Die Welt ist in Schwandorf zuhause: Hier leben Menschen aus mehr als 100 Ländern

Von Jan Lange · 6. November 2023 um 05:00

Ob Francesco, Imani, Ali oder Filip – Menschen mit Migrationshintergrund gehören zum alltäglichen Bild in Schwandorf. Mehr als 5200 Ausländer aus 102 verschiedenen Nationen leben in der Großen Kreisstadt – damit stammt fast jeder fünfte Bürger nicht aus Deutschland.

Und deren Zahl steigt stetig: Laut Stadt erhöhte sich der Anteil der ausländischen Bevölkerung zwischen dem 1. Januar 2020 und dem 31 Dezember 2022 um rund 3,8 Prozent.

Das hat auch mit den aktuellen Krisen zu tun, wie Schwandorfs Pressesprecherin Maria Schuierer bestätigt. „Die Asyl- und Fluchtbewegungen, die Gesamtdeutschland betreffen, haben sich ebenfalls in Schwandorf niedergeschlagen.“ So nahm beispielsweise nach dem Kriegsausbruch in der Ukraine die Zahl der Ukrainer in Schwandorf stark zu. Ende 2022 waren 460 Personen aus der Ukraine mehr in der Großen Kreisstadt gemeldet als acht Jahre zuvor.

Noch nicht die größte Gruppe

Die insgesamt 485Ukrainer stellen aber noch nicht die größte Gruppe an Ausländern. Deutlich mehr Personen sind aus Rumänien in die Oberpfalz gekommen – Ende 2022 waren es 566. Die Gruppe der Rumänen erlebte seit Ende 2014 einen der größten Zuwächse – ebenso wie die Ukrainer, Syrer, Iraker, Bulgaren, Afghanen, Kroaten und Polen.

Aus vier dieser acht Nationen sind die Menschen nicht aufgrund eines Krieges nach Schwandorf gekommen. Es handelt sich vielmehr um Personen, die wegen der hierzulande besseren Arbeitsmöglichkeiten ihre Heimat verlassen haben.

Arbeitsmigration ein Grund

Die sogenannte Arbeitsmigration verändert inzwischen das Bevölkerungsbild vieler Städte in der Oberpfalz. In Neunburg sind nach Schätzung der dortigen Ausländerbeauftragten Elke Reinhart gut drei Viertel der Ausländer der Arbeit wegen in die Pfalzgrafenstadt gekommen. Der wirtschaftliche Aufschwung habe viele angelockt.

Zahlen der Agentur für Arbeit offenbaren, dass es ohne ausländische Beschäftigte für die Wirtschaft in Schwandorf schlecht aussehen würde. Seit 2017 ist die Zahl der Beschäftigten mit ausländischem Pass deutlich gestiegen – parallel zur Zahl der gemeldeten Migranten. Den größten Anteil stellen auch hier die Rumänen. Die ausländischen Mitarbeiter sind dabei längst nicht mehr nur als Hilfskräfte beschäftigt.

Der größere Teil ist inzwischen als Fachkraft angestellt, wie die Agentur für Arbeit bestätigt. Während der Großteil der ausländischen Mitarbeiter männlich ist, gibt es in der Gesamtbevölkerung mehr Frauen – ihr Anteil lag im März 2023 bei 50,2Prozent. Das sah in der Vergangenheit aber auch schon anders aus: Ende 2011 gab es etwas mehr Männer als Frauen in Schwandorf, Ende 2021 war dies noch einmal der Fall. Zu beiden Zeitpunkten verteilten sich die Anteile gleichermaßen: 50,1 Prozent Männer und 49,9 Prozent Frauen.

Um die ankommenden Flüchtlinge zu integrieren, gibt es auch in der Stadt Schwandorf einen Ansprechpartner für Asylsuchende und Migranten, der fünf Stunden in der Woche im Rathaus tätig ist. Darüber hinaus bietet die Volkshochschule Schwandorf spezielle Sprachkurse an, um die Integration zu fördern.

