Boierhof in Willmering: Julia Hausladen kämpft mit Lichterfesten für ihr Herzensprojekt

Mit Lichterfesten will Julia Hausladen die Menschen auf den Boierhof ziehen. Sie sollen vor Ort ihr Herzensprojekt erleben und erfahren. Denn um den Öko-Hofladen in Willmering steht es schlecht. Woran liegt es, dass die Jungbäuerin möglicherweise schon bald endgültig schließen muss?
Was passiert, wenn Dein Lebenswerk in sich zusammenzufallen droht? Wenn Dein Alles und Bestes, was Du jahrelang gegeben hast, nicht reicht, und alles, an was Du glaubst und was Du für richtig hältst, sich zumindest in diesen Zeiten nicht umsetzen lässt? Julia Hausladen vom Boierhof hat in den vergangenen Monaten viele Tiefpunkte durchgemacht. Am Ende vieler schlafloser Nächte, nach einem Burnout und, ja, auch vielen Rechenaufgaben steht nun möglicherweise das Aus für ihr Herzensprojekt: den Hofladen. In den wenigen verbliebenen Wochen des Jahres wird sich entscheiden, wie es mit dem Vollsortiment-Laden am Ortsrand von Willmering weitergeht.
Ukraine-Krieg sorgt für Umsatz-Einbruch
Offen spricht Julia Hausladen über die Umsatzeinbußen, die der Hofladen seit Beginn des Ukraine-Krieges verkraften musste. Der Hofladen, der Herzstück des Projekts ist, an dem sie und ihr Mann Matthias seit 2016 arbeiten. Als der Juniorchef und seine damalige Freundin Julia beschließen, dass sie ihre Zukunft auf dem Boierhof sehen, machen sie keine halben Sachen. Ihre Werte und Anschauungen verfestigen sich während einer Weltreise und zahlreichen Praktika auf Bauernhöfen. Sie bilden sich fort, informieren sich. Nachhaltigkeit ist im Mittelpunkt aller Pläne. Aus der Region für die Region soll das Credo sein, sind sie sich einig. Ihr kleines Stückchen dazu beitragen, dass die Welt besser wird, Ressourcen zu schonen, mit der Natur zu arbeiten statt sie auszubeuten.
Der Anfang: optimistisch
Als 2018 der Hofladen den ökologisch geführten Betrieb erweitert, wird die Arbeit nicht weniger, aber: „Alles hat sich schön entwickelt, ganz viele Menschen waren auf dem Hof und haben mitgeholfen.“ Steigende Umsätze, auch gerade in der Corona-Zeit, in der sich die Menschen wieder mehr auf die Region besinnen, bestätigen ihre Ziele. „Wir hatten drei Jahre keinen Urlaub.“ 40 bis 50 Lieferanten aus der Region arbeiten mit dem Hofladen zusammen. „Und dann kam der Ukraine-Krieg“, stockt Julia Hofladen die Stimme.
Extrem aufgeopfert
Ein kurzer Urlaub habe sie und ihren Mann noch einmal zum Umdenken und Nachdenken gebracht. „14 Tage frei, da haben wir gemerkt, wie extrem wir uns aufgeopfert haben und wie wenig Lebensqualität und wenig Zeit für die Familie wir eigentlich noch hatten.“ Die Hausladens hatten im Herbst noch Hilfe eingestellt, zwei Gärtner, die beim Gemüseanbau helfen. „Und dann kommen wir aus dem Urlaub zurück, und der Umsatz ist in vier Wochen Ukrainekrieg um 30 Prozent eingebrochen.“
Vor der Abreise hatte das Paar noch Jungpflanzen bestellt. „Aber 30 Prozent weniger Umsatz, das ist nasch“, sagt die gebürtige Atzenzellerin. „Wir mussten Leute entlassen, das war ein ganz schreckliches Gefühl.“ Hochschwanger springt Julia immer dort am Hof ein, wo eine Arbeitskraft benötigt wird – bis sie zehn Wochen Beschäftigungsverbot verordnet bekommt und vor dem Burnout steht. „In dieser Zeit haben wir auch viele Gastrobetriebe verloren, weil keiner kompensieren konnte, was ich zuvor geleistet hatte.“ Julia Hausladen erinnert sich, wie es war, als sie Gemüse sogar einfräsen mussten, weil es niemand mehr kaufen wollte. „Die Region hat auf einmal lieber Billigware aus Italien und Spanien gekauft.“
Keine Strategie funktioniert
Dem Laden sei es immer schlechter gegangen, er schrumpfte in den vergangenen Monaten zusammen auf die Familienarbeitskräfte, zu denen noch die Eltern ihres Mannes und Verwandte gehören. Und auch, wenn Julia Hausladen inzwischen, nach der Geburt ihres kleinen Sohnes, wieder zurück auf 60 bis 80 Stunden pro Wochen ist, hat sich der Hofladen bis dato nicht erholt. „Er wird quasi subventioniert vom Hof, der sehr gut läuft“, erklärt Hausladen. „Und das geht natürlich nicht allzu lange.“ Hof und Hofladen sind zwei verschiedene Betriebe. Auch ein Betriebsberater konnte bisher keine funktionierende Strategie entwickeln, um den Hofladen wieder auf feste Füße zu stellen. „Dann hatten wir natürlich auch noch Pech mit vier Monaten Baustelle vor der Tür.“ Während des Baus des Willmeringer Kreisels an der B22 hatten viele Kunden den Hof nicht mehr auf der Rechnung .
