Zu Besuch im Kneitinger-Mutterhaus am berühmtesten Stammtisch der Stadt

Der Kneitinger am Arnulfsplatz ist die Nummer 1 der Gaststätten Regensburgs, und wer seit über 40 Jahren jeden Freitagmittag am Stammtisch eins im Mutterhaus der Brauerei sitzen darf, der muss ein Glückspilz sein. Der Tisch ist berühmt. Woche-Journalist Horst Hanske beschrieb im Almanach von 1999 den Tisch und sein Umfeld so: „Und an der engsten Stelle des Wirtshauses das Stammtisch-Presbyterium mit den Tischen eins und neun unter der Obhut der Brauereiheiligen Sofie und Johann Kneitinger, die wohlwollend von der holzgetäfelten Wand auf die Zecher blicken.“
Sie blickten auf Druckereibesitzer Fritz Sautner, Stadtrat Franz Schlegl, Steinmetz Kölbl … – sie alle ließen hier die Woche ausklingen. Heinz Huf vermisst seine Freunde. Der Mitbegründer des Einser-Tisches hat über 40 Jahre Bockbier, Pils und Zigaretten überlebt. Essen tut er hier nie was. Er studiert nur die Speisekarte, „aus reinem Interesse“, sagt er.
Der Huf Heinz, einst Kioskbetreiber am Neupfarrplatz, hat immer etwas leidende Augen. Manche am Tisch sagen, das komme von seiner oft enttäuschten Liebe zu 1860 München. Erleiden muss er den Spott der Roten. „Einmal Löwe, immer Löwe“, sagt der Heinz trotzig, aber es kommt am Tisch heraus wie „Tut mir bitte nichts, es ist eh schon schlimm genug!“
Den Vereins-Löwen hat er sichtbar auf Handtelefon und silberfarbige Zigarettenbox aufgeklebt. Die stummen Zeichen des Durchhaltewillens liegen neben dem Bierdeckel. Im 30 Minutentakt steht er auf, um mit seinen Ministranten Peter und Fritz im Durchgang zum Velodrom „ein Rauchopfer“ darzubringen, wie er sagt.
Sein Glück: der Stammtisch
Der Einsertisch hat Huf zum Kassier der Tippgemeinschaft gemacht. Der Euro-Jackpot ist für ihn ein Spiel, mehr nicht. Dass sich das Glück nicht einstellen will, was soll’s? Er hat’s ja schon. „Der Stammtisch ist mein ganzes Glück. Das ist meine Heimat. Wenn ich heute um 3 Uhr heimgehe, freu ich mich schon auf den nächsten Freitag.“ Aug in Aug sitzt er mit Schatz Otto, den Seniorpräsidenten vom Einser. Der Schatz genießt Ansehen. Er gehört zum kleinen Kreis der Gründerväter, die Hans Kneitinger, den legendären Bräu noch persönlich gekannt haben. „I kenn bloß oa Wirtshaus,“ sagt der Otto. „Und des is der Kneitinger“. Im Café Arnulf am Eck zum Weißgerbergraben sei er aufgewachsen. „Mein Opa hat mich mit sieben Jahren zum Bierholen hergschickt.“ Für eine Drei-Quartel-Maß wurde er geschickt, aber der Krug war meistens voll. Manchmal sei das Bräuross durch die Schwemm getrabt und hat neue Fässer gebracht. „Dös hod mia taugt“. Jeden Freitagmittag seit über 40 Jahren sitzt der Schatz Otto dem Neuner-Stammtisch vis-à-vis. Man nennt ihn hier den Ölbaron, weil er für die Firma Shell Schmierstoffe vertrieben hat. Gegenüber am Neuner sitzen schon immer die sogenannten Besseren, also Rechtsanwälte, Kaufleute, aber es saß auch Pfarrer Maltz da und Metzger Dollmanns Mutter. Sein Verhältnis war stets reibungslos mit „Griaß di, Habedere und Servus“. Vom Neuner grüßte die Kleiberin besonders lieb zurück. „Da Schatz is aa da!“ Das klang in seinen Ohren wie „mein Schatz“.
„Die Kleiberin hat mich mögen“, sagt der Otto. Sie war die Mutter einer Münchner Opernsängerin und jeder tuschelte, dass sie verwandt sei mit dem weltbekannten Dirigenten Carlos Kleiber. Die Stammtischbrüder vom Einser frotzeln natürlich: „Wer nicht? Otto, du Liebling der Frauenwelt!“ Jetzt lacht die Kleiberin nur aus dem Bilderrahmen herüber, in Schwarzweiß.
