Mehr als 60 Nationen leben in Neunburg – Migranten feiern am 1. Juli mit Deutschen
Von Jan Lange · 28. Juni 2023 um 16:00
Mehr als 1300 Menschen aus dem Ausland leben in Neunburg vorm Wald. Sie feiern am 1. Juli mit den Neunburgern ein Vielfalt-Fest – und stellen sich in der Mittelbayerischen vor.
Elke Reinhart ist auf dem Weg zu Karam Alkhoder und Amar Janat. Die Hilfe der Neunburger Integrationsbeauftragten ist von Nöten. Der junge Syrer will seine kranke Mutter, die derzeit in der Türkei lebt, nach Deutschland holen. Doch der Freistaat erlaubt diesen Familiennachzug nicht. Karams Mutter darf nur für maximal drei Monate zu Besuch kommen. Selbst dafür ein Visum zu bekommen, ist nicht einfach. Nun will der Syrer mit Unterstützung von Elke Reinhart einen Härtefall-Antrag stellen.
Es ist einer von vielen Fällen, mit denen die Integrationsbeauftragte zu tun hat. Immerhin ist sie in der Stadt für mehr als 1300 Ausländer zuständig. Sie kommen aus 66 verschiedenen Ländern. Als sie 2016 bei der Stadt begann, seien es nur 42 Nationen gewesen.
Viele Arbeitsmigranten
Durch Flucht und Arbeitsmigration nahmen die Zahl der Migranten wie auch die Vielfalt zu. Gut drei Viertel der Ausländer sind laut Reinhart nach Neunburg der Arbeit wegen gekommen. Der wirtschaftliche Aufschwung habe viele angelockt. „Meist kommen zuerst die Männer und holen später ihre Familien nach“, ergänzt sie.
Der Bedarf an Arbeitskräften sei in Neunburg groß. Keine Branche sei ausgenommen, von der Gastronomie über die Erziehung bis hin zur Pflege. Die Neunburger Unternehmer sind dabei sehr offen, Ausländer einzustellen, weiß Elke Reinhart aus Erfahrung. Gerade die Firmen, die international tätig sind, würden einen anderen Blick auf ausländische Mitarbeiter haben.
Kein offener Rassismus
Fragt man die Migranten nach ihren Erfahrungen, dann erzählen fast alle, dass sie in Neunburg keine Probleme haben und die Menschen freundlich und hilfsbereit seien. Es müsse tagtäglich was dafür getan werden, dass die Stimmung so ist, meint Reinhart.
Ein Beitrag ist das Vielfalt-Fest, das am 1. Juli zum zweiten Mal im Garten des Gerhardingerhauses veranstaltet wird. Bei der ersten Auflage 2022 feierten laut Reinhart 300 bis 400Gäste miteinander, darunter viele Deutsche. Gleiches erhofft sie sich für das Fest am kommenden Samstag, das von 14 bis 17 Uhr stattfindet.
Menschen mit Migrationshintergrund
Anteil: 1320 Migranten aus 66verschiedenen Ländern sind in Neunburg zuhause. 2016 waren nur 42 Nationen in der Pfalzgrafenstadt vertreten. Der Anteil der ausländischen Mitbürger an der Gesamteinwohnerzahl liegt bei 15 Prozent.
Die Größten: Die meisten Ausländer kommen aus Rumänien (184), Polen (153), der Ukraine (119) und Syrien (101).
Die Kleinsten: Nur jeweils einen Vertreter gibt es aus 24 Ländern (zum Beispiel Sierra Leone, Taiwan und Georgien).
Gründe: Die überwiegende Mehrheit (mehr als 75 Prozent) ist der Arbeitsmigration zuzuordnen.
Weil sie Probleme in der Heimat hatte, floh Marina Zaitova (38) vor drei Jahren mit zwei Kindern und schwanger von Kasachstan nach Deutschland. So kam sie nach Neunburg. Hier würde sie gern eine Ausbildung zur Kosmetikerin, Friseurin oder Tätowiererin machen. Sie hat zwar schon in dem Beruf gearbeitet, aber dies wird hierzulande nicht anerkannt.Der Wunsch von Mebrhit Afewerki (39) aus Eritrea ist es, später als Pflegehelferin zu arbeiten. Dafür lernt die zweifache Mutter derzeit fleißig Deutsch. Seit sechs Jahren lebt sie in Neunburg, hat in dieser Zeit schon in der Gastronomie gearbeitet, musste den Job aber aus gesundheitlichen Gründen aufgeben.Deutschland statt Moldawien: Vor vier Jahren entschied sich Mariana Leca (34), ihre Heimat zu verlassen. Sie folgte damals ihrem Mann, der bereits einige Jahre in Deutschland arbeitete. Mit ihren beiden Töchtern wohnten sie zuerst in Roding, vor zwei Jahren haben sie sich ein Haus in Neunburg gekauft.Wegen des Krieges hat Daria Fomenko (26) vor einem Jahr ihre Heimat Ukraine verlassen. Ihre Eltern waren bereits drei Monate zuvor geflohen. Ihr Mann ist als Chirurg in der Asklepios-Klinik in Oberviechtach tätig, sie selbst würde gern als IT-Ingenieurin arbeiten und verbessert momentan ihre Deutschkenntnisse.Seit fünf Jahren lebt Husen Toke Jonja (28) aus Äthiopien in Neunburg. Bei der Firma Steininger ließ er sich zum Maurer ausbilden, ist heute noch dort tätig. In Neunburg hat er bisher keine Probleme. Mit seiner Frau und den vier Kindern, zwei wurden in Deutschland geboren, fühlt er sich gut aufgenommen.Um nicht von der Armee geholt zu werden, floh Yaman Kaddah (40) von Syrien in den Libanon. Die Situation dort sei eine Katastrophe gewesen. 2015 ging er deshalb nach Deutschland, holte zwei Jahre später seine Frau und die Kinder nach. Seit 2020 lebt die fünfköpfige Familie in Neunburg. Für sie ist es eine schöne Stadt.Sie wollte reisen und eine andere Sprache lernen, deshalb ließ Marie Schneider (52) vor 30 Jahren ihre Heimat Tschechien hinter sich und kam nach Bayern, wo sie ihren späteren Mann kennenlernte. Die beiden kamen vor 27 Jahren der Arbeit wegen nach Neunburg, wo auch ihre vier Kinder geboren wurden.Für Alireza Nabaee (43) und seine Frau Shima (41) aus dem Iran war es eine große Umstellung von einer Millionenmetropole in eine Kleinstadt zu kommen. Mittlerweile – seit 2018 sind sie Neunburger – haben sie sich gut eingelebt. Was auch an den hilfsbereiten und freundlichen Neunburgern liegt, so der Iraner. Und daran, dass er einen guten Job bei F.EE hat.Karen Navarro (38) aus Mexiko ist seit einem Jahr in Neunburg. Sie folgte ihrem Mann, der vor zwei Jahren aus Lateinamerika in die Oberpfalz kam. Er ist Mechatroniker bei F.EE. Schon in seiner Heimat arbeitete er viele Jahre mit dem Neunburger Unternehmen zusammen. Auch Karen Navarro will bald zum Einkommen beitragen und lernt fleißig Deutsch.