In Regensburg: Die Schöpfung auf Siegeszug

Von Marianne Sperb · 26. November 2023 um 14:50

„Lassen Sie sich fallen“: „Genesis II“ findet in Regensburg Riesen-Interesse. 56 000 Besucher sind für die Veranstalter ein Muss. Und für 2024 ist schon Neues in der Planung.

„Genießen Sie die Auszeit“, sagt Wolfgang Dersch. „Vergessen Sie To-do-Listen. Lassen Sie sich fallen.“ Regensburgs Kulturreferent spricht am Freitag in der Minoritenkirche zum Start von „Genesis II“. In der wuchtigen Bettelordenskirche ist eine Landschaft aus voluminösen Sitzsäcken modelliert, in der sich Menschen jeden Alters bereit gemacht haben, um die Schöpfung als überwältigende Licht-Klang-Schau zu erleben.

Eva trägt BH und Slip

Die Show beginnt ganz sacht. Lichttröpfchen schweben über die Wände, verdichten sich zu Planeten, marmoriert und gefärbt wie verrückte Eis-Kreationen. Meteoriten stürzen vom Himmel. Erste Pflanzen nehmen Gestalt an und wogen durchs Wasser. Zum Dreiviertel-Takt von „Barcarole“ von Jacques Offenbach beginnen Fische, ihre Kreise zu ziehen, Schildkröten schwimmen majestätisch ihres Weges, Hammerhaie und Riesenkraken werden im Meerblau sichtbar. Die Stimmung wechselt von mystisch zu beschwingt und wieder zu mystisch: Pottwale werden von Walgesang und Wasserrauschen begleitetet. Gefiederte Geschöpfe in explodierenden Farben wirbeln über die Wände, Blütenblätter rotieren im Takt von Trommeln, Scharen von Käfern in Leuchtfarben tummeln sich im Raum.

Tiefe Atemzüge kündigen Neues an: Der Mensch, die „Krone der Schöpfung“, taucht auf, mit Fingern und Füßen in hellen und dunklen Hautfarben, die wilde Wirbel tanzen. Eva räkelt sich an der Decke, brustwarzenlos, in BH und Slip, auch Adam trägt Unterhose. Der jugendfreie Auftritt ist keineswegs ein Wunsch von Kirchenseite, sagt Veranstalterin Julia Köppel von „Die Kulturoptimisten“ später auf Nachfrage. Die Macher der Show von der Gruppe Projektil aus Zürich fanden es so „einfach richtiger, stimmiger“.

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Nach „Genesis I“ in St. Ulrich Ende 2022/Anfang 2023 erzählt „Genesis II“ nun die Schöpfungstage vier bis sieben, in ausgetüftelten Animationen, die auch das gotische Maßwerk feinst nachzeichnen, in berauschenden Farben und mit viel Musik, die von Arvo Pärt und Samuel Barber bis zu Bigband- und Elektrosound reicht. Das ist alles aufwändig und gut gemacht, aber wirklich eintauchen, das ist der Eindruck bei der Premiere, konnte man mehr in der kompakten, dunkleren Museumskirche am Dom als in der langgestreckten, hoch aufragenden Minoritenkirche, die nicht vollständig zu verdunkeln ist. „Wir sehen das als work in progress“, sagt Julia Köppel. Die Veranstalterinnen optimieren den Rahmen laufend und zünden 2023 zum Beispiel mit „special nights“ und Live-Musik ein neues Level. Die Bedingungen sind nicht einfach. Brandschutz, Versicherung, Denkmalschutz und Hygrometer sind limitierende Faktoren. In der Kirche, in der Prediger Berthold vor 800 Jahren die Massen angezogen hat, ist die Gästezahl auf 200 begrenzt. Der Prediger kannte halt noch keine Versammlungsstättenverordnung.

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„Genesis“ ist eine große Sache und tritt, wie immersive Shows allgemein, einen Siegeszug an. Berlin, München, Hamburg reißen sich um die Events, auch Mailand, Paris, London oder Genf. Für 2024 haben „Die Kulturoptimisten“ schon das nächste Event in Planung: eine Lichtshow über die Jahreszeiten, mit – natürlich! – Musik von Vivaldi.

Für „Genesis II“, das bis Mitte Februar läuft, sind in Regensburg bereits 14000 Tickets reserviert, Stand: Samstag. 56000 Karten, wie in St. Ulrich innerhalb von neun Wochen weggingen, sind „ein must-have“, sagt Julia Köppel. Das sieht auch Kulturreferent Dersch so. Dem Historischen Museum, zu dem die Kirche gehört und das 2020 keine 10000 Gäste zählte, dürfte „Genesis“ einen irren statistischen Schub schenken.

Show mit Musik

Genesis II: Die Illumunation ist bis 10. Februar zu sehen. Die Shows dauern 30 Minuten und sind von Donnerstag bis Sonntag zu sehen: ab 17.45 Uhr, im Dezember ab 17 Uhr. Tickets kosten regulär 12 Euro, es gibt eine Reihe von Ermäßigungen.

Musiknächte: Zur 45-Minuten Version der kompletten Genesis erklingt Live-Musik unterschiedlichster Stilrichtungen, von Klassik bis zu Elektro-Loops. Den Anfang machen Geigerin Irina Pak und Pianistin Anna Hauner aus Zürich (11. Dezember). Es folgen Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer (19. Dezember), Multiinstrumentalist Rainer J. Hofmann (8. Januar), Gitarrist Vincent Babl (10. Januar), Studierende der Hochschule für katholische Kirchenmusik und Musikpädagogik (15. und 16. Januar) und Organist Stefan Baier (24. Januar).

Karten und Infos: www. genesis-regensburg.de, Tourist Info am Rathausplatz und evt. vor Ort an der Tageskasse. Der Vorverkauf für die Special Nights beginnt am 25. November.

Julia Köppel von „Die Kulturoptimisten“, hier mit Regensburgs Kulturreferent Wolfgang Dersch Foto: Kellner
Ein Farbenrausch: Szene aus „Genesis II“ in Regensburg Foto: altrofoto.de