Brotkörbe und Aschenbecher sind auch schon lang weg. Der Neunerstammtisch ist nicht mehr das, was er einmal war. Die Leute haben keinen „Sitzerten“ mehr. Die Dollmann Rosa und die Kleiberin haben früher ohne Ende an ihrem dunklen Frauengetränk genippt, dem dunklen Bock. Heute erinnert der Neuner-Tisch an einen elitären Flashmob. Kaum schaust, sind die Plätze der Prominenz leer.
Es bleiben Sophie und Hans Kneitinger an der schwarzen Ikonenwand, eingerahmt von vergilbten Theaterzetteln längst verklungener Operetten. „Die Fledermaus“ und „Gasparone“, Hans Kneitinger soll sie geliebt haben. Nach ihrer Premiere im Stadttheater soll er sich in seiner Bräuwohnung ans Klavier gesetzt und die Operetten-Melodien nachgespielt haben, sich zur Freude. Heute blickt Kneitinger von seinem Platz am ewigen Kneitinger-Stammtisch ins nirgendwo. Wo blickt er hin? Schaut er auf die toten Stammtischbrüder, die er hier im Geiste noch zechen sieht? Die Toten übertreffen an Zahl die Lebenden. Damals vereinten die Stammtische den Intendanten und den Kulissenschieber, den Fabrikbesitzer und den Arbeiter. Wie dereinst Lamm und Löwe saßen sie beieinander, geht die Legende. Der Blick über die vollen Stammtische und rauchgeschwängerten Jahrzehnte könnte einen traurig stimmen. Im rauchfreien Heute, am Freitag um 12 Uhr, klaffen schwere Lücken.
In Himmel und Hölle geteilt
Auch Sybille („Bille“) blickt zurück. „Jeder Arbeiter soll sich unser Bier leisten können“, habe Sophie Kneitinger in ihrem Testament bestimmt, wirft die 80-Jährige ein. „Ein Rentner kann sich das nicht mehr leisten“, sagt Bille. Sie als Rentnerin aber offensichtlich schon. Am Einser wird sie auch „Frau Professor“ genannt. Die ehemalige Lehrerin hat den Soziologenblick. Früher sei die Gaststube in Himmel und Hölle geteilt gewesen. Nach der Schwingtür links da saß das Volk. Die Bank unterm Fenster hatten die Möbler gepachtet, die starken Männer von Seitz und Gebrüder Röhrl, angeführt vom Schmid Sepp. Gleich links neben der Tür war der schlechteste Platz. Hier drehte sich ständig der Kasperl im Spielautomat, daneben, sagt Bille, saßen die Putzfrauen beim Bier, das ganz früher 90 Pfennig die Halbe kostete. „Sie ließen es auch einfach mal laufen, wenn sie nicht aufstehen wollten.“
Die Regensburger Originale haben den beliebigen Mädchenrunden von auswärts Platz gemacht, den Städtetouristen. Sie lieben den Kneitinger am Arnulfsplatz, weil die Reisebücher schreiben das sei die „unverzichtbare Einkehr“, der „Hort der Gemütlichkeit“. Dabei wird der Kneitinger nach und nach, mit jedem toten Stammtischbruder, zum Imitat seiner selbst.
Rechts vorne, am Einsertisch, hat sich ein heiliger Rest gehalten. Der kleine, wendige und freundliche Druckereibesitzer Fritz Sautner, der Schatz und Heinz Huf, der Medienprofi, waren sein Kristallisationskern in den 70er Jahren. Hufs Platz war immer zur Rechten der Macht. Sautners Platz am Kopf des Tisches hat nun der Leitner Udo eingenommen, der Chef der Pettendorfer Handwerksfirma, die die Steinerne Brücke gepflastert hat und jetzt bald die Treppe zum Paradies von St. Emmeram. Dipl. Ingenieur Helmut Imlohn hat sich vor 20 Jahren dazugesellt. Sautners Sohn Fritz ist nach Vaters Tod 2021 am anderen Ende des Tisches nachgerückt. Die kleine Akzidenz-Druckerei hat in diesem Jahr in aller Stille draußen in Bad Abbach ein Jubiläum gefeiert, das eigentlich in die Stadt gehörte: 300 Jahre! Die vermutlich älteste Druckerei der Stadt reproduzierte einst Grafiken für die Künstler Oskar Birkenbach und Otto Baumann. Fritz Sautner sen. wusste alle diese Geschichten.
Heinz Huf und Otto Schatz sind die beiden Letzten vom Anfang des Einser. Der Stammtisch erhebt das Glas. Heinz Huf bringt den alten Spruch von Fritz Sautner aus: „Weil’s wieder a Jahr is.“ Denn am Einser-Stammtisch ist jeder Freitag ein Glückstag.
