Bis zu elf Millionen Klicks: Warum die Survival-Show „7 vs. wild“ so erfolgreich ist

Vital sein, viral gehen: Die Survival-Show „7 vs. wild“ feiert ungeahnte Erfolge auf Youtube, mit mehreren Millionen Klicks pro Video. Das Erfolgsrezept scheint denkbar einfach – sieben Menschen versuchen mit wenigen Gegenständen sieben Tage in der Wildnis zu überleben. Doch die Serie hat durchaus noch mehr zu bieten.
Wieder ergießt ein Tropensturm seine schier unendlich scheinenden Regenmengen über die Pazifikinsel San José vor der Küste Panamas. Ein Mann, kräftige Statur, langer Bart und völlig durchnässt, kauert am Rande der steinigen Küste in einem aus Treibholz zusammengeschusterten Bett. Mehre Tage und Nächte verbringt er dort – scheinbar völlig isoliert von der Außenwelt. Dabei verfolgen Millionen von Menschen bei „7 vs. wild“ seinen Kampf gegen die Wildnis.
Zwei Wochen in der Wildnis Kanadas
Der Mann auf der Insel ist Fritz Meinecke, 34, gelernter Bankkaufmann. Auf seinen Youtube-Kanälen zeigt er Wanderungen, den Bau von Unterständen und Nahrungssuche fernab der Zivilisation. Doch der Grund, weswegen Meinecke zum Internet-Phänomen reüssierte und inzwischen über die Grenzen der Video-Plattform Bekanntheit erlangt hat, ist seine Survival-Reality-Show „7 vs. wild“.
Ihr Prinzip ist simpel: Sieben Menschen versuchen mit wenigen Gegenständen sieben Tage in der Wildnis zu überleben. Inspiriert vom amerikanischen Vorbild „Alone“ tragen die Kandidaten nur eine rudimentäre Filmausrüstung mit sich, um alles selbst zu dokumentieren. In der ersten Staffel, ausgestrahlt im Herbst 2021, ging es nach Nordschweden und sogleich „durch die Decke“, wie der „Stern“ schrieb. Im Schnitt sahen drei bis fünf Millionen Menschen die Folgen. Staffel zwei spielte in Panama, San José, und das Format erklomm Platz eins der meistaufgerufenen deutschen Youtube-Videos 2022 – elf Millionen Klicks für Folge zwei.
Dritte Staffel seit 29. November online
Seit dem 29. November läuft die dritte Staffel auf der Plattform – immer mittwochs und samstags. Diesmal finden sich die Protagonisten in Zweier-Teams in der Wildnis Kanadas, auf Vancouver Island, wieder. Ihr Ziel: 14 Tage in der Wildnis ausharren. 17 Episoden mit einer Laufzeit von meist über einer Stunde soll es geben.
Viel wurde vor der Ausstrahlung geschrieben, viel spekuliert. Rund drei Millionen Menschen sahen nach etwa zwei Wochen die erste Folge. Was also macht „7 vs. wild“, das mit seinen Zuschauerzahlen viele Fernsehformate locker abhängt, so erfolgreich?
Der wohl wichtigste Grund: Die Show ist wirklich unterhaltsam. Trotz des einfachen Equipments gelingen den Teilnehmern teils großartige Bilder. „7 vs. wild“ arbeitet mit vielen Schnitten, gar eine gewisse Dramaturgie wohnt den Episoden inne. Kurz: Wer sich abends bei typisch deutschem Winterwetter nicht mehr an die frische Luft wagt, der kann sich getrost von „7 vs. wild“ in die Wildnis entführen lassen.
Eskapismus ist ein Erfolgsgrund
Möglicherweise ist also Eskapismus ein Grund für den Erfolg, das Gefühl in exotische Welten entführt zu werden. In der Zivilisation, in der vor allem Krisen und Katastrophen die Nachrichten dominieren, der Alltag für viele eine Belastungsprobe darstellt, ist der Wunsch nach einer Flucht aus der Realität nachvollziehbar. Die Wildnis wird zum Sehnsuchtsort.
„7 vs. wild“ feiert die Wildnis und ihre Tonalität, ihr Erzählstil, scheint die Beliebtheit der Show zu befeuern. Anders als etwa das voyeuristische Dschungelcamp, das Käfer über seine Teilnehmer gießt und sie zu deren Verzehr nötigt, nimmt „7 vs. wild“ seine Teilnehmer ernst.
Die Musik ist oft dramatisch, die Bilder und Sprüche martialisch. „Du musst hart sein, wenn der Dschungel weint“, ruft Unterhalter Jens Knossalla alias Knossi. Fitness-Influencer Sascha Huber schwallt beim morgendlichen Bad im Fluss: „Wir sind Soldaten, Bro.“ Werden hier problematische Botschaften überzogener Männlichkeit transportiert? Doch in der nächsten Szene zeigen sich die Teilnehmer wieder verletzlich und räumen Schwächen ein. „7 vs. wild“ trieft zuweilen vor Kitsch, bekommt jedoch immer wieder die Kurve und zeigt die Protagonisten von ihrer nahbaren Seite.
Längst zu groß für die Nische
Genau das ist die größte Stärke der Show – ihre Protagonisten. Neben bekannten Namen wie Joey Kelly nehmen vor allem Internet-Promis teil. Viele von ihnen haben keine Vorkenntnisse, was die Wildnis angeht, können sich nicht mit Nahrung versorgen und haben keine Ahnung von Flora und Fauna. Eines allerdings können sie – unterhalten. Sie tragen „7 vs. wild“, erklären, weinen, man versteht ihre Motivation.
„7 vs. wild“ adressiert vor allem junge Menschen. Das verdeutlichen Alter und Sprache der Protagonisten, die vielen Anglizismen. Seine Nische allerdings, die Nische klassischer Survival-Unterhaltung à la „Bear Grylls“, hat das Format schon lange verlassen.