97-Jähriger in Sinzing brutal überfallen: Angeklagter gesteht und belastet Komplizen

Von Philip Hell · 2. November 2023 um 17:44

Zum Auftakt des Prozesses um einen Überfall auf einen 97-Jährigen in Sinzing im März dieses Jahres hätten sich die beiden Hauptangeklagten nicht unterschiedlicher verhalten können: Einer gestand gestern vor dem Landgericht Regensburg, den Senior übel zugerichtet zu haben, der andere schwieg.

Die Staatsanwaltschaft wirft den beiden versuchten Mord beziehungsweise versuchten Mord durch Unterlassen vor. Konkret schilderte Staatsanwältin Marcella Irrgang die Geschehnisse Ende März im kleinen Ort Kohlstadt wie folgt: Die beiden heute 28-Jährigen besuchten den 97-Jährigen, um ihm einen neuen Telefonvertrag zu verkaufen. Dabei fanden sie einen Kontoauszug, dem zufolge der Senior kurz zuvor 150000 Euro abgehoben hat. Rund zwei Wochen nach dem ersten Besuch kamen die Angeklagten erneut, um einen Router im Keller zu installieren. Dabei stießen sie auf einen Tresor. Die Angeklagten fassten den Plan, bei einem erneuten Besuch die 150000 Euro und andere Wertgegenstände zu rauben.

Am Tag der Tat war allerdings nur einer der beiden vor Ort. Der 28-Jährige schlug den Senior brutal nieder und schloss ihn im Keller ein. Der andere Angeklagte war zeitgleich in einem Fitnessstudio, trainierte dort allerdings kaum, sondern war meist mit seinem Handy beschäftigt. Als Staatsanwältin Irrgang diese Vorwürfe vorliest, formt der Angeklagte das Wort „Nein“ mit den Lippen und schüttelt oft den Kopf.

Der mutmaßliche Täter kam in der Nacht mehrfach zum Haus zurück, sah allerdings, dass Nachbarn dem Mann zu Hilfe gekommen waren, nachdem er sich selbst aus dem Keller befreit hatte. Der Rentner überlebte die Attacke – wenn auch knapp.

Wollte Angeklagter morden?

In der Nacht nach der Tat kam der geständige 28-Jährige in Begleitung eines 21-Jährigen erneut nach Kohlstadt, um den Tresor zu stehlen. Wenig später stellten die Männer jedoch fest, dass in dem Schrank nur einige Waffen waren.

Der 28-Jährige, der den Senior schwer verletzt hat, räumte die Tat gestern über seinen Anwalt Peter Hofmann ein. Der Jurist verlas eine Erklärung für seinen Mandanten. Demnach habe der 28-Jährige Schulden bei seinem gleichaltrigen mutmaßlichen Mittäter gehabt. Dieser habe darauf gedrängt, sein Geld wiederzubekommen. Er habe Angst gehabt, dass ihm sein Freund etwas antue. Als die beiden den Kontoauszug entdeckten, habe der Mitangeklagte unbedingt an das Geld gewollt. Wesentliche Teile der Anklage räumte der 28-Jährige über seinen Anwalt ein – die Tat selbst schilderte er allerdings anders.

Er habe den 97-Jährigen dazu bewegen wollen, nicht mit in den Keller zu kommen, um den Tresor in Ruhe ausräumen zu können. Der Senior habe sich allerdings nicht davon abbringen lassen. Als das Opfer und er auf der Treppe standen, sei er in Panik geraten und habe den 97-Jährigen mit einem Schlag „betäuben“ wollen. Er wollte ihn aber nicht umbringen, ließ der Angeklagte über Anwalt Hofmann ausrichten. Er habe verhindern wollen, dass der Mann die Polizei anruft.

Später sei er erneut an den Tatort gekommen, räumte der Mann ein. Allerdings nur, um den Mann aus dem Keller zu befreien. Der 28-Jährige gestand außerdem, in der Folge-nacht in das Haus des Seniors eingebrochen zu sein, um den Tresor zu stehlen. Der Angeklagte bedauere die Tat und bitte darum, dass ihm das Opfer „irgendwie verzeihen“ könne. Seinen gleichaltrigen mutmaßlichen Komplizen belastete der 28-Jährige mit diesem Geständnis schwer. Sein Mandant werde sich nicht äußern, sagte Michael Haizmann gestern. Der Regensburger Jurist vertritt den 28-Jährigen gemeinsam mit den Münchner Anwältinnen Annette von Stetten und Katharina Schaffernicht.

Tresor in Donau versenkt

Der dritte Angeklagte (21) räumte über seine Anwältin Prabhlin Sidhu ein, gemeinsam mit dem 28-Jährigen, der den Senior verletzt hat, in der Nacht nach der Tat in das Haus des 97-Jährigen eingestiegen zu sein. Dort stahlen sie den Tresor. Er habe mitgemacht, weil er in der Schuld des Älteren stand. Dabei gehe es um eine Körperverletzung, die er dem Älteren zugefügt habe. Konkreter wurde die Anwältin nicht. Auch ihr Mandant bereue die Tat zutiefst, sagte Sidhu. Ihm tue es insbesondere leid, dass er seinen Onkel in die Sache mit reingezogen habe. Bei diesem soll der Tresor nach dem Diebstahl gelagert worden sein. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hat der Onkel des Angeklagten den Schrank von einer Bad Abbacher Brücke aus in der Donau versenkt.

Nach den Äußerungen der Angeklagten unterbrach Richter Thomas Polnik die Verhandlung. Der Prozess wird am 22. November fortgesetzt.