Der „Kaplan“ von St. Mang lebt gut damit, als Seelsorger auf den Hochwürden zu verzichten

Von Helmut Wanner · 23. Dezember 2023 um 15:00

Abends um vier fällt die Dämmerung. In der großen Pfarrerwohnung, Andreasstraße 13, ist es wohlig warm, alles steht solide auf Schiffsgrät-Parkett aus Eiche. Der Pfarrhof zwischen Künstlerhaus und Musikhochschule im Herzen des Szenequartiers Stadtamhof wirkt noch mächtig. Werner Schrüfer sitzt in seinem blauen Ohrensessel in der Bibliothek, im Licht der Lampe. Der hochwürdige Herr, der ihm über die rechte Schulter blickt, in Öl, ist Josef Pommer, Stadtpfarrer von Deggendorf. „Er war mein erster Dienstherr“, sagt Schrüfer.

Das dunkle, unnahbar wirkende Pfarrer-Porträt zeigt auch die Bedeutung eines Hochwürden noch vor 40 Jahren. Als Schrüfer mit 25 Jahren hier seine erste Kaplanstelle antrat, war Pommer 62 Jahre alt. „Stadtpfarrer, das war damals noch etwas“, erinnert sich der gebürtige Amberger. Die Wohnung wirkt wie eine Insel.„Stadtamhof hat eine andere Geschwindigkeit als die Stadt“, stellt Schrüfer fest. Die Straße vor seiner Türe ist zur Radstraße umgewidmet. Doch wenn der groß gewachsene 66-Jährige vor die Tür tritt, zieht niemand den Hut. Man nimmt nicht mal Notiz. Hochwürden gibt es nicht mehr.

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Ein geistiges Schwergewicht

Seit 2004 wohnt er hier. Schrüfer war Pfarradministrator von St. Mang, jetzt ist er Pfarrvikar. Mit seinem Kurskollegen Nikolaus Grüner führt er die Pfarreiengemeinschaft. Bis 2027. Noch dreieinhalb Jahre. Die Uhr tickt. Aber auch danach geht es weiter.

Schrüfer ist geachtet bei der Stadt-Intelligentia. Die hält Distanz zur sogenannten Amtskirche und hält Schrüfer für eine der letzten Stützen der Kirche. Im Ordinariat aber bringt der Liebling der Kulturszene sein Gewicht kaum auf die Waage. Schrüfer hat sich abgefunden. Er scheint sogar etwas zu kokettieren mit seiner offiziellen Bedeutungslosigkeit. „Zu einem richtigen Pfarrer habe ich es nie gebracht“, sagt der Domvikar. Immerhin päpstlicher Hauskaplan ist er geworden. Manche hatten Monsignore Schrüfer ganz oben gesehen, im Domkapitel und noch weiter. Doch seit Gerhard Ludwig Müller geht es immer etwas hinab mit ihm. Vom Dom- und Rundfunkprediger stieg er herab zum Diözesanbeauftragten für Homiletik, vom Leiter des Projekts Innenstadtseelsorge, Domplatz 5, zum Pfarrvikar von St. Mang.

Schrüfer hat den Weg der Demütigung angenommen. Und damit ist er schon wieder einen Schritt weiter. Er nahm auf eine gewisse Weise vorweg, was der mächtigen katholischen Kirche in Deutschland gerade widerfährt. Dass in den Groß-Strukturen immer mehr die Leere hallt, schmerzt auch den Künstlerseelsorger. Aber im Kleinwerden sieht er auch Sinn und Chancen für einen Neubeginn.

Er blickt aus dem Ohrensessel zur Krippe. Der Kallmünzer Künstler Josef Georg Miller (1905 bis 1983) hat sie gemalt. Miller war taub. Er hat deswegen alle Ausdruckskraft in Farbe und Form gelegt. Das Jesuskind breitet in Millers Krippe die Arme aus, wie am Kreuz. Solche stummen Botschaften gehen Schrüfer zu Herzen.

