Regensburger JVA-Leiter über psychisch kranke Häftlinge und die ekeligen Folgen fürs Personal

Von Isolde Stöcker-Gietl, André Baumgarten · 10. November 2023 um 10:00

Kot, Urin, Tritte: Immer häufiger werden Vollzugsbeamte von Inhaftierten attackiert. Der Leiter der Regensburger JVA, Marcus Hegele, spricht von einer sich verändernden Klientel. „Nahezu jeder Gefangene leidet inzwischen unter irgendwelchen psychischen Problemen.“

In den Justizvollzugsanstalten werden immer mehr Gefangene mit psychischen Auffälligkeiten betreut. Sind die Gefängnisse darauf überhaupt vorbereitet?

Marcus Hegele: Tatsächlich erleben wir eine dramatische Zunahme in diesem Bereich. Man kann davon ausgehen, dass inzwischen nahezu jeder Gefangene unter irgendwelchen psychischen Problemen leidet. In diesem Jahr hatten wir in der Justizvollzugsanstalt Regensburg bislang 18 dokumentierte Übergriffe. Die Beamten im Justizvollzug stellt das vor enorme Herausforderungen. Es ist hier wie überall in der Gesellschaft: Der Respekt vor Uniformträgern nimmt ab. Leider.

Brauchen wir mehr Gefängnisse, die auf psychisch Auffällige spezialisiert sind?

Hegele: Wir haben in Bayern zwei psychiatrische Abteilungen – eine in Würzburg und eine in Straubing. Beide sind randvoll angesichts der Entwicklung, weshalb der Bau einer weiteren psychiatrischen Abteilung in der Justizvollzugsanstalt München Stadelheim geplant ist. Die Eröffnung sehnen wir regelrecht herbei. Wobei der Bau alleine ja nicht reicht, wir brauchen auch das Personal, die Psychiater‚ die in Justizvollzugsanstalten arbeiten wollen. Auch in Straubing können derzeit nicht alle Plätze der psychiatrischen Abteilung belegt werden, weil es einfach an Fachkräften mangelt.

Auf Beamte uriniert und gespuckt

Mit welcher Art von psychisch kranken Gefangenen werden Sie konfrontiert? Mögen Sie uns ein Beispiel schildern?

Hegele: Wir hatten in Regensburg einen Gefangenen, der schon länger psychisch auffällig war. Er sollte in die psychiatrische Abteilung der JVA Straubing überstellt werden. Weil er sich dem Transport verweigerte, musste unmittelbarer Zwang angedroht und schließlich auch durchgesetzt werden. Der Proband wurde gefesselt, wogegen er sich mit erheblichem Kraftaufwand sperrte. Er schlug mit dem Kopf in unsere Richtung und trat mit den Füßen. Dann versuchte er die Justizbeamten anzuurinieren, was ihm nicht gelang. Das meiste landete in der Anstaltshose. Im Fahrzeug packte er sein Geschlechtsteil erneut aus und urinierte an das Gitter und die Schiebetür. Außerdem spuckte er den Fahrgastraum großflächig voll. Das Urinieren und Spucken wiederholte er während der kompletten Fahrt. Das ist exemplarisch. Allein für so einen Einsatz brauchen wir drei Beamte.

Muss das Personal aufgrund dieser Entwicklungen anders ausgebildet werden?

Hegele: In der JVA Regensburg gibt es eine sogenannte Sicherungsgruppe, wie sie mittlerweile in mehreren bayerischen Anstalten implementiert ist. Ab etwa 2015 fand ein Aufrüsten statt, weil man gemerkt hat, dass der Widerstand bei den Inhaftierten größer wird, dass die psychischen Auffälligkeiten mehr werden. Diese Kollegen der Sicherungsgruppe werden an der Bayerischen Justizvollzugsakademie in Techniken der waffenlosen Selbstverteidigung und in verbalen Deeskalationsmaßnahmen geschult. Wo noch keine Sicherungsgruppen vorhanden sind, gibt es sogenannte Einsatztrainer, die Kollegen in diesen Techniken anleiten.

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Warum gibt es überhaupt derzeit so viele Inhaftierte mit Traumata oder psychischen Problemen?

