Sebastian Schäfer ist nach dem Abitur am Chamer Fraunhofer-Gymnasium weit herumgekommen

Sebastian Schäfer, 42, aus Geigant, Fraunhofer-Absolvent, ist promovierter Genetiker und Biotech-Gründer. Er lebt mit seiner Frau Susanne, die aus Wetterfeld stammt, in Singapur. Im Interview mit seinem Schulfreund erzählt er von seinem Leben in der Ferne.
Heimat: Was kommt Dir da als Erstes in den Sinn?
Bei Heimat denke ich an meine Kindheitserinnerungen, die schöne Landschaft und natürlich meine Familie und Freunde. Für mich gibt es nur eine Heimat und an anderen Orten bleibt man immer auch etwas Gast. In der Woche bevor ich Cham verlassen habe, habe ich meine Frau kennen und lieben gelernt. Seitdem ist sie immer an meiner Seite und wir haben beide dieselbe Heimat. Das ist schon etwas ganz Besonderes und verbindet uns.
An was denkst Du gerne zurück? Hast Du noch Kontakt zu Leuten von früher?
Ich erinnere mich am meisten an die starke Gemeinschaft mit meiner Familie und Freunden aber auch im Dorf. Interessanterweise gibt es diese Dorfgemeinschaften auch in Singapur, da die Menschen hier in großen Häusern des öffentlichen Wohnungsbaus leben und das Gemeinschaftsgefühl in jedem Haus stark gefördert wird. Ich bin immer noch im regelmäßigen Kontakt mit den Freunden aus meiner Kindheit und wir treffen uns mindestens einmal im Jahr.
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Wann warst Du das letzte Mal in deiner Heimat und warum?
Ich versuche mehrmals im Jahr meine Familie zu besuchen. Mittlerweile klappt das wieder ganz gut, während des Corona-Ausbruchs war es leider sehr schwierig.
Du bist schon ganz schön rumgekommen. Was waren die Stationen Deines Lebens?
Nach dem Abi am JvFG habe ich in Erlangen Bioingenieurwesen studiert und meine Abschlussarbeit am MIT in Boston geschrieben. Danach habe ich in Berlin am Max-Delbrück Zentrum einen Doktor in Genetik abgeschlossen, bevor ich dann für meine Forschungen nach Singapur gezogen bin.
Wo lebst Du aktuell und was machst Du genau?
Ich lebe mittlerweile seit acht Jahren in Singapur und betreibe dort Grundlagenforschung im Bereich kardiovaskulärer Medizin und Entzündungskrankheiten an der Duke-NUS Medical School. Parallel dazu habe ich mit einigen Kollegen und Freunden ein Biotech-Unternehmen gegründet, das es uns ermöglicht, die Erkenntnisse aus der Forschung anzuwenden und neue Medikamente zu entwickeln.
Wie bist Du zu diesem Beruf gekommen? Was gefällt Dir daran besonders?
So etwas lässt sich schwer planen. Ich hatte nie eine genaue Vorstellung von meiner Zukunft und habe einfach nur Möglichkeiten erkundet, die mich interessiert haben. Diese Flexibilität war im Nachhinein entscheidend. Mir gefällt an meiner Arbeit, dass man nie stehen bleibt und ständig an etwas Neuem und Ungewissen arbeitet. Das Bauchgefühl ist sehr wichtig und wenn man die richtigen Entscheidungen trifft, kann man Glück haben und erfolgreich sein.
Was hast Du bislang mit Deinen Forschungen erreicht?
Ich habe anfangs viel im Bereich der Genetik geforscht und die Vererbung von Herzerkrankungen untersucht. Dabei ging es viel um Mutationen des Proteins „Titin“. Es fungiert wie ein Stoßdämpfer im Herzen und sorgt dafür, dass es sich wieder entspannt, nachdem es sich für einen Herzschlag zusammengezogen hat. Darauf basierend gibt es jetzt Gentests und man kann feststellen, ob man so eine Mutation in sich trägt und zur Risikogruppe gehört. Später habe ich einen Signalstoff entdeckt, der die Vernarbung von Organen steuert. Er spielt bei vielen Erkrankungen eine Rolle, z.B. bei der Lungenfibrose. In unserem Start Up haben wir Antikörper entwickelt, um diesen zu neutralisieren. Das hat in mehreren Krankheitsmodellen im Labor zur Heilung geführt. Basierend auf diesem Antikörper wird mittlerweile eine Therapie von Boehringer Ingelheim, einem deutschen Pharmaunternehmen, entwickelt und getestet.
