Mehr Sanitäter, aber auch mehr Einsätze: Der Rettungsdienst fährt am Limit

Die Spirale dreht sich immer weiter: Einsatzzahlen für den Rettungsdienst steigen, gleichzeitig wächst das Personal und immer mehr junge Menschen wollen Sanitäter werden. Experten des Bayerischen Roten Kreuzes BRK Regensburg erklären die aktuelle Lage und einen Ausweg, der sich in Kanada schon bewährt hat.
12 Minuten: Diese Zahl ist in Stein gemeißelt, sie ist das Maß aller Dinge. 12 Minuten sollen maximal liegen zwischen dem Moment, in dem Sanitäter nach dem Notruf aufbrechen bis zum Moment, in dem sie bei der hilfsbedürftigen Person ankommen. Doch es werde zunehmend schwieriger, diese Hilfsfrist zu halten, erklären Experten des Bayerischen Roten Kreuzes in Regensburg. Doch es gibt Ideen, dieses Problem zu lösen – einige haben sich in Kanada schon bewährt.
Aktuell jedoch entwickelt sich die Situation in eine schlechte Richtung. „Der Rettungsdienst kommt an seine Belastungsgrenzen“, sagt Sebastian Gerosch, Notfallsanitäter aus Regensburg, „wir haben eine Einsatzsteigerung pro Jahr von vier bis sechs Prozent.“ Wo Rettungsdienste vor zehn Jahren noch ein Prozent des deutschen Gesundheitsbudgets ausgemacht hätten, lägen sie jetzt bei zwei bis drei Prozent. Immer öfter wird die 112 von Menschen gewählt, die früher noch ihre Hausärzte angerufen hätten – Hausärzte, die heute nicht mehr in der Breite verfügbar sind wie damals.
Einsätze durch Einsamkeit
Gleichzeitig aber wird das Hilfsbedürfnis in der Bevölkerung nicht geringer. Davon zumindest ist Johannes Gottschalk, Geschäftsführer der Regensburger Rot-Kreuz-Stiftung, überzeugt. „Wir haben einen Trend zur Vereinsamung“, sagt er. Betroffene Menschen würden regelmäßig spätabends anrufen. Und wo früher ein Hausarzt seine Stammpatienten beruhigen konnte, rücken eben heute Sanitäter aus. Geht dann gleichzeitig auch noch ein anderer Notruf ein, werden Fahrzeuge knapp und die 12 Minuten schwierig einzuhalten.
So viel zur aktuellen Lage. Doch wie lässt sich das Problem lösen? Die scheinbare Antwort auf steigende Einsatzzahlen wäre: mehr Personal, mehr Fahrzeuge. Doch so eine Spirale nach oben könne nicht ewig weitergehen, glaubt Gottschalk: „Nach dem nächsten Fahrzeug bräuchten wir das nächste und das nächste und das nächste. Das ist nicht die Lösung“, sagt er. Ebenso könne man die Verantwortung nicht an Kliniken schieben. Diese, so sagte der Regensburger Notaufnahme-Chef Markus Zimmermann im Oktober im MZ-Interview, seien „an der Belastungsgrenze“.
Aber was ist dann die Lösung? Diese Frage stand im Zentrum eines Kongresses, den die Rot-Kreuz-Stiftung im November in Regensburg veranstaltete. Zu Gast waren auch Sanitäter aus Kanada. Die Amerikaner hatten auch schon mit derartigen Problemen zu kämpfen und fanden Auswege. Und zwar in der „präventiven Notfallversorgung“.
Dabei geht es darum, die Zahl der Einsätze zu reduzieren, indem man Risikopatienten im Voraus besser versorgt. Sebastian Gerosch nennt ein Beispiel aus Regensburg: ein älterer Herr, der in einem Altbau wohnt und für den der nächtliche Weg zum Klo durch schlechte Beleuchtung und Hindernisse zu einer einzigen Stolperfalle wird. Es kommt zum Sturz und der Rettungsdienst fährt ihn in eine Klinik. Nach der Genesung aber geht der Mann unsicher, auch aus Angst, wieder zu stürzen. „Solche Menschen haben ein vielfach höheres Risiko, nochmal zu stürzen“, sagt Gerosch, „den ersten Sturz können wir nicht verhindern, aber den zweiten vielleicht schon.“
Genau hier würde die präventive Gesundheitsvorsorge einsetzen. Im besten Falle sei man mit Ärzten aber auch Ehrenamtlichen, Pflegern, Kümmerern vernetzt. Oder zumindest vermerke man solche Fälle intern. Sebastian Gerosch nennt ein weiteres Beispiel: Ein Suchtkranker ruft zum dritten Mal an, will wieder zum Entzug, nachdem er die vergangenen beiden Male rückfällig wurde. „Natürlich helfe ich“, sagt Gerosch ganz selbstverständlich. Aber bei dem bekannten Patienten würde es dann vielleicht reichen, wenn er ihn mit dem Taxi zum Entzug begleitet, statt einen Rettungswagen zu belegen. Ebenso würde es reichen, die Wohnung des älteren Herren sturzsicher zu machen. Oder die einsame Frau, die spätabends anruft, mit sozialen Initiativen zu vernetzen. Diese Präventivmaßnahmen, so hofft Gottschalk, könnten die Zukunft der Notfallversorgung sichern. Dafür brauche es politische Unterstützung.
Forderung an die Politik
„Der Rettungsdienst wurde schon ins Sozialgesetzbuch Fünf aufgenommen, der präventive Rettungsdienst gehört nun auch rein“, fordert er von der Regierung. Überall in Deutschland gebe es Pilotprojekte und Testläufe, eine umfassende Strategie fehle noch. Eines dieser Pilotprojekte läuft in Regensburg: Das REF (Rettungseinsatzfahrzeug) wird von BRK und Maltesern betrieben und rückt aus, wenn schon beim Notruf vorherzusehen ist, dass kein schwerwiegender Fall und keine Einlieferung ins Krankenhaus nötig sein wird. Das Projekt läuft noch bis Ende 2024 und ist, so Johannes Gottschalk, bislang ein Erfolg.
„Früher hat man gesagt: Der deutsche Rettungsdienst ist der beste der Welt“, sagt Sebastian Gerosch. Jetzt liefen andere ihm teils den Rang ab. In Seattle zum Beispiel sei die Überlebensrate von Herzstillständen außerhalb des Krankenhauses doppelt so hoch wie hier, sagt er. Und das, obwohl deutsche Sanitäter fachlich Weltklasse seien. Aber die Arbeit am Limit belaste sie mehr, als sie sollte. Das müsse sich ändern.
Gute Nachricht für die Sanitäter-Zukunft
Zukunft: Nachwuchssorgen, wie es sie in viele Branchen gibt, seien im Rettungsdienst kein großes Thema, sagt Johannes Gottschalk: „Die Situation ist wirklich gut“.
Oberpfalz: Der Kreisverband Regensburg hat inzwischen zwei Sanitäter-Klassen pro Jahrgang mit je 30 Auszubildenden. „Anfangs hatten wir nie geplant, mehr als eine Klasse zu haben“, sagt Gottschalk. Auch die Physio-Ausbildung und das Simulationszentrum wachse enorm an, fügt Gottschalk freudig hinzu.
Ausbildung: Das BRK bietet 2023/24 im Rettungsdienst 750 Ausbildungsplätze in Bayern – so viele wie noch nie.
Blutspende: Am Dienstag rief das BRK wieder zum Blutspenden auf, um Engpässe im Dezember zu verhindern.
