Die Reeperbahn von Pölling: Hier entstehen Produkte vom Kälberstrick bis zur Slackline

Von Mittelbayerische Zeitung · 9. November 2023 um 17:00

Früher gab es in jedem Dorf mehrere Seiler, heute ist Günther Braun aus Pölling einer von ganz wenigen in Deutschland. Dass er einen aussterbenden Beruf habe, hört er trotzdem gar nicht gern. Denn Seilerei-Produkte sind im 21. Jahrhundert gefragt: in der Industrie, am Bau und sogar im Sport.

In seinem Betrieb mit rund 50 Mitarbeitern im Gewerbegebiet am Grünberg brummt das Leben. Das Klischee vom antiquierten Handwerk stimmt nämlich ganz und gar nicht. Zwar produziert das Unternehmen auch noch klassisch gedrehte Stricke, ein großer Teil des Geschäfts ist aber modernstes Material für die Bauwirtschaft und die Logistikbranche.

Wenn heute Bauteile von Fertighäusern gesetzt, tonnenschwere Turbinen verladen oder ein ganz normaler Lastwagen beladen wird, kann es gut sein, dass die dafür nötigen Hebebänder, Rundschlingen oder Spanngurte aus Pölling kommen. Und selbst in großen Möbelhäusern und Baumärkten findet man die Produkte der Braun GmbH.

Kunden von Spanien bis Dänemark

Das Geschäft mit dem Heben und Halten läuft gut – und hat sich sogar als recht krisenfest erwiesen, freut sich der Unternehmer. Allerdings habe es sich mit der Zeit stark verändert. Als Günther Brauns Großvater den Betrieb 1929 gegründet hat, hätte er sich wohl sehr darüber gewundert, wie sich die Branche einmal wandeln würde.

Konrad Braun war es auch, der seinen Enkel zum Seiler ausbildete. Mit dem Handwerk kam der aber schon viel früher in Berührung. In der heimischen Seilerei – damals noch im Ort – verdiente er sein Taschengeld: „Für 200 Stricke gab es zehn Mark. Damals hatten wir zwar schon ein paar Maschinen, aber vieles war Handarbeit.“

Der Ursprung des Betriebs liegt in der Bischof-Dr.-Rackl-Straße, wo noch immer die lang gezogene Halle steht, von der aus die Garne im Freien aufgezogen und gedreht wurden. Dieser Ort heißt in Bayern Seilerbahn, „in Norddeutschland nennt man sie Reeperbahn“, erklärt Braun. Reepe waren die schweren Taue, die einst in der Schifffahrt gebraucht wurden. So gesehen hat also auch Pölling eine Reeperbahn.

Mit 24 Jahren legte Günther Braun die Meisterprüfung ab und übernahm den Betrieb 1993 von seinem Vater Helmut. Da war der Wandel des Handwerksbetriebs zu einem modernen Unternehmen schon in vollem Gange. Irgendwann kamen die Nähmaschinen dazu, die für die Spanngurt-Produktion gebraucht werden, und die Technik für die Hebeschlingen. Bis zu 50 Tonnen Last dürfen Kräne damit heben.

Heute werden zwar immer noch Stricke gedreht – die meisten davon in Heimarbeit im ganzen Landkreis –, einen großen Teil der Ware umfassen aber die Hightec-Produkte. Rundschlingen zum Beispiel seien immer beliebter geworden, denn sie haben einen großen Vorteil, erklärt Braun: „Die können hohe Lasten aufnehmen, haben aber ein geringes Eigengewicht. Bei einem Drahtseil mit der gleichen Tragkraft wäre allein schon das Seil sehr schwer.“

Mit Slacklines durch die Krise

Die genähten Hebebänder kommen beim Heben von Lasten zum Einsatz – zum Beispiel mit dem Stapler oder Kran. Auch die Autoindustrie ordert sie, zum Beispiel für das Einheben von Motoren in Neuwagen. Spanngurte in großen Mengen kommen am Bau oder in der Logistik zum Einsatz. Bis nach Frankreich, Spanien oder Dänemark wird die Ware aus Pölling verschickt.

Das Produktspektrum hat sich über die mehr als 90 Jahre Firmengeschichte stark verändert. Stränge zum Einspannen von Rindern oder Garbbänder zum Zusammenbinden von Heu oder Stroh sind heute ausgestorben. Dafür tun sich neue Möglichkeiten auf, verrät Günther Braun: „Ich habe 2008 im Internet das Slacklinen gesehen. Damals war das ganz neu bei uns. Da habe ich mir gedacht: Sowas können wir auch.“ Also kreierten er und sein Team die Marke Slackstar für Material rund um die Trendsportart, bei der die Sportler über eine Leine balancieren, die zum Beispiel zwischen zwei Bäumen knapp über dem Boden gespannt wird. Es wurde ein voller Erfolg. „Das hat uns sogar über die Wirtschaftskrise 2008 geholfen“, stellt Braun zufrieden fest.

Auch deswegen ist er sich sicher: „Wir Seiler sterben nicht aus, weil es immer Kräne geben wird, die mit Seilen betrieben werden. Und auch Seile wird man auf Baustellen immer brauchen.“

Viel Handarbeit steckt in den Produkten. Die Haken und Ratschen an Spanngurten werden mit Spezial-Nähmaschinen befestigt.
An dieser Maschine entstehen Rundschlingen. Ihr Innenleben besteht aus vielen gewickelten Einzelsträngen.