An welchen Projekten arbeitest Du aktuell?
Während des Projekts rund um die Vernarbung sind wir auf weitere Zusammenhänge im Bereich der Entzündung und Alterung gestoßen. Diese haben wir weiterverfolgt und Prototypen für neue Medikamente entwickelt. Die ersten Ergebnisse sehen sehr vielversprechend aus. Vor allem die Alterungsforschung steht mittlerweile sehr im Fokus und es gibt mehrere Versuche, die Alterung zu behandeln, ganz so als wäre sie eine Krankheit. Und das ist sie vielleicht auch…
Welche Ziele hast Du noch?
Ich betreibe mittlerweile weniger Forschung an der Universität und habe mich mehr der Start-Up-Gründung im Biotech-Bereich gewidmet. Leider ist die Entwicklung von Medikamenten ein sehr langsamer Prozess und von der Entdeckung bis zum fertigen Medikament vergehen oft Jahrzehnte. Deswegen ist mein ultimatives Ziel noch immer, dass es eines Tages eine von uns entwickelte Therapie gibt, mit der vorher unheilbar erkrankte Patienten behandelt und wieder gesund werden. Es gibt gerade viele tolle und neue therapeutische Ansätze. Leider ist die Entwicklung, wie gesagt, sehr langwierig. Aber man unterschätzt leicht, wie fundamental sich unsere Möglichkeiten in der Medizin in den nächsten 20-30 Jahren erweitern werden.
Interview: Gregor Raab
Ein alter Schulranzen und der Leberkäs
Scout-Ranzen: Ich denke gern an meine Zeit am JvFG zurück und erinnere mich an einige lustige Geschichten. Ich habe damals bis zum Abi einen sehr alten Schulranzen der Marke Scout benutzt, den ich in der ersten Klasse geschenkt bekommen habe. Er war rot und gelb, mein bester Freund Mäx hatte ein fast baugleiches Modell in blau-gelb. Wir waren zwei bunte Farbtupfer inmitten der Schulgänge und haben uns oft darüber amüsiert, dass wir diese Schultaschen so lange in Verwendung hatten. Es war fast schon eine Art Markenzeichen von uns. Besonders kurios ist das, weil ich mit fast 22 Jahren Abitur gemacht habe. Ich war wegen später Einschulung, einem Wechsel vom Schumann ans Fraunhofer und einem Auslandsjahr in den USA drei Jahre älter als meine Mitabiturienten. Während meine Klassenkameraden mit dem Roller in die Schule kamen, fuhr ich schon ab der 10. Klasse mit dem Auto vor. Mein Schulranzen war also insgesamt 15 Jahre im Einsatz.
Leberkäs-Inflation: Einmal hatte ich mich auch als Schulsprecher beworben, um die Interessen der Schülerinnen und Schüler zu vertreten. In meiner Bewerbungsrede wetterte ich gegen eine kürzlich eingeführte Preiserhöhung von 10 Cent für die Leberkässemmel am Pausenkiosk und versprach Abhilfe. Gewonnen hat dann mein Freund Paul Jüngst, der immer sehr engagiert und ein toller Schulsprecher war. Er war bestimmt die bessere Wahl, obwohl er die Preispolitik des Hausmeisters leider auch nicht beeinflussen konnte.
Schlechte Noten: Ich habe mich immer gut mit meinen Lehrern in Biologie verstanden und die Stunden haben Spaß gemacht. In Bio hatte ich sogar ab und zu eine 2, was ansonsten eher eine Seltenheit war. Deswegen habe ich mich wohl auch für das Studium des Bioingenieurwesens in Erlangen entschieden. Für Biologie oder Medizin waren meine Noten, im Nachhinein glücklicherweise, zu schlecht. Die technischen Studiengänge hatten damals keinen NC, aber gerade die eher technische Sichtweise auf die biologischen Prozesse war sehr interessant und hat mich geprägt.
Ihre Geschichten
Wenn auch Sie Ihre Geschichte am Fraunhofer und als Fraunhofer-Schüler mit uns und unseren Lesern teilen möchten und vielleicht die eine oder andere Anekdote erinnern, schicken Sie uns gerne Ihre Geschichte mit Ihren Kontaktdaten und dem Abijahrgang an: tanja.fenzl@mittelbayerische.de/Betreff: Fraunhofer.


