Notaufnahme-Chef aus Regensburg: „Die Belastungsgrenze ist erreicht“

Im Interview mit der MZ spricht der Ärztliche Leiter des Regensburger Universitätsklinikums über Personalengpässe und fordert eine bessere Finanzierung der Notaufnahme. Er sagt: „Die Belastungsgrenze ist erreicht“.
Zehn Patienten werden am Donnerstagmittag in der Notaufnahme des Regensburger Universitätsklinikums behandelt. Der Ärztliche Leiter Markus Zimmermann deutet auf seinen Bildschirm. Dort ist zu sehen, mit welchen Beschwerden die Menschen gekommen sind. Einer der Betroffenen ist an Corona erkrankt und leidet unter Luftnot. Ein Krampfanfall, die Verschlechterung des Allgemeinzustands bei einem über 80-Jährigen, Schwindel und ein Leitersturz sind weitere Gründe. Im Interview spricht der Ärztliche Leiter über Personalengpässe und fordert eine bessere Finanzierung.
Herr Zimmermann, es heißt, dass die Notaufnahmen von Patienten mit Bagatellverletzungen überrannt werden. Stimmt das?
Markus Zimmermann: Pauschal lässt sich das nicht sagen, in vielen Fällen sind die Notaufnahmen zu klein und haben zu wenig Personal. Dennoch beklagen Krankenhäuser eine zunehmende Fehlinanspruchnahme der Notfallversorgung. Was ein Notfall ist oder nicht, lässt sich oft nicht gleich entscheiden. Wenn ein Patient mit einer Schnittverletzung an der Hand kommt, klären wir, ob das genäht werden muss, oder ob eine Sehne durchtrennt wurde. Dann ist eine Notfallbehandlung nötig.
Klagt ein Patient nach einem langen Flug über Beschwerden im Brustkorb, untersuchen wir, ob eine Lungenembolie vorliegt. Ist das ein Notfall? Ein Patient mit einem nicht dringlichen Anliegen muss dagegen meist länger warten. Das Problem ist, je mehr wir uns um diese Patienten kümmern müssen, desto größer ist die Gefahr, dass die Versorgung Schwerstkranker oder Verletzter leidet. Hat jemand einen Herzinfarkt erlitten oder kommt mit hohem Fieber und Blutvergiftung – da brauchen Sie eine sofortige stationäre Akutversorgung.
Warum bleiben Patienten oft einen ganzen Tag in der Notaufnahme?
Zimmermann: Weil unmittelbar auf der Station zunächst kein Bett frei ist. Wegen des Personalmangels können oft Betten nicht genutzt werden.
Wie einschneidend ist der Fachkräftemangel in der Notaufnahme des Universitätsklinikums?
Zimmermann: Wir haben einen Mangel an Pflegekräften, aber ich habe den Eindruck, der ist in der Notaufnahme nicht so ausgeprägt wie in anderen Krankenhaus-Bereichen. Dennoch sind nicht alle Stellen besetzt. Die Pflegekräfte kompensieren das durch Mehrarbeit und Einspringen, haben aber sicherlich die Belastungsgrenze erreicht. Ich bin da sehr stolz auf meine Mannschaft. Ärztlich sind wir gut aufgestellt, auch weil die Fachabteilungen des ganzen Hauses die Notaufnahme unterstützen.
Die Initiative „Notaufnahmen retten“ fordert eine bedarfsgerechte Finanzierung, eine verbindliche Personal-Mindestzahl, Security-Mitarbeiter und die Anwesenheit mindestens einer Notfall-Pflegekraft. 88.000 Menschen haben die Petition bisher unterzeichnet.
Zimmermann: Hier sind nachts fünf Notfall-Pflegekräfte zusätzlich zu den Ärzten anwesend. Wenn ein Patient, zum Beispiel ein Betrunkener mit Kopfverletzung, nicht mitmacht, finden wir einen Weg, damit es gutgeht. Dennoch erfahren die Pflegekräfte Gewalt, psychisch und physisch. Dann brauchen wir Unterstützung, auch durch die Polizei.
Wie oft geschieht das?
Zimmermann: Es gibt ein paar Regeln, an die müssen sich alle halten. Ist dies nicht der Fall, rufen wir die Polizei. Von vielen Tausend Patienten im Jahr sind ein paar Hundert aggressiv. Die Pflegekräfte in der Notaufnahme verfügen aber über eine Deeskalations-Weiterbildung, so dass die Situation oftmals entschärft werden kann.
Die Notaufnahme am Universitätsklinikum rettet und behandelt pro Jahr rund 34.000 Patienten. Sie ist unterfinanziert.
Zimmermann: Unsere Aufgabe ist die Akut- und Notfallversorgung von Schwerstkranken oder Verletzten. Bei vielen davon ist die Gesundheit erheblich bedroht, oder sie schweben sogar in Lebensgefahr. Dafür halten wir rund um die Uhr, an allen Tagen, erfahrene Pflegekräfte und Ärzte in der Notaufnahme vor. Das muss finanziert werden, die gibt es nicht umsonst. Aktuell sind die Erlöse der Krankenhäuser patientenbezogen.
Für die unmittelbare Behandlung schwerstverletzter oder schwerstkranker Patienten steigen jedoch die Vorhaltekosten erheblich, zum Beispiel für das Schockraumteam, den OP, oder die Intensivstation. Diese müssen rund um die Uhr bereitstehen. Inzwischen ist die Belastungsgrenze erreicht. Deshalb sollte ein Großteil der Kosten in der Akut- und Notfallversorgung über Vorhaltepauschalen abgedeckt werden und nur ein kleiner Teil patientenbezogen. Das wird auch in den Empfehlungen der Regierungskommission zur Reform der Notfallversorgung vorgeschlagen.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Patienten besser steuern. Künftig soll jeder bei einer Leitstelle anrufen, bevor er in die Notaufnahme geht. Per Telefon sollen Experten Rezepte ausstellen, einen Hausbesuch organisieren oder in eine Praxis überweisen. Im Juli hat der Gemeinsame Bundesausschuss Vorgaben für ein standardisiertes Ersteinschätzungsverfahren definiert. So soll der Behandlungsbedarf verlässlich beurteilt werden.
Zimmermann: Vieles der neuen Ersteinschätzungs-Richtlinie hat das Gesundheitsministerium beanstandet. Es gibt ungeklärte Fragen. Zum Beispiel existiert kein validiertes Ersteinschätzungs-Verfahren, das die Anforderungen erfüllt. Da wären wir wieder bei der Frage: Was ist ein Notfall? Daher wird der Beschluss des Gemeinsamen Bundesausschusses so nicht kommen. Klar ist, dass wir eine zentrale, jederzeit zugängliche sektorenübergreifende Versorgung für Notfallpatienten brauchen – das geht nur mit einer Stärkung der klinischen Notfallmedizin.
Zur Person
Für die Notfallmedizin hat sich Markus Zimmermann (56) früh entschieden. „Es ist eine interessante und befriedigende Tätigkeit, weil man mit einfachen Mitteln viel erreichen kann“, sagt der Narkose-Facharzt. „Außerdem spannend, weil man nie weiß, wie der Tag verläuft und was auf einen zukommt.“
Das Interview führte Marion Koller