Kein Platz für Drama: Wie das Zimmertheater Kunterbunt in Postbauer-Heng überleben kann

Von Petra Schlierf · 29. November 2023 um 17:00

„Am 4. Advent morgens um vier“ heißt das aktuelle Stück von Bernd Bischoff, wofür der Theatermacher aus Postbauer-Heng im Landkreis Neumarkt vor Kurzem mit dem „Larifari“ ausgezeichnet wurde. Foto: Matthias Werr

Kasperl und das Krokodil – daran denkt vielleicht, wer von Figurentheater hört. Doch mit Marionetten hat das Zimmertheater Kunterbunt von Bernd Bischoff in Postbauer-Heng nichts zu tun. Für Kinder und begeisterungsfähige Erwachsene gibt es dort fantasievolle Geschichten zu erleben – garantiert mit Happy End.

„In diesen Zeiten, wie wir sie jetzt erleben, ist Hoffnung ganz, ganz wichtig. Da muss ich kein Drama mehr draufsetzen. In meinem Geschichten gewinnen am Ende immer die Guten“, betont Bernd Bischoff. Sein kleines Theater strahlt etwas Friedliches aus, selbst wenn dort gerade nicht gespielt wird. Und diese Atmosphäre scheint der 65-Jährige selbst sehr zu genießen.

Vor etwa 30 Jahren packte ihn das Theaterfieber. Warum er sich damals für einen Puppenspiel-Workshop an einer Fortbildungsakademie angemeldet hatte, das kann er sich heute gar nicht so genau erklären. Denn mit Theater hatte er bis dahin nichts am Hut gehabt. Bernd Bischoff war nämlich Religionslehrer an verschiedenen Schulen im Landkreis, zuletzt an der Erich-Kästner-Schule in Postbauer-Heng.

Jahrzehnte wandelte Bernd Bischoff zwischen Schule und Bühne

Theater und Religion haben sogar einiges gemeinsam, ist Bischoff klargeworden: „Wenn ich nicht wahrhaftig auf der Bühne stehe, kann ich auch nichts erzählen. Und das gilt auch für die Menschen, die in der Kirche arbeiten. Der Altarraum ist ein heiliger Raum ähnlich wie die Bühne, wir sind beide dem Wort verpflichtet.“

Weitere Fortbildungen ließen Bischoffs Begeisterung für das Figurentheater weiter wachsen. Als junger Vater hatte er eine Eltern-Kinder-Gruppe gegründet. Mit einigen Müttern gestaltete er Figuren und machte sich an das erste Stück. „Wir haben damals alle Fehler gemacht, die man so machen kann. Zum Beispiel war das erste Bühnenbild so groß, dass man es nur mit Traktor und Anhänger transportieren konnte. Mit der Zeit haben wir gelernt, dass man ein Bühnenbild im Maß einer Palette gut in jedes Auto bekommt.“

Mit den Jahren verabschiedeten sich immer mehr Mitspieler. Nicht alle waren bereit, neue künstlerische Wege mitzugehen, zum Beispiel als Bischoff dazu überging, „sich nicht mehr hinter einem Vorhang zu verstecken, sondern offen zu spielen“, berichtet er. Ein herber Schlag für das Theater Kunterbunt war es schließlich, als es 2008 seine Spielstätte verlor: die Alte Henger Schule. Denn dort zog die Musikschule ein. „Es war aus und vorbei“, erinnert sich Bischoff.

Er selbst dachte aber gar nicht daran, sein Hobby aufzugeben. Er war auf Fortbildungen und Seminaren in ganz Süddeutschland unterwegs und setzte sich dafür ein, seiner Sparte mehr Gehör zu verschaffen. Mit der Augsburgerin Angelika Albrecht-Schaffer, die ebenfalls ein kleines Figuren-Theater betreibt, initiierte Bischoff 2015 die Gründung des ersten Bezirks Figurentheater im Verband Bayerischer Amateurtheater (VBAT). „Inzwischen haben wir dort 28 Figurentheater aus ganz Bayern integriert“, erklärt Bernd Bischoff.

