Warum Gedichte im Gefängnis wichtig sind

Die Justizvollzugsanstalt Regensburg bietet einen Literaturkurs für Häftlinge an. Die MZ war dabei.
Die Welt der verschlossenen Türen beginnt nur ein paar Schritte entfernt vom prallen Leben in der Regensburger Kumpfmühler Straße. Die Justizvollzugsanstalt Regensburg befindet sich in guter Innenstadtlage – doch niemand dort genießt die Aussicht. Viel nackter Beton mit Absperrgittern an den oberen Kanten fängt in dem grauen Zweckbau den Blick auf.
Marcus Hegele ist einer der wenigen, für den sich hier alle Türen öffnen. Der Leiter der JVA bewegt sich mit seinem elektronischen Schlüssel rasch durch eintönige Gänge. Er steuert ein Aufenthaltszimmer in der Frauenabteilung an, in dem Pflanzen und Vorhänge für Farbtupfer sorgen. Hier sitzen sieben Frauen zusammen: Fünf Insassinnen der JVA, Pfarrerin Barbara Dietrich und Regierungsdirektorin Susanne Hollnberger, die stellvertretende Leiterin der JVA.
Dietrich trifft sich einmal pro Monat mit drei bis fünf Frauen zu einer Literaturstunde – sie sprechen über Gedichte, das „Hohelied der Liebe“ im Alten Testament, Liebeslieder oder über gewaltfreie Kommunikation. Oft kommen Vorschläge für die nächste Sitzung von den Frauen selbst, sagt Dietrich.
Wenn die Gedanken kreisen
Allerdings bleiben wenige dem Kurs über längere Zeit erhalten. Denn diese JVA ist ein Kurzzeit-Gefängnis. Im Vergleich zur JVA Straubing sind in Regensburg Gefangene mit geringer Haftdauer von einem Jahr oder darunter inhaftiert.
Das Gros der Insassen, rund 80 Prozent, sind Untersuchungshäftlinge. Solange sie auf ihr Urteil warten, gilt für sie die Unschuldsvermutung. Die Aussicht auf den bevorstehenden Prozess belaste sie oft psychisch stark, sagt Hegele. Der Leitende Regierungsdirektor war vor seinem Antritt in Regensburg im Oktober 2022 stellvertretender Leiter der JVA Straubing, wo er gute Erfahrungen mit Arbeitstherapie gemacht hat. Diese strukturiere den Tag der Häftlinge und erlaube ihnen kleine gedankliche Fluchten. Es gelte, das ständig kreisende Gedankenkarussell um die ungewisse Zukunft zu durchbrechen. Dies diene nicht zuletzt der Suizid-Prävention, sagt Hegele: „Wir prüfen derzeit, ob auch in der JVA Regensburg ein arbeitstherapeutischer Prozess begonnen werden kann.“
Der Literaturkurs an diesem Nachmittag zielt darauf, dass sich die Frauen beim Besprechen und Verfassen kleiner Texte im geschützten Rahmen öffnen und Gefühle, Ängste und Wünsche miteinander teilen können. Wie wichtig das Angebot den Frauen ist, macht Anna (Name geändert) klar: „Unser Alltag ist eintönig und wenig fordernd“, sagt sie. Im Gefängnis neige man dazu, die immergleichen Gedanken zu wälzen. Gespräche mit Menschen von „draußen“ bedeuteten eine willkommene Abwechslung.
Die Pfarrerin verteilt zu Beginn Motiv-Postkarten mit Sprüchen und fragt die Frauen, ob sie sich davon angesprochen fühlen. „Do what you love“ – eine der Frauen sagt: „Das zu tun, was einem gefällt, das spricht mich an.“ Eine andere bringt es auf den Punkt: Man könne schließlich nicht aufhören, etwas zu wollen, nur weil man im Gefängnis sitze.
„Ohne Regen kein Regenbogen“ – diesen Spruch hat Anna gewählt. Sie sei überzeugt, auch von der Gefängnis-Erfahrung etwas mitnehmen zu können, das sie weiterbringe, sagt sie – und bringt die Runde zum Lachen, als sie trocken anfügt: „Das soll aber jetzt keine Empfehlung fürs Gefängnis sein.“
Ein Schiff auf einer Postkarte inspiriert eine andere Frau. Sie habe sich ihrer Spielsucht gestellt, erzählt sie: „Ich habe die Reise hierher gebraucht, damit ich vielleicht zu mir finde.“ Der Hafen, ihre Familie, bleibe erhalten, das Schiff müsse aber einen Umweg machen.
Sehnsucht in elf Worten
Valentina (Name geändert) hat sich Bilder von Meer und Bergen ausgesucht. Die erinnern sie an Georgien: „Ich war lange nicht dort, mein Zuhause fehlt mir“, sagt sie und wischt eine Träne weg.
Dann fordert die Pfarrerin die Frauen auf, ein „Elfchen“ zu verfassen: kurze Gedichte, bestehend aus elf Wörtern, die sich nicht reimen müssen. Dietrich lässt ihnen Zeit, dann lesen die Frauen vor. Anna hat ihren Mann direkt angesprochen: „Mein Mensch / ich vermisse Dich / Du gibst mir Halt/ Schmerz, Verzweiflung.“ In einem weiteren Gedicht schreibt sie sich eine negative Erfahrung von der Seele: „Demütigung/ kein Respekt / hinterlässt tiefe Wunden / will ich nie mehr erdulden / vorbei.“
Valentina weint beim Vorlesen ihres Gedichtes, Anna nimmt ihre Hand. Die Frauen öffnen sich – obwohl an diesem Tag Außenstehende im Raum sind. Das Gefängnis, so scheint es, ist der richtige Ort für Gedichte: Wo sonst fördern sie starke Emotionen zutage?
Die Pfarrerin teilt blumenverziertes Briefpapier aus. Darauf können die Frauen ihre fertigen Gedichte schreiben. Dietrich begegnet den Frauen zugleich mit professioneller Distanz und herzlicher Offenheit. Sie lacht mit ihnen, hakt nach, wenn sie von sich erzählen, nimmt Anteil. Dietrich sagt, ihre Tätigkeit im Gefängnis, wo sie auch die männlichen Gefangenen betreut, bereichere sie unglaublich. Nicht nur, dass die Gottesdienste hier besser besucht sind als draußen, auch die Gespräche seien intensiver.
Manchmal werde sie gefragt, ob sie nicht Angst habe vor den Häftlingen – viele Menschen erinnern sich an die Psychologin, die 2009 in der JVA Straubing von einem Patienten als Geisel genommen und vergewaltigt worden war. Doch Dietrich hat keine Angst und strahlt das auch aus. Sie freut sich vielmehr, dass sie Menschen in einer schwierigen Lebenssituation beistehen kann.
Verlässt man den Aufenthaltsraum, ist man im Frauentrakt: In Valentinas Zelle sitzen Anna und Valentina noch zusammen. Ihre Haft dauere noch ein Jahr, erzählt Valentina. Hat sie in Anna eine Freundin gefunden? Valentina nickt und schaut zu Anna. Ihre Augen blicken immer noch traurig, doch ihr Mund lächelt jetzt.
Beschäftigungsangebote in der JVA Regensburg:Plätze:Aktuell gibt es in der JVA Regensburg 99 Haftplätze für Männer und 33 für Frauen. Drogen- oder Betrugsdelikte seien häufig der Grund für die Haft, sagt Marcus Hegele.
Angebote:Es gab bereits einen Gabelstapler- und einen Erste-Hilfe-Kurs und ein Kickerturnier. Seit Juni 2022 gibt es monatliche Kreativstunden in der Frauenabteilung.
Kreativität:Insassinnen können Mandalas malen, Grußkarten gestalten, kochen, Plätzchen backen oder Armbänder flechten. Im Oktober 2022 ging daraus eine monatliche Literaturstunde hervor (vorerst für Frauen), geleitet von Barbara Dietrich. Sie ist im Hauptamt Pfarrerin in Bad Abbach. Seit 2018 fungiert sie im Nebenamt als Gefängnis-Seelsorgerin in Regensburg.
Ziele:JVA-Leiter Hegele sagt, wegen der eher kurzen Verweildauer der Häftlinge hätten solche Angebote weniger die Resozialisierung im Fokus, die bei Langzeit-Häftlingen wichtig ist. In Regensburg geht es um die psychische Ausnahmesituation. Allerdings begrüße er es, wenn Häftlinge sich auch in der Kurzzeit-Haft zu sozialem Engagement für ihre Zeit nach dem Gefängnis inspirieren lassen.
