Therapeuten auf vier Pfoten: Wie Hunde das Leid kranker und alter Menschen lindern

Von Heidi Bauer · 24. Oktober 2023 um 05:00

Die junge Frau hatte alles verloren: ihre Arbeitsstelle, ihr Pferd, ihr Zuhause. Ihre schwere Krankheit fesselte sie ans Bett und machte sie depressiv. Erst Therapiehund Santos holte sie zurück ins Leben. Frauchen Claudia Frank erklärt, wie die Vierbeiner Menschen helfen können.

Der Begriff „Therapiehunde“ sei nicht geschützt, die Tiere könnten nicht ausgebildet werden, „sie müssen geeignet sein“, stellt die 60-Jährige fest. Sie ist zweite Vorsitzende des Vereins „Therapiehunde Deutschland“ und leitet den eingetragenen gemeinnützigen Verein derzeit kommissarisch. Dieser castet und schult in Neumarkt und Nürnberg die Vierbeiner und deren Halter zu Einsatzteams. 1150 Mitglieder zählt er deutschlandweit – die „Hundefreunde Neumarkt“ haben sich ihm Ende 2022 angeschlossen.

Hundefreunde Neumarkt sind Teil des Vereins Therapiehunde Deutschland

Therapiehunde seien sehr gefragt, weiß Frank. In Alten- und Pflegeheimen, Einrichtungen für körperlich und geistig behinderte Erwachsene und Kinder, Schulen und Kindergärten und in Kliniken kommen die Tiere zum Einsatz. Sie besuchen aber auch hilfsbedürftige Menschen in ihrer häuslichen Umgebung im Rahmen von tiergestützten Fördermaßnahmen oder um ihnen Freude in den Alltag zu bringen.

Streicheln fördert Motorik

Therapiehunde werden laut Frank gezielt eingesetzt, um das Leiden von physisch und psychisch kranken Menschen zu lindern. So helfen sie zum Beispiel in der Psychotherapie, Logopädie, Physiotherapie, Ergotherapie, Heilpädagogik und in vielen anderen sozialen und therapeutischen Bereichen, sagt Frank.

Ein Hund gehe immer völlig wertfrei auf den Menschen zu, erläutert die Trainerin. Durch ihre Nähe befriedigten die Tiere das Zuneigungs- und Zuwendungsbedürfnis der Menschen, minderten deren Einsamkeit oder soziale Isolation und steigerten zumindest das Wohlbefinden. Besonders positiv wirkten die Hunde auf Senioren, stellt Frank fest.

Sie habe bei ihren Einsätzen erleben können, wie die Vierbeiner betagte Menschen, die oftmals lange schon keine große Anteilnahme mehr gezeigt hätten, aus ihrer Lethargie geholt und dafür gesorgt hätten, dass diese sich wieder am Gespräch beteiligen und aus ihrem Leben erzählen.

Wenn die Senioren die Tiere streicheln, fördere das die Motorik, selbst Menschen, deren Finger steif seien, bemühten sich, diese wieder zu bewegen. Das warme, weiche Hundefell vermittle beim Berühren Wärme, Ruhe, Geborgenheit, sagt Frank.

Ihr Podenco Santos durfte sich sogar zu einem behinderten, blinden Menschen ins Bett kuscheln, weil dieser sich wünschte, ihn ganz nah bei sich zu spüren. Ihre Hündin Lilly habe einen Sterbenden begleitet, der erst in Frieden habe gehen können, als er das weiche Fell des Tieres spürte.

Aus dem Landkreis Neumarkt gebe es viele Anfragen für die Therapiehunde, berichtet Frank. Zehn Tiere besuchen mit ihren