Wartelisten bei der Schuldnerberatung: Mehr Regensburger brauchen akut Hilfe

700 Menschen aus Regensburg kamen im Jahr 2022 in die Schuldnerberatung der Caritas, sagt Monika Kortus, die Verschuldeten aus der Falle hilft. Und diese Stelle sei lediglich einer von drei Anlaufpunkten. Sie ist sich sicher: „Bei den Zahlen müsste jeder einen Betroffenen kennen.“
Dabei haben sich andere Werte zu dem Thema in Stadt und Landkreis Jahr verbessert. Das sind die im Schuldneratlas 2023, den die Wirtschaftsauskunftei Boniversum am Dienstag vorstellte. Dazu glich das Unternehmen laut Barbara Zinkl, Prokuristin bei Creditreform Regensburg Aumüller KG, Datensätze über Konsumenten mit den Bevölkerungszahlen des statistischen Bundesamtes ab und kam so auf die Überschuldungsquoten. Als überschuldet werde jemand bezeichnet, der seine Schulden nicht mehr aus dem Einkommen seines Haushalts begleichen kann, sagt sie.
Landkreis unter Top 20
Die durchschnittliche Überschuldung in der Stadt liegt laut diesem Schuldneratlas bei 7,05 Prozent, während sie in 2022 noch 7,32 Prozent betrug. Damit landet die Domstadt auf Platz 154 im Ranking der Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands. Zum Vergleich: Schlusslicht Bremerhaven mit Rang 400 hat eine Überschuldungsquote von 19,02 Prozent. Die Innenstadt mit einer Quote von 8,15 Prozent und das Kasernenviertel, das bei 9,35 Prozent liegt, weisen laut Zinkl die schwächsten Werte im Stadtgebiet auf.
Der Landkreis landet in diesem Ranking auf Platz 11 und damit unter den 20 am wenigsten verschuldeten Kreise und kreisfreien Städte mit einer durchschnittlichen Quote von 4,43 Prozent. Platz 1 belegt wieder Eichstädt mit einem Wert von 3,54 Prozent. Spitzenreiter im Landkreis Regensburg seien laut Zinkl dabei die Gemeinden Brennberg, Altenthann, Kallmünz und Duggendorf, deren Quoten allesamt unter 3 Prozent liegen. Schlusslicht sei Neutraubling. Eigentlich seien die Experten bei dem Unternehmen laut Zinkl davon ausgegangen, dass sich die Werte in diesem Jahr verschlechtern. Allerdings sei die Frist, nach der Schuldner von Schulden befreit werden, wenn sie diese nicht bezahlen können, derzeit verkürzt und sie geht davon aus, dass sich dieser Effekt in der Statistik niederschlägt.
Mehr akuter Handlungsbedarf
Auch Kortus von der Caritas hat das Gefühl, dass sich gerade mehr Menschen Hilfe bei ihr holen – auch wenn sie die aktuellen Zahlen noch nicht kennt. Was die Situation verschärft: „Es melden sich darunter immer mehr Menschen mit Schuldenproblemen, bei denen sofort gehandelt werden muss“, sagt sie. Und weil die Fälle, in denen es zu Pfändungen kam und der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, derart zugenommen haben, müssen andere Klienten, mit weniger brisanten Problemen, warten. „Bei den kurzfristigen Beratungen geht es darum, die Existenz zu sichern“, erklärt Kortus den Vorrang dieser Fälle. Drei bis vier Monate Geduld müssten andere Hilfesuchende im Moment auf einen Termin warten.
Kortus weiß um die Probleme, die Schulden mit sich bringen. „Die Menschen haben Existenzängste“, sagt sie. Zudem werde das Thema totgeschwiegen. „Die Betroffenen schämen und isolieren sich“, verdeutlicht Kortus. Und so kämen viele erst spät in die Beratung. Teilhabe sei in dieser Situation aber auch wegen des fehlenden Geldes nicht möglich: Theater, Kino oder Restaurantbesuche seien undenkbar. „Wenn ein Inkassoschreiben im Postkasten liegt, macht das manchen auch so viel Angst, dass sie lieber nichts mehr zu Essen kaufen, um stattdessen die Raten von dem Geld zu bezahlen“, berichtet Kortus.
Bis zur Starre überlastet
Zudem plage viele Betroffene das Gefühl, versagt zu haben. Diese Überlastung führe zu einer regelrechten Starre. „Die Menschen sind nicht mehr in der Lage, ihre Situation objektiv einzuschätzen und werden handlungsunfähig“, sagt sie.
Dabei könne es jeden treffen. Gründe für Verschuldung seien etwa Krankheit, Arbeitslosigkeit, Trennung oder der Tod eines Partners. Bedroht davon sei jeder, der überraschend über ein geringeres Einkommen verfügen muss – insbesondere, wenn im heimischen Haushalt nicht viel Luft bleibt und soziale Netzwerke fehlen. Deswegen wünscht sich Kortus Verständnis für ihre Klienten. „Aber es braucht auch mehr Präventionsarbeit“, fordert sie.
