Überfall in Sinzing: Sollte ein 97-Jähriger für 150.000 Euro sterben?

Von Philip Hell · 29. Oktober 2023 um 05:00

Es muss ein Martyrium gewesen sein, das ein 97-jähriger Sinzinger im vergangenen März durchstand. Ein 27-Jähriger soll den Senior mit einem Brecheisen malträtiert haben. Der Mann steht nun mit zwei weiteren Angeklagten vor dem Landgericht Regensburg.

Das Vorgehen der mutmaßlichen Haupttäter scheint perfide gewesen zu sein. Gemeinsam mit einem ein Jahr älteren Begleiter habe der 27-Jährige den Senior besucht, um ihm einen neuen Telefonvertrag zu verkaufen. Dabei sei den beiden jungen Männern eine Überweisung aufgefallen – laut dieser habe der Senior kurz zuvor 150000 Euro von seinem Konto abgehoben. Die beiden Männer scheinen große Beute gewittert zu haben.

Großeinsatz in Kohlstadt

Einige Tage nach dem ersten Besuch sollen die beiden Männer erneut in Kohlstadt gewesen sein, um einen Router zu installieren. Dabei haben sie wohl mehrere Tresore im Keller des Senioren erspäht. Der 97-Jährige bemängelte den Ermittlern zufolge, dass ein Kabel für den Router zu lange ist. Die Angeklagten hätten daraufhin beschlossen, einen erneuten Besuch bei dem älteren Herren dazu zu nutzen, die Tresore aufzubrechen und die 150000 Euro zu stehlen. Davon geht zumindest die Staatsanwaltschaft aus.

Beim dritten Besuch soll der 27-Jährige allein im Haus des Seniors gewesen sein. Zuvor soll er eine Flasche mit Benzin gefüllt haben – wohl mit dem Plan, das Haus des Seniors anzuzünden. Sein 28-jähriger Mitangeklagter soll sich in einem Regensburger Fitnessstudio aufgehalten haben – wohl um ein Alibi zu haben. Im Haus des Seniors schlug der 27-Jährige mutmaßlich mehrfach auf den älteren Mann ein und sperrte ihn im Keller ein.

Nach rund anderthalb Stunden gelang es dem 97-Jährigen laut Staatsanwaltschaft, sich aus dem Keller zu befreien. Nach MZ-Recherchen hörten Nachbarn seine Hilfeschreie und riefen die Polizei. Rettungskräfte brachten den Mann in ein Krankenhaus. Der Senior stand allem Anschein nach an der Schwelle zum Tod. In der Klinik musste er wohl sogar reanimiert werden.

Dabei entging der Senior wohl einem Flammen-Inferno – zumindest steckte der 27-Jährige das Haus des älteren Mannes nicht, obwohl er Benzin dabei hatte.

Beispielloser Polizeieinsatz in Kohlstadt

In Kohlstadt lief nach dem Überfall ein beispielloser Polizeieinsatz an. Hundertschaften suchten in dem beschaulichen Ort nach Spuren, ein Helikopter kreiste über den Häusern. Nachbarn wurden vernommen. All das schreckte die Männer allem Anschein nach allerdings nicht ab: In der Nacht nach der mutmaßlichen Tat soll der 28-Jährige, der sich zum Zeitpunkt des Angriffs auf den Senior im Fitnessstudio befunden hat, gemeinsam mit dem dritten Angeklagten erneut zum Haus des Seniors gefahren sein. Dort haben sie den Tresor des älteren Mannes laut Anklage gestohlen. Darin befand sich allerdings wohl nicht das erhoffte Bargeld, sondern eine Reihe von Waffen, die der Senior der Staatsanwaltschaft zufolge legal besessen hat. Den Tresor sollen die beiden Männer zum Onkel des dritten Angeklagten gefahren haben. Da sich im Tresor nicht die erhoffte Beute befand, hat der Onkel den Schrank mutmaßlich in der Donau versenkt. Monate nach den Geschehnissen fanden Taucher den Tresor mitsamt einiger Waffen im Fluss – im Schrank könnte sich auch die Tatwaffe befunden haben.

War es ein Mordversuch?

Einige Tage nach der Tat stellte sich der 28-Jährige bei der Polizei – und verpfiff seinen 27-jährigen Komplizen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 27-jährigen Haupttäter versuchten Mord vor. In den Augen der Behörde habe der Mann habgierig und heimtückisch gehandelt. Dem 28-Jährigen wirft die Behörde versuchten Mord durch Unterlassen vor. Beide sitzen seit Ende März in Untersuchungshaft. Dem dritten Angeklagten wird Wohnungseinbruchsdiebstahl vorgeworfen.

Sein Onkel muss sich in einem anderen Verfahren dafür verantworten, den Tresor geöffnet und im Fluss versenkt zu haben.

Das Landgericht hat für den Prozess, der am Donnerstag startet, insgesamt sieben Verhandlungstage angesetzt. Mit einem Urteil wird derzeit Mitte Dezember gerechnet.

Wollte er morden? Ein 27-Jähriger (hier im blauen Pullover) steht ab Donnerstag vor dem Landgericht.