Zwischen Heimat und Weltpolitik: Als Joe Kaeser als Chamer Klinik-Chef abgeblitzt ist

Von Johannes Schiedermeier · 17. Dezember 2023 um 16:00

„Er ist einer von uns aus dem Bayerwald und er hat sich immer dazu bekannt!“ So hatte der Chamer Landrat Franz Löffler den Hauptredner des Jahresempfangs begrüßt. Joe Kaeser, gebürtiger Arnbrucker und aktuell Aufsichtsratsvorsitzender der Siemens Energy und der Daimler Truck Holding, hielt einen Impulsvortrag unter dem Titel „Wo steht Deutschland in einer multipolaren Welt?“

Kaeser erzählte, er habe seine Schulzeit nur ein paar Kilometer entfernt verbracht und diese Zeit in den verschiedenen Schulen sei das ganz entscheidend für seinen Lebensstart gewesen. Der wichtigste Rohstoff liege „zwischen unseren Ohren“. Er sei berührt, wie gut sich der Landkreis in Krisenzeiten entwickelt habe. „Sie haben hier viel geleistet. Darauf können Sie stolz sein“, so Kaeser.

Widerstandskraft erhöhen

Über die Aussage „mehr Einpendler als Auspendler“ habe er schmunzeln müssen. Er sei selbst Auspendler gewesen und habe das schnell satt gehabt. Er habe sich als kaufmännischer Leiter des Krankenhauses Cham beworben und sei zum Vorstellungsgespräch zu Landrat Ernst Girmindl gekommen. „Aber so sehr ich mich bemühte, ich kam nie zum Zug. Und Sie wissen, wie es ausgegangen ist“, sagte er grinsend. Gelächter im Publikum.

Lesen Sie hier: Landrat Franz Löffler: Was den Landkreis Cham mit Hawaii verbindet

Vor einem Jahr sei wirklich unklar gewesen, wie Deutschland durch den Winter kommen sollte. Ströme von Schutzsuchenden seien über die Grenzen gequollen und die Kommunen hätten heute noch viel zu schultern. Die Schwächeren mitzunehmen, dazu brauche es einen Zusammenhalt, der immer schwerer zu finden sei. Den Ehrenamtlichen und Politikern gebühre für ihre Verdienste um den Zusammenhalt viel Dank.

Viele Krisen seien von draußen hereingekommen, viele seien hausgemacht. Dadurch seien in dem guten Deutschland auch Schwachstellen deutlich geworden. Die Widerstandskraft müsse noch deutlich erhöht werden. Nicht die Fußballnationalmannschaft oder die Deutsche Bahn oder die Ampel seien Schwachstellen. „Schwachstelle ist, dass es keinen realistischen Plan für eine ökonomische Energiewende gibt“, so Kaeser. Man lebe in einer populistischen Migrationsdebatte, die die Gesellschaft spalte. Es herrsche viel Chaos, aber Deutschland könne es selbst richten als eine der wohlhabendsten Gesellschaften der Welt. Aber es sei Eile geboten.

„Die Welt schaut auf Deutschland, aber sie wartet nicht auf uns“, so Kaeser. Die Chaos-Theorie besage, dass der Flügelschlag eines Schmetterlings am anderen Ende der Welt einen Sturm auslöst. Die deutsche Wirtschaft müsse Schmetterling bleiben, der mit seiner Innovationskraft einen Sturm der Begeisterung auslöse. Nationalismus, Ausgrenzung und Populismus seien ein sicherer Auslöser für wirtschaftlichen Niedergang.

Der Klimagipfel in Dubai habe bei seiner Eröffnung 70.000 Menschen gesehen. Jeder habe mitreden und wichtig sein wollen. Eines sei aber klar geworden: Das 1,5 Grad-Ziel halten die meisten inzwischen für unrealistisch. Die Abkehr von fossilen Energieträgern lasse alles offen. Bis wann? Wie? Und wie viel ist es uns wert?

Der Einfluss Deutschlands auf den CO2-Ausstoß sei mit 800 Millionen Tonnen – zwei Prozent des Weltausstoßes – gering. Wenn diese 800 Millionen Tonnen mit einem großen Aufwand halbiert werden sollen, reduziere sich der Weltausstoß um ein Prozent.„Dafür riskieren wir unsere wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Wir müssen uns anstrengen, dass wir Innovationsführer bleiben“, so Kaeser. Das sei der beste Hebel, wenn Deutschland die Produkte erfinde, die die Emissionen auf der Welt reduzieren. „Das ist es, was das Klima rettet und den Export-Wohlstand in unserem Land“, so Kaeser.

Dazu gehöre, dass die Rahmenbedingungen stimmen, so der Redner. Deutschland stehe im Wettbewerb. Bildung und Infrastruktur seien zentrale Voraussetzungen für ein Deutschland in einer Führungsposition. Mit vier Prozent Bildungsausgaben liege Deutschland aber nur auf Platz 24 in der OECD hinter der Türkei. Die Zahl fehlender Lehrer werde auf 75.000 ansteigen. Da könne man sich ausrechnen, was da an Schaden für die künftigen Generationen entstehe. „Hier müssen wir gegensteuern“, so Kaeser. 45 Prozent des Haushalts werde für den Sozialstaat ausgegeben. Das sei an sich nicht Schlechtes, wenn es nicht deswegen passiere, weil bildungspolitisch der Anschluss für Teile der Gesellschaft verloren gegangen sei.

Es müsse nachgebessert werden in der gesamten Infrastruktur, nicht nur in der digitalen. Straßen. Brücken, Schienennetz, Brücken. Auch eine schlanke Verwaltung gehöre zu dieser Infrastruktur.

Die Story vom Einsiedler

„Schuldenbremse“ könne das Wort 2024 werden. Von 476 Milliarden Gesamthaushalt seien nur zwölf Prozent für Investitionen gedacht. Und da habe man keine Einsparungen gefunden, sondern nur weitere Belastungen für die Bürger. „Man hat scheinbar vergessen, woher das Geld kommt“, so Kaeser unter viel Applaus.

Kaeser erzählte von dem Einsiedler, der lange von der Milch seiner Kuh gelebt habe, bis er sie geschlachtet habe... Da habe es keinen Einsiedler mehr gegeben. Nicht „Wir schaffen das“ sei das Motto, sondern „Wir können das“. Und zwar sehr viel besser. Als geeintes Europa sei das am besten möglich im internationalen Wettbewerb. Es brauche Planungssicherheit, gezielte Förderung, weniger Bürokratie. Leistung müsse sich wieder lohnen.

Es sei unerträglich, wie Unternehmer von einem übergriffigen Staat und Teilen einer bequemen Gesellschaft behandelt würden. Zugriffe auf Produktivvermögen könne nur jemand fordern, der sein Leben außerhalb der Arbeitswelt verbracht habe.

„Wir müssen uns darauf besinnen, was unser Land groß gemacht hat nach dem Krieg. Das Wirtschaftswunder ist nicht vom Himmel gefallen. Es wurde erarbeitet. Auch von Gastarbeitern. Die Welt ist voller Chancen und auch unser Land hat sie“, so Kaeser. Vielleicht sei schon 2024 das Jahr einer Wende zum Guten.

„Kurz vor der Morgendämmerung ist die Nacht am dunkelsten. Das möchte ich allen zurufen, die mit Herausforderungen konfrontiert sind.“ Die Zuhörer bedachten die Rede mit lang anhaltendem Applaus.