Zoltan Krisztofer Szasz (18) liebt Musik. Schon in Rumänien hatte er Auftritte in der Schule. In Schwandorf, wo er seit zwei Jahren lebt, bleibt ihm für sein Hobby nur wenig Zeit: Er holt die zehnte Klasse nach und will danach eine Ausbildung im Krankenhaus beginnen. Nebenbei arbeitet er für eine Fast-Food-Kette und macht den Führerschein.
Über die Mittelmeer-Route ist auch Abdoul Aziz Sow (22) nach Europa geflüchtet. Seit 2017 lebt der junge Mann aus Guinea in Schwandorf. Nach einer Tätigkeit in einem Fast-Food-Restaurant arbeitet er jetzt bei einem großen Schwandorfer Automobilzulieferer. In seiner Freizeit trifft er sich gern mit Landsleuten, die er alle hier kennengelernt hat.
In den ersten Jahren pendelte Greta Stefanovic (35) zwischen Litauen und Deutschland, war mal ein paar Monate hier, mal ein paar Monate dort. Inzwischen ist sie fest in Schwandorf beheimatet und kann sich gar nicht mehr vorstellen, woanders zu leben. Arbeit fand sie in einem Lager in Nittenau – es ist ein Job, den sie liebt.
2015 ist Ahmed Ghanim (46) wie viele seiner Landsleute aus dem Irak nach Deutschland gekommen. Bereits in seiner Heimat war er als Friseur tätig. Nachdem er hier in mehreren Geschäften angestellt war, baute er sich in Schwandorf 2022 mit dem Chic Style einen eigenen Laden auf. In dem ist auch sein ältester Sohn Ayoub (17) tätig.
Eigentlich ist er von Beruf Rechtsanwalt, doch als solcher darf Diaa Abo Baker (38) hierzulande nicht arbeiten. Und so verdient er sein Geld als Taxifahrer. Seine Heimat Syrien hatte er vor acht Jahren wegen des Krieges verlassen – und war kurz nach seiner Ankunft in Deutschland nach Schwandorf gekommen. Hier fühlt er sich sehr wohl.
Vor 20 Jahren kam Dobrinka Dobreva-Kressin mit ihrem Bruder und zwei Katzen von Bulgarien nach Regensburg, wo sie in der Gastronomie arbeiteten. Mit ihrem Mann suchte sie nach einem Haus mit Grundstück, das sie in Schwandorf fanden. Hier sind sie nun seit 2017 zuhause. Ihre Heimat trägt sie aber weiterhin im Herzen.
Dass ein Schwandorfer bei einer WM dabei ist, kommt nicht alle Tage vor. Singh Balkaran spielte schon in Indien, woher der 43-Jährige stammt, Kabaddi. In Deutschland – seit 2003 lebt er in Schwandorf – baute er eine Mannschaft auf, mit der er als Kapitän um den höchsten Titel seiner Sportart kämpfte. Mittlerweile ist er der Trainer dieses Teams.
Als Mustafa Najafi (23) 2015 nach Deutschland kam, war es für ihn nicht die erste Flucht. Mit fünf Jahren musste er mit den Eltern Afghanistan verlassen, ging damals in den Iran. Mit 15 landete er dann in Schwandorf, wo er heute als Friseur im Salon Roxy arbeitet. Im Haus des Guten Hirten wurde seine Begeisterung für diesen Beruf geweckt.
Während viele ihrer Landsleute aus der Ukraine erst durch den Krieg nach Schwandorf kamen, lebt Oleksandra Rudnikova (47) bereits seit 13 Jahren hier. Zuvor hatte sie einige Zeit im tschechischen Karlsbad gearbeitet und dort ihren späteren Mann kennengelernt, der aus Schwandorf stammte. Sie setzt sich für Migranten ein.