Hegele: Man kann es zeitlich festmachen. Die Übergriffe auf die Bediensteten sind ab 2015, 2016 gestiegen. Eine reine Kausalität mit der Flüchtlingsproblematik sehe ich aber nicht. Die Faktoren sind multikausal. Es gibt auch mehr drogeninduzierte Psychosen. Und psychische Erkrankungen nehmen generell zu.

„Wir brauchen mehr Fachpersonal in der JVA“

Wo kann man ansetzen, damit es erst gar nicht zu Übergriffen auf Personal kommt?

Hegele: Wir brauchen mehr Fachpersonal. Mittlerweile hat die JVA Regensburg einen festen Psychologen, der aus der JVA Straubing zu uns gewechselt ist, und somit langjährige Vollzugserfahrungen mitbringt. Er ist, so viel kann ich verraten, bei uns ziemlich gut beschäftigt. Rund um die Uhr steht uns via Telemedizin zusätzlich ein Psychiater zur Verfügung, der in Krisensituationen zugeschaltet werden kann. Hinzu kommen zwei Sozialpädagogen, die mittlerweile um eine dritten Kollegin in Teilzeit aufgestockt wurden. Sehr wichtig sind die Fachdienste. Was wir nicht haben, ist ein fester Anstaltsarzt.

Sie brauchen also vor allem psychiatrische Unterstützung und weniger medizinische Versorgung?

Hegele: Das ist richtig. Aber natürlich haben wir auch viele Gefangene die multimorbid sind, etwa durch langjährigen Drogenkonsum.

Gibt es Wartezeiten auf die Haftplätze mit psychiatrischer Versorgung?

Hegele: Für die JVA Regensburg ist die Einrichtung in Straubing zuständig. Und da gibt es tatsächlich eine Warteliste. Und die wird üblicherweise in chronologischer Reihefolge abgearbeitet.

Was bietet die spezialisierte psychiatrische Einrichtung?

Hegele: Man muss sich das vorstellen wie eine stationäre Aufnahme in einem psychiatrischen Krankenhaus. Nach einer mehrwöchigen Behandlung kehren die Inhaftierten dann wieder nach Regensburg zurück und können ambulant weiterbetreut werden. Man muss aber schon sehen: Für die JVA-Bediensteten ist das eine enorme zusätzliche Belastung.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen akuten Fall haben und in der psychiatrischen Station in Straubing kein Platz frei ist?

Hegele: Es gibt eine Kooperationsvereinbarung mit dem Bezirksklinikum (BKH) Regensburg. In Einzelfällen können dringend behandlungsbedürftige Gefangene dort untergebracht werden.

Die werden dann in die Forensik verlegt, oder?

Hegele: In die Forensik oder in die geschlossene Allgemeinpsychiatrie. Natürlich findet dort eine entsprechende Überwachung statt. In der Vergangenheit waren das nur vereinzelte Fälle, aber aufgrund der aktuellen Entwicklungen sind wir an einem Punkt, wo wir so viele psychisch auffällige oder psychisch kranke Gefangene haben, sodass ich die Zusammenarbeit mit dem BKH wieder intensivieren möchte.

In der JVA Regensburg sind viele Nationalitäten untergebracht. Auch das stellt Sie sicher vor Herausforderungen?

Hegele: Ja, die Ausländerquote ist seit 2015 explodiert. 2017 waren wir bei 39 Prozent. Da hatten wir die 15er-Flüchtlingskrise schon hinter uns. 2021 waren es 41 Prozent, 2022 dann 43 Prozent und heuer im Juli hatte die JVA Regensburg 65 Prozent Ausländerquote. Momentan liegen wir bei 55 Prozent. Im vergangenen Jahr waren es 59 verschiedene Nationalitäten. Das ist ein babylonisches Sprachengewirr, was meine Beamtinnen und Beamten extrem fordert. Zudem brauchen sie Rüstzeug im Umgang mit fremden Kulturen. Es fanden Schulungen in interkultureller Kompetenz statt. Es gibt eine Handreichung zum Thema Frauenbild im Islam für unsere weiblichen Uniformierten, denn etwa 25 Prozent der Inhaftierten hier sind Muslime. Das was in der momentanen Gemengelage geleistet wird, das ist aller Ehren wert.