Schrüfer ist ein Sammler der Schönheit. Alle Namen der regionalen Kunstwelt sind bei ihm zu Hause. „Haltestelle Domplatz“, eines der seltenen Dombilder Jörg Schemmanns, ist im Flur zu sehen. Im Wohnzimmer blickt ein Stefan Bircheneder auf ihn herab: Der Schmerzensmann aus dem Chorgestühl des Doms ist eine Auftragsarbeit, nur für ihn. Er erinnert Schrüfer an seinen Freund Fritz, den Kunsthistoriker Friedrich Fuchs (1952 bis 2016). Der intime Dom-Kenner hatte ihm den Charakter dieser Solitärfigur erschlossen. „Er ist in einem ständigen Dialog mit dem Betrachter“, sagt Schrüfer. Der Schmerzensmann muss ihm im Chorgestühl des Doms zugeflüstert haben, dass die Kirche machtlos werden muss, will sie Menschen neu ansprechen. Das deckt sich mit seinen Erkenntnissen. In einem Aufsatz hat Schrüfer 2021 „die Erfahrungen eines Seelsorgers in einem großstädtisch-säkularen Umfeld“ schonungslos niedergeschrieben. Nachzulesen ist das im bei Pustet erschienenen Sammelband seiner Predigten, Ansprachen und Aufsätze aus 40 Jahren. Der Titel: „Das wäre doch nicht nötig gewesen.“ Schrüfer zieht darin die nüchterne Bilanz: Das Klischee-Bild von Kirche als Verein oder gar Täterorganisation habe sich heute grotesk verselbstständigt. „Die Kirche kann machen, was sie will, sie erreicht die Menschen nicht mehr.“

Nun könnte Schrüfer warten, bis der letzte das Licht ausmacht. Paradoxerweise hat er aber schöne Pläne über seine Zeit in St. Mang hinaus, in Regensburg, noch näher beim Ordinariat. „Von meinem Naturell her bin ich hoffnungsfroh, großzügig und vertrauensvoll.“ Sein Credo teilt er mit dem dänischen Existenzphilosophen Sören Kierkegaard. „Christentum ist für mich eine Existenzmitteilung. Christus ist heute. Für dich und mich. Das will ich den Menschen nahebringen.“ Predigen heißt für Schrüfer, die Menschen an den Eingeweiden zu fassen. In den Herzen ereigne sich die Wahrheit, nicht in dogmatischen Behauptungen.

Die seelische Not wird ohne die Kirche auch nicht kleiner. Schrüfer erzählt die Geschichte des Prager Priesters Tomás Halík, der in einem nahezu entkirchlichten Prag die Stellung hält. Bei ihm sei einmal eine junge Frau in der Kirchenbank gesessen. Sie hatte gerade ein Kind geboren und war verzweifelt. Die junge Mutter hatte kein Gegenüber gefunden, dem sie für dieses Geschenk eines gesunden Kindes Danke sagen konnte. Schrüfer: „Über dieses Danken ist die junge Frau zum Glauben gekommen.“

Ein guter Eindruck

In allem zum Menschen herabsteigen und klein werden, darin liegt für den Kaplan von St. Mang die wahre Größe der Kirche. Werner Schrüfer prägte dafür den Begriff „Pastoral des guten Eindrucks“. Sie besteht aus den Komponenten: menschliche Zugewandtheit, angenehme Atmosphäre, ansprechende Predigt und qualitätsvolle Kirchenmusik. Das Korn der Verkündigung des Evangeliums brauche einen guten Boden.

Welche Strahlkraft die Kirche immer noch entfalten kann, wird deutlich, wenn es um die letzten Dinge geht. Als der Almanach-Herausgeber Konrad Färber starb, hielt Schrüfer am 14. Dezember 2013 in der Alten Kapelle das Requiem. Die Trauerfeier im Rokoko-Juwel hat die Menschen tief berührt. Hinterher bedankte sich der Bruder, Neli Färber: „Das war so schön, da möchte man gleich wieder katholisch werden.“