizes natürlich möglich. „Andere wollen nochmals auf den Friedhof, um ihre verstorbenen Angehörigen nochmals besuchen zu können. Ein anderer Gast in unserem Haus wollte mit seiner Lebensgefährtin nochmal an eine ganz bestimmte Stelle im Wald, die ihnen so wichtig war.“ Ein Gast im Hospiz wünschte sich, dass er seinen 60. Geburtstag noch erleben würde – „und da wollte er ein Steak, das war sein Wunsch“, sagt die Einrichtungsleiterin.
Der Mann freute sich an seinem 60. Geburtstag, der sein Letzter sein sollte, dabei konnte er das Steak nicht mehr essen. Es war der Geruch, der ihn glücklich machte. Im Angesicht des Todes wirkt das Glück im Kleinen: Eine letzte Begegnung, ein letzter Moment am Lieblingsort, ein Geruch, ein letzter Blick auf das Gemälde im Museum, das einem so viel bedeutet hat.
Wünsche vor dem Tod so individuell wie das Leben
„Das, was sich Menschen in ihren letzten Lebenswochen wünschen und wie sie diese verbringen, ist so individuell wie das Leben“, sagt Sudler.
Zumeist sind es Tumorerkrankungen, die dazu führen, dass die Menschen absehbar sterben werden und ins Hospiz gehen. Der Gast, der nochmals nach Altötting wollte, stand noch vor kurzem mitten im Leben. Er war aktiv, liebte Sport, fuhr Rad, eben auch nach Altötting. Kurz vor seiner Aufnahme im Hospiz hat sich der 63-Jährige noch ein Elektro-Fahrrad gekauft, doch dann zwang ihn die Krebserkrankung in den Rollstuhl. Kräfte der Johanniter brachten ihn nach Altötting, wo er den Ort, der ihm viel bedeutete, nochmals sehen konnte: Für ihn ein Ort des Trostes.
Wenn man in Statistiken blickt, dann wird der Mensch zur Nummer. Doch der Blick in die Zahlen beleuchtet in trockenen Diagnose-Bezeichnungen, woran die Menschen in Stadt und Landkreis Regensburg sterben. Die aktuellsten Zahlen der sogenannten Todesursachenstatistik liegt der MZ aus dem Jahr 2021 vor. Damals war Covid noch allgegenwärtig. 53 Menschen starben in der Stadt mit oder an Corona, im Landkreis waren es 89. Doch von insgesamt 1949 Menschen im Landkreis, die im Jahr 2021 verstarben, wurden bei 496 die Todesursache Krebs festgestellt. In der Stadt starben im Jahr 2021 insgesamt 1451 Menschen. Hier waren 357 Menschen dem Krebs erlegen. Die häufigste Todesursache war damit nicht der Krebs, sondern Erkrankungen des Herzens mit 467 Todesfällen in der Stadt und 630 im Landkreis. Doch der Tod mit Krebs unterscheidet sich darin, wie die letzten Lebenswochen verlaufen.
Laut Sudler unterscheiden sich die Menschen darin, wie gut sie loslassen können vom Leben. „Meine Erfahrung ist: Wer im Leben zufrieden war, der kann leichter gehen.“ Menschen, die hadern, die mit Familienangehörigen gebrochen haben, denen fällt der letzte Weg oft besonders schwer. „Wenn Menschen ein gutes Netzwerk haben, fällt ihnen das Gehen leichter“, sagt sie.
Ständig unterfinanziert
Johanniter-Sprecher Walk erläutert, wie schwierig die finanzielle Situation der Träger ist. „Bei der Finanzierung unserer Hospize sind wir immer auf Spenden angewiesen. Nicht nur für besondere Wünsche, sondern für den ganz normalen, täglichen Betrieb.“ Das liege daran, dass die Kassen nur 95 Prozent der entstehenden Kosten übernehmen. Jedes Jahr bleiben die Johanniter auf 250000 Euro Kosten sitzen.