Wo sehen Sie Ansätze, um die Situation zu entschärfen?

Hegele: Trauma-Pädagogen wären wünschenswert, aber da gibt es wieder die Sprachbarrieren. Mein persönliches Credo ist, mehr Freizeitmöglichkeiten zu schaffen. Wenn die Gefangenen nur auf ihrer Abteilung sitzen und eh schon ein psychisches Problem haben, dann wird das nicht besser. Arbeitstherapeutische Betriebe sind so ein tagesstrukturierendes Angebot, das wir in Regensburg leider derzeit noch nicht bieten können. Aber vielleicht im nächsten Jahr. Wesentlich länger wird sich die Errichtung einer Mehrzweckanlage hinziehen. Sie kommt wohl erst 2035. Für die Frauenabteilung haben wir eine Kreativgruppe mit unserer Pastorin und die Literaturgruppe.

Insassen durchschnittlich 60 Tage in der JVA Regensburg

Wie lange sind die Inhaftierten in der JVA Regensburg, wo ja vorrangig Untersuchungshäftlinge sind und Strafen bis zu einem Jahr abgesessen werden?

Hegele: Die durchschnittliche Verweildauer sind rund 60 Tage. Aber auch in diesen 60 Tagen muss man etwas anbieten. Mein Ziel wäre, dass wir psychische Probleme besser in den Griff kriegen, durch sinnvolle Freizeitgestaltung und durch Arbeitsangebote. Es kann für einen psychisch Kranken nicht gut sein, wenn er nur 23 Stunden in seinem Haftraum eingesperrt ist.

Was sehen Sie auf die Gefängnisse in den kommenden Jahren zukommen?

Hegele: Es wird mit Sicherheit nicht einfacher. Nach Medienberichten nimmt die Jugendkriminalität und die Jugendgewalt etwa in Städten wie München massiv zu. Von meinen Kollegen aus den Jugendstrafanstalten höre ich, dass brutale Gewalttaten im frühen Alter, mit 14, 15, häufiger werden. Das macht mir Sorge. Eine JVA ist wie ein Brennglas auf die gesamte Gesellschaft. Wenn ich die Entwicklung hier sehe, habe ich eine gewisse Ahnung, was draußen vor sich geht. Wenn ich aber nach draußen schaue, habe ich eine Ahnung, wie es bei uns weitergeht. Und Beides stimmt mich nicht optimistisch.

Wie reagiert die Politik auf diese Entwicklungen?

Hegele: Die Probleme sind bekannt, aber einfache Lösungen gibt es nicht. Die Herausforderungen, die meine Mitarbeiter derzeit meistern müssen, stelle ich wieder und wieder dar. Wenn etwa bei Anstaltsleiter-Zusammenkünften auf der Tagesordnung „Umgang mit Fäkalien-Schmeißern“ steht, dann zeigt das eine Entwicklung, die wir so vor einigen Jahren nicht haben kommen sehen. Diese Probleme müssen wir offen kommunizieren. Andererseits lege ich Wert auf die Feststellung, dass es mir absolut zuwider ist, wenn demokratiefeindliche Kräfte diese Entwicklung für populistische Kampagnen missbrauchen.

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Man hörte zuletzt auch häufiger von Gefangenen-Ausbrüchen. Auch in Regensburg gab es dieses Jahr eine spektakuläre Flucht aus dem Landgericht.

Hegele: Die Gefahr ist die: Auch Inhaftierte, die keine Lockerungseignung haben, erhalten Ausführungen zum Erhalt der sogenannten Lebenstüchtigkeit. Darunter sind Schwerstkriminelle, die noch viele Jahre im Gefängnis verbringen werden, die gefesselt und von vier oder fünf Beamten in zivil begleitet in Innenstädten oder Parks einen Spaziergang machen dürfen. So sieht es das Bundesverfassungsgericht vor. Das ist ein Risiko, mit dem wir leben müssen.

Das Interview führten Isolde Stöcker-Gietl und André Baumgarten

Eine alte Zelle: Noch sind nicht alle Teile der JVA Regensburg saniert.