Neue Ideen fürs Theater stets willkommen

Im Herbst 2022 konnte er dann auch das Theater Kunterbunt wiederbeleben, indem er in seinem Wohnhaus das Zimmertheater eröffnete. Bis zu 30 Minuten dauern seine eigenen Stücke. Für die meisten Termine kooperiert er mit anderen Künstlern, damit eine Vorstellung mindestens 45 Minuten dauert.

Dass ihm die Zuschauer nicht gerade in Scharen ins Haus laufen, wundert ihn nicht. 17 Plätze gibt es unter dem Dach des Wohnhauses in der Backofenstraße 3a. Dass hier ganz besonders intensive, fast schon intime Theatermomente möglich sind, ist sogar im leeren Raum zu spüren.

„Dadurch, dass diese Theaterformen so selten sind, kennen sie viele Menschen gar nicht und wissen nicht, warum sie kommen sollten. Außerdem gibt es so viele andere Angebote, die man in seiner Freizeit wahrnehmen kann“, stellt der Theatermacher fest. Leicht sei es nicht, das Kunterbunt am Leben zu halten.

Ob ihn auch das große Theater mit vielen Schauspielern und aufwendiger Inszenierung reizen würde, kann Bischoff nicht so genau beantworten. Er verweist augenzwinkernd darauf, dass er immerhin schon 65 sei und es bei den Formen des kleinen, reduzierten Theaters noch so viel zu entdecken gebe.

Eintritt auf Spendenbasis

Das brasilianische Lambe-Lambe-Theater zum Beispiel findet er spannend, bei dem in einer Art Guckkasten für nur eine Person gespielt wird, die durch eine Art Spion blickt. Auch Klappmaul-Figuren will er auf die Bühne bringen. Mit seinem Teddy Bruno will er aber erst noch üben, bevor sie im Duo die Moderation des Programms übernehmen können. Bereits fester Teil seines Portfolios ist das Papiertheater. Dort bestehen die Figuren aus Pappe. „Eine Form, die es in Bayern fast nirgends zu sehen gibt“, so Bischoff.

Alle Termine und Platzreservierung unter www.theater-kunterbunt.de. Die Tickets haben keinen festen Preis, jeder gibt, was er kann und will.

Kleine Geschichte des Theaters

Die Anfänge: Die Wurzeln des Theaters Kunterbunt liegen in einer Eltern-Kind-Gruppe der Evangelischen Kirche in Postbauer-Heng. Ab 1991 entwickelten einige Eltern zunächst für ihre Kinder Figuren und ganze Stücke. Es folgten erste Auftritte und die Gründung.

Die Alte Schule: Der Probenraum in der Alten Henger Schule wurde die neue Heimat des Theaters. Dort fanden auch die erste Gastspiele anderer Ensembles statt. Das Kunterbunt-Team organisiert Workshops und freut sich über erste Erfolge, zum Beispiel die Nominierung für den renommierten Fritz-Wortelmann-Preis 2005. 2008 zieht in die Alte Henger Schule die Musikschule ein. Für das Theater ist kein Platz mehr.

Das Zimmertheater: In seinem Wohnhaus in der Backofenstraße 3a baut Bernd Bischoff ein neues Theater. Vor gut einem Jahr wurde es eröffnet. Außerdem trägt er sein Talent in die Welt: Bei Workshops, Seminaren und als Erzähler. Sogar auf einer Palliativstation hat er schon einmal gespielt. Eine Freundin hatte sich noch eine Geschichte von Bischoff gewünscht. Auch Figurentheater-Festivals gestaltete er schon mit, das erste davon 2019 in Berching. Vor wenigen Wochen zeichnete der Verband Bayerischer Amateurtheater Bischoff mit dem Preis „Larifari“ aus.

Einen Dialog mit Klappmaul-Figur Bruno kann sich Bernd Bischoff gut vorstellen, um künftig durch das Programm zu führen. Noch feilt er an seiner Technik dafür. Foto: Schlierf