Ihrer Heldin wäre Regensburg zu idyllisch

Lieblingsbuch der Unabhängigen (Buchhandlungen) 2023 wurde Caroline Wahls erster Roman „22 Bahnen“ aus dem Dumont Verlag. Vor ein paar Tagen war Preisverleihung. Auch die Buchhändlerinnen der Buchhandlung Pustet, wo Caroline Wahl am Donnerstag las, waren sich einig: So ein schönes Buch!
Die Autorin war zum ersten Mal in Regensburg und erzählt, sie habe überlegt, ob ihrer Heldin Tilda die Stadt gefallen hätte. Wahrscheinlich sei sie ihr zu klein und zu idyllisch vorgekommen, meint sie. Tilda ist 25 Jahre alt, studiert Mathematik, weil es ihr leicht fällt und sie begeistert, sie jobbt an der Supermarktkasse und hat ihre kleine Schwester Ida quasi erzogen, denn die alkoholkranke Mutter war dazu nicht in der Lage. Das Abkassieren wird bei ihr zum Spiel: sie registriert, was auf dem Band liegt und extrapoliert, wer der Käufer oder die Käuferin sein könnte: „Hafermilch, Mandelmilch, Cashewmus, tiefgefrorene Himbeeren, Hummus, Kölln Haferflocken, Chiasamen, Bananen, Dinkelnudeln, Avocado, Avocado, Avocado. Ich spiele: Ich darf nicht hochschauen. Circa 30, männlich, schlaksig, rahmenlose Brille, Levi‘s-Shirt, rate ich, sage „30,72 Euro“, schaue endlich hoch, und als ich den Levi‘s-Schriftzug sehe, ist das ziemlich cool und vielleicht sogar der bisherige Höhepunkt meines Tages. Es ist zwar eine jüngere Frau, aber das T-Shirt richtig zu erraten ist schon stark.“
„Null autobiografisch!“, betont die Autorin
Die Autorin sitzt mit schweren Boots und schwarzgeblümtem Jumpsuit am Tisch und liest unprätentiös, in schnellem und coolem Erzählton. Die obligatorische Frage nach dem autobiografischen Hintergrund stellt sie gleich mal selbst und meint: „Null autobiografisch! Schreiben bedeutet für mich im Augenblick, neue Räume zu erkunden.“
Sie wolle auch die romantische Seite bedienen, aber trotzdem cool bleiben. Und sie wollte partout keine Liebesgeschichte schreiben, weil sie Angst vor dem Trash-Stempel hatte. Es habe sich aber dann doch eine kleine Liebesgeschichte reingemogelt. Viktor, wie Tilda ein selbstgewählter Außenseiter und der Bruder eines verstorbenen Freundes, nähert sich immer mehr an, schwimmt wie sie 22 Bahnen im Schwimmbad. Aber Tilda muss sich absetzen: „Ab morgen schwimme ich 23 Bahnen, auch wenn mir die Zahl nicht so geheuer ist.“
Als Tilda eine Promotionsstelle in Berlin angeboten wird, hat sie Bedenken, ihre Schwester zu verlassen und macht einen Plan, Ida zur Kämpferin zu erziehen: „Auf dem Rand meines Blockes tagge ich Berlin in großen Buchstaben und notiere unter der Überschrift „Ida-Vorhaben“ die Stichpunkte Handy (heute), Bibliothek (heute), Regeln? (Kommunikation), neues Hobby (Schwimmclub, Kampfsport?), Schwimmbad bei gutem Wetter? (Sonnenbrille, heute), Ferienbeschäftigung? (Uni, Hallenbad, Wanderung).“
Als Trotzreaktion nach Rostock gezogen
Caroline Wahl schrieb an diesem Buch drei Monate, immer abends, nach dem Job bei einem Verlag in Zürich. Sie hatte die Figur Tilda im Kopf, am Anfang sei alles noch recht offen gewesen, hätte sich dann von Szene zu Szene entwickelt. Sie wollte versuchen, die Seiten zu wechseln, vom Verlag zum Schreiben. Und sie wollte gut davon leben können. „Muss man auch mal sagen“, meint sie. Sie hätte dann das dekadente Zürich verlassen und sei als Trotzreaktion nach Rostock gezogen, ans Meer, das auch im Buch als Sehnsuchtsort eine Rolle spielt. Das nächste Buch mit dem Titel „Windstärke 17“ erscheine im Mai und handle von einer jungen Frau auf der Insel Rügen, deren Mutter tot sei. „Eventuell heißt sie Ida“, verrät Caroline Wahl.
Termine: Am 10. November liest Milena Michiko Flasar aus „Oben Erde, unten Himmel“, am 15. November stellt Thomas Willmann „Der eiserne Marquis“ vor, für das er den Tukan-Preis der Stadt München 2023 erhalten hat. Beide Lesungen finden um 20 Uhr in der Buchhandlung Dombrowsky statt.