Laut RKI sehr hohe Inzidenz bei Atemwegserkrankungen: So ist die Lage in der Region

Viele Bayern leiden aktuell an Husten, Schnupfen, Fieber und anderen Symptomen von Erkältung oder Grippe: Laut RKI herrscht bundesweit eine für Kalenderwoche 43 sehr hohe Inzidenz bei Atemwegserkrankungen – im Freistaat ist sie sogar noch etwas höher.
Die Abkürzung „ARE“ steht für sogenannte Akute Respiratorische Erkrankungen und bezeichnet nach Behördenangaben unter anderem typische Erkältungsanzeichen wie Husten, Schnupfen und Fieber, aber auch Bronchitis, Halsentzündung und Lungenentzündung.
Das Robert-Koch-Institut berechnet zu diesen Erkrankungen wöchentlich eine Inzidenz ähnlich wie schon in der Corona-Pandemie. Die in der Kalenderwoche 43 (2023 von 23. bis 29. Oktober) berechnete bundesweite Inzidenz je 100.000 Einwohner liegt bei 8502. Das ist deutlich mehr als in den letzten Jahren in dieser Kalenderwoche. In Bayern und Baden-Württemberg lag der Inzidenzwert noch einmal höher: In der „Großregion Süden“, die diese beiden Bundesländer umfasst beträgt er laut RKI 9553.
Auch Corona, Influenza und das RS-Virus sind auf dem Vormarsch
Auch Corona, Influenza und das RS-Virus sind auf dem Vormarsch. Das zeigen aktuelle Ergebnisse der Überwachung von akuten Atemwegserkrankungen in Arztpraxen. Einer Sprecherin des Bayerischen Gesundheitsministeriums zufolge waren in Kalenderwoche 43 insgesamt 1,5 Prozent der Abstriche positiv für Influenza, 0,6 Prozent positiv für das Respiratorische Synzytialvirus (RSV) und 24,1 Prozent positiv für SARS-CoV-2.
Regionale Zahlen für Corona bietet das Abwassermonitoring auf SARS-CoV-2. Dort ist laut Gesundheitsministerium bei einem Großteil der Standorte eine moderat steigende Tendenz der Viruslast im Abwasser zu verzeichnen. In München dagegen gehen die Werte nach einem Höchststand Anfang Oktober inzwischen wieder deutlich zurück.
Barmer stellt seit 33. Kalenderwoche Anstieg fest
Auch die Barmer als eine der größten Krankenkassen im Freistaat kann das bestätigen. „Auch in Bayern stellen wir seit der 33. Kalenderwoche wieder einen kontinuierlichen Anstieg der Atemwegserkrankungen, aber auch bundesweit fest“, sagt Landespressesprecherin Stefani Meyer-Maricevic.
Waren in Bayern in der 33. Kalenderwoche (14. bis 20. August) 5241 bei der Barmer versicherte Menschen aufgrund einer Atemwegserkrankung arbeitsunfähig, waren es in der 41. KW (9. bis 15, Oktober) schon 17.915, heißt es in Zahlen aus dem Barmer Institut für Gesundheitssystemforschung.
Dennoch wurden ihr zufolge die Vorjahreswerte bisher nicht erreicht. So waren im Vergleichszeitraum des Vorjahres (41. Kalenderwoche 2022) bayernweit 26.274 Barmer-Versicherte aufgrund einer Atemwegserkrankung arbeitsunfähig
Ministerium: Kein Grund zur Sorge
„Die gegenwärtige Zunahme von Atemwegserkrankungen ist zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnlich und bedeutet keinen Grund zur Sorge“, heißt es aus dem Gesundheitsministerium. Auch bei Corona-Erkrankungen handle es sich in der Regel aktuell nicht um schwere Verläufe. Zudem gebe es ausreichend betreibbare Betten auf den Intensiv-Stationen der Krankenhäuser in Bayern.
Auch aus der Praxis – im wahrsten Wortsinn – berichtet der Passauer Hausarzt Wolfgang Gradel, Landesvorsitzender des Hartmannbundes Bayern, über eine hohe Anzahl an Patienten: „Es hat schon zugenommen“, bestätigt er am Telefon. „Als ich heute zu meiner Praxis kam, warteten dort bereits etwa 20 Patienten mit Atemwegserkrankungen.“
Ein Teil davon seien auch Corona-Infektionen. Er erkennt bei seinen Patienten erfreulicherweise eine recht hohe Selbsttest-Disziplin – viele kommen bereits mit einem positiven Corona-Schnelltest zu ihm. Aber sonst sei viral und bakteriell aktuell alles dabei.
Die Gründe, warum die Welle heuer so stark anrollt seien vielfältig, aber soweit nicht untypisch oder besorgniserregend: „Es beginnt jetzt einfach die kalte Jahreszeit“, schickt Gradel voraus. Und doch identifiziert er – neben der kalten Jahreszeit – einen Antreiber für die grassierende Krankheitswelle.
Hausarzt aus Passau: Gesundheitliche Etikette nimmt ab
Gradel nimmt– auch in seiner eigenen Praxis – wahr, dass die gesundheitliche Etikette abnimmt: „Es fehlt vielen die Eigenverantwortung mit einer Erkrankung umzugehen“, stellt er fest. „Manche Patienten kommen zu mir in die Praxis, erzählen wie schwer es sie erwischt hat und Husten mir dann auf kurze Distanz entgegen“, berichtet er. Daher sein Appell: Bei Krankheit Maske tragen und Hände waschen. Zudem wünscht er sich, dass „Gesundheit bzw. gesundheitsgerechtes Verhalten“ ein Fach in der Schule sei.
Gerade das Maske tragen ist mit dem Ende der Corona-Pandemie schnell wieder aus der Mode gekommen. Vielen sei zudem auch nicht klar, dass man mit dem Tragen einer Maske in erster Linie andere schützt und nicht sich selbst. „In meinem Wartezimmer habe ich zwar ein Schild, dass Patienten mit Erkältungssymptomen Maske tragen sollen, daran halten sich aber längst nicht alle.“
Viele Erkältungskrankheiten beobachtet auch Margit Kollmer in Velden (Landkreis Landshut), Bezirksvorsitzende des Hausarztverbandes in Niederbayern. Es sei aber keineswegs so, wie die Bild-Zeitung berichtete, dass fast „ganz Deutschland flach liege“. Es habe nun einmal aktuell die kalte Jahreszeit begonnen.
Was ebenfalls zur Zeit wieder stärker vertreten sei, seien Corona-Erkrankungen, schwere Erkrankungen bleiben aber auch hier größtenteils aus. Relativ wenig vertreten seien die echte Grippe und das RS-Virus.
Hausarzt-Bezirksvorsitzende: Gerne in der Praxis zum Impfschutz beraten lassen
Margit Kollmer empfiehlt als Vorsorge gerade Risikopatienten, sich in der Hausarztpraxis zum Thema Impfschutz beraten zu lassen. Der jeweilige Mediziner kenne den Patienten und seine Krankheitsgeschichte und könne daher gut einschätzen, ob eine Impfung erforderlich sei.
Kinderarzt spricht von „durchschnittlicher“ Zahl an Atemwegserkrankungen
Sebastian Luibl, Kinderarzt in der Gemeinschaftspraxis für Kinder– und Jugendmedizin Eggenfelden, bezeichnet das vorkommen von Atemwegserkrankungen bei seinen jungen Patienten als„durchschnittlich“. Es sei zwar eine erhöhte Zahl festzustellen, aber „kein Vergleich zu den Zahlen des vergangenen Jahres“, wie er direkt sagt. Damals war der Höhepunkt der Erkrankungswelle allerdings auch erst im Dezember: „Wir schauen, wie es sich in den nächsten Wochen entwickelt“, so Luibl. Auch bei ihm seien einige Patienten mit Corona-Infektionen dabei. Generell verlaufen die Atemwegserkrankungen – freilich aber mit Ausnahmen – bei Kindern eher mild und verheilen gut, erklärt Luibl. Aufgrund der Erfahrungen des vergangenen Jahres sei die Praxis insgesamt „gut ausgelastet, aber nicht am Limit“, beschreibt Luibl.
Versorgung mit Medikamenten ist gewährleistet
Gute Nachrichten gibt es vom Sorgenkind Medikamentenversorgung: Barbara Absolon, Apothekerin und Sprecherin der Apotheken im Landkreis Deggendorf sagt, die Lieferbarkeit für die passenden Medikamente sei aktuell ganz gut. Freilich gebe es nach wie vor bei gewissen Produkten teilweise Schwierigkeiten, doch die Behandlung von Atemwegserkrankungen sei aktuell normal möglich. Was aber auch an der Voraussicht der Apotheker liegt: „Natürlich schauen wir, dass man zum Herbst von gewissen Medikamenten etwas mehr vorrätig hat.“
Sie erkennt ebenfalls, dass Atemwegserkrankungen aktuell an der Zahl „schon gestiegen sind“. Ihre Patienten seien dabei „Querfeldein“, wie sie sagt: von jung bis alt sei alles dabei. Aber auch sie beruhigt direkt: „Das ist denke ich ganz normal um die Zeit.“ Besonders das tagsüber schöne sonnige Wetter mit der abendlich einsetzenden Kälte sei in den letzten Tagen und Wochen einfach tückisch gewesen. Und auch sie empfiehlt bei Symptomen, auch wenn nicht jeder Erkältung eine Corona-Infektion ist: „Maske tragen, Hände waschen, Abstand halten.“
Auch Christian Pacher, Sprecher des Apothekerverbandes aus Ingolstadt, bestätigt den extrem starken Anstieg an Erkältungskrankheiten. Er berichtet vom Notdienst seiner Apotheke am Feiertag, an dem gleich über 200 Patienten seine Hilfe gebraucht hätten. Normalerweise kämen zwischen 100 und 150 Patienten an einem Notdienst-Tag vorbei. „Nahezu alle waren von einer Erkältungskrankheit geplagt“, sagt Pacher. „Betroffen waren vor allem die oberen Atemwege, was sich mit Husten, Schnupfen und Nebenhöhlenentzündung äußerte.“
Dieses Jahr handele es sich dabei um definitiv mehr Fälle als in den vergangenen Jahren. „Der goldene Oktober ist plötzlich in den nasskalten November übergegangen, das wirkt sich aus“, weiß der Apotheker. Hinzu kämen die beendeten Corona-Hygieneregeln. Die Versorgung mit Medikamenten, zum Beispiel mit Hustensaft, sei noch sicher. Eng würde es demnächst allerdings bei dem Wirkstoff Amoxicillin, einem speziellen Antibiotikum für Kinder.