Sorge vor Industrie-Aus: Regensburg und Kelheim gründen Wasserstoff-Allianz

Von Martina Hutzler · 1. November 2023 um 06:00

Ohne Wasserstoff als Energieträger droht insbesondere der industriellen Produktion im Raum Kelheim – Regensburg das Aus, mitsamt ihren Arbeitsplätzen: Das befürchten regionale Wirtschaft und Politik.

Zusammen mit Netzbetreibern haben sie deshalb die „Wasserstoffallianz Donauregion Kelheim-Regensburg“ gegründet. Binnen eines Jahres soll klar sein, welche Wasserstoff-Infrastruktur die Region benötigt.

Bei der Energiewende führt, vor allem in der Industrie, kein Weg am Wasserstoff (H2) vorbei: Das Gas lässt sich regenerativ erzeugen und gut speichern und transportieren. Bund und Land planen daher ein „Wasserstoff-Kernnetz“ als nationale H2-Infrastruktur. Daran müsse die industriell geprägte Region Kelheim Regensburg unbedingt andocken, fordert Landrat Martin Neumeyer. Er hat Stadt und Landkreis Regensburg gewinnen können für die „Wasserstoffallianz Donauregion Kelheim-Regensburg“. Sie wurde am Montag in Kelheim vorgestellt. Das bislang noch formlose Konsortium, dem auch Industriebetriebe und Netz-Akteure angehören, will nun per Gutachten dreierlei klären lassen.

Region will ans bundesweite Wasserstoff-Kernnetz andocken

Zum einen braucht die „Donauregion“ eine Perspektive, wie und wann sie eine Verbindung zum deutschen Wasserstoff-Kernnetz erhält. Anknüpfungspunkt dürfte Neustadt werden, erwartet Bayernoil-Geschäftsführer Alexander Struck. Denn die Raffinerien Neustadt und Vohburg gehören bereits zum „H2-Cluster Ingolstadt“. Der wiederum wird Teil des „H2-Transportnetzes Südbayern 2030“ und damit des bundesweiten Kernnetzes. Es gibt Überlegungen für eine H2-Leitung zwischen Cluster Ingolstadt und Raffinerie Neustadt, wo Bayernoil bereits in großem Stil „grauen“ (erdgas-basierten) H2 erzeugt. Bis Anfang 2026 soll dort ein Elektrolyseur startklar sein, der mit regenerativem Strom H2 aus Wasser gewinnt. Dringend warte man dafür fördertechnisch auf grünes Licht aus Brüssel, merkte Struck an.

Als zweites soll schnellstens der Bedarf an regionaler Infrastruktur geklärt werden: Wie kommt Wasserstoff z.B. von Neustadt nach Kelheim und Regensburg? Erdgas-Leitungen gibt es schon, und prinzipiell sind sie auf Wasserstoff umrüstbar. Ob technisch machbar und sinnvoll, sei zu klären, erläuterten Matthias Jenn, Geschäftsführer beim bayerischen Gas-Fernleitungs-Netzbetreiber „bayernets“, und Elke Wanke von der Energie Südbayern-Gruppe (ESB), deren Tochterfirma Energienetze Bayern das (bisher Erd-)Gas regional verteilt.

Häfen Kelheim und Regensburg als H2-Drehscheibe

Auch die Häfen Kelheim und Regensburg bieten sich für die regionale Versorgung an: Schiffe können H2 (oder „Speicher“-Produkte wie Ammoniak) aus Europa und Übersee liefern. Denn auf absehbare Zeit ist der heimische Bedarf an „grünem“ Wasserstoff nicht rein aus heimischer Produktion zu decken.

Wie groß dieser Bedarf künftig ist, ist ein dritter Aspekt im Gutachten, das laut Landrat Neumeyer in etwa einem Jahr vorliegen soll. Enorm wichtig auch für die Stadt Regensburg, bekräftigten Oberbürgermeisterin Gertrud Maltz-Schwarzfischer und Umwelt-Bürgermeister Ludwig Artinger, weil sich Regensburg ambitionierte Klimaziele verordnet hat. Und weil Erneuerbare Energien (EE) „ein knallharter Standortfaktor werden“, betonte Regensburgs Wirtschaftsreferent Prof. Georg Barfuß: Jeder Industriezweig plane, auf EE umzustellen wo keine verfügbar sind, drohe die Standortschließung. Auch Kelheim Fibres hofft laut Wolfgang Ott, Nachhaltigkeits-Manager, in etwa fünf Jahren Erdgas durch Wasserstoff zu ersetzen: Mit diesem Umwelt-Vorteil könne man sich noch von der asiatischen Konkurrenz absetzen, die technologisch bereits aufgeholt habe. Deshalb sei man dankbar für die H2-Allianz, so Ott.

Dem pflichtete André Kühnle bei, Standortleiter beim Regensburger Elektroantriebs-Spezialisten Vitesco. Auch das Regensburger BMW-Werk, Siemens, Continental, Krones, Infineon und die F.A. Niedermayr GmbH unterstützen bereits die H2-Allianz. Landrat Neumeyer rechnet damit, dass sich weitere Unternehmen anschließen.

Botschaft an Staatsregierung

Unterdessen haben Kelheim, Stadt und Kreis Regensburg, BayernOil und Bayernets per Absichtserklärung der Bayerische Staatsregierung den Bedarf der „Donauregion“ für eine H2-Anbindung übermittelt. Richtig so, bestätigte Christian Egetemeyr vom Wirtschaftsministerium, auch wenn es noch kein Förderprogramm des Freistaats gebe.

Immerhin fördert Bayern das auf Wasserstoff ausgelegte Technologietransfer-Zentrum (TTZ) Kelheim-Regensburg. In der neuen Allianz schlägt es die Brücke zur Wissenschaft: Prof. Hans-Peter Rabl lehrt an der Hochschule Regensburg H2-Technologien und leitet den Kelheimer TTZ-Teil im Hafen Kelheim-Saal.

Die andere TTZ-Hälfte ist in Wiesent im Kreis Regensburg angesiedelt. Namens Landrätin Tanja Schweiger betonte ihr Referent Harald Hillebrand den Nutzen der regionalen Wasserstoffallianz.

Nicht zuletzt mit Blick aufs Geld, ergänzte Ludwig Friedl, Geschäftsführer der Energieagentur Regensburg-Kelheim: Gemeinsam erziele man mehr Aufmerksamkeit, und das steigere die Chancen auf Fördergelder von Land, Bund und EU.

Regionale und überregionale Akteure arbeiten in der "Wasserstoffallianz Donauregion Kelheim-Regensburg" zusammen. Ziel ist, die Infrastruktur für diesen Energieträger aufzubauen.