„Noch nicht so weit, aufzugeben“
Und genau da, an dieser Stelle: „Da kam der Moment, wo wir überlegt haben, ob wir zusperren.“ Julia Hausladen ist anzusehen, wie sehr sie mit dieser Überlegung kämpft. „Ich bin eigentlich noch nicht so weit, aufzugeben“, sagt sie. Sie glaube an das Projekt, an die Menschen in der Region. „Ich kann den Schlüssel noch nicht umdrehen.“
Mit mehreren Lichterfesten versucht Julia Hausladen nun in den letzten Wochen dieses Jahres die Aufmerksamkeit der Menschen, der Kunden wieder auf ihren Hofladen, auf ihr Projekt, auf ihr Lebenswerk zu richten. „Es ist ja eigentlich so leicht, als Kunden etwas in der Welt besser zu machen. Ein kleines Lichtlein kann vieles bewirken.“
Licht für die Zukunft
So kam die Idee mit den Lichterfesten. An vier Tagen laden die Hausladens die Menschen ein, zu ihnen auf den Boierhof zu kommen, sich zu informieren, ein Licht anzuzünden für den Boierhof. „Ich habe das Gefühl, man muss unsere Idee nach draußen tragen, bevor wir still und leise zusperren, und zeigen, dass hier Licht für die Zukunft ist.“ Julia Hausladen betont: „Auch als Konsument kann man etwas bewirken. Viele meinen, man kann eh nichts machen, aber das stimmt nicht.“ Mit der Entscheidung, was man konsumiere, entscheide man sich auch dafür, was wachse und was schrumpfe. „Kaufe ich vor Ort und unterstütze ich die Leute hier und leiste ich einen Beitrag fürs Ökosystem oder schaue ich weg.“
Eine Gurke für 19 Cent?
Dabei will Hausladen bei allem Missionierungseifer nicht arrogant auf andere herabblicken. „Ich verstehe ja, jeder ist selber so in seinem persönlichen Umfeld gefangen. Aber wir wollen bewusst machen, was es bedeutet, wenn eine Gurke nur 19 Cent kostet.“ Zum Beispiel: Flüchtlinge werden für einen Euro in der Stunde ausgebeutet.
Ihr Herzensprojekt soll weiterleben, das wünscht sich die 33-jährige Jungbäuerin mit den auffälligen Dreadlocks. Auch Hilfe aus der Politik wäre erwünscht. „Wieso nicht Kantinen zu Bio verpflichten?“
Die Erfahrungen nach den ersten beiden Lichterfesten: „Die Leute fiebern mit.“ Auch neue Kunden seien auf den Hof aufmerksam geworden.
Am 5. Januar wird zur letzten Raunacht das letzte Lichterfest stattfinden. „Danach machen wir eine Woche Betriebsferien. Und da werden wir uns die letzten Monate anschauen und entscheiden, ob wir den Hofladen danach wieder aufmachen oder nicht.“
Lichterfeste
Termine: Die letzten beiden Lichterfeste finden am 8. Dezember und am 5. Januar statt. Jeder kann kommen und sich am Hof über den Laden und die Idee dahinter informieren und bei Speis und Trank schöne Stunden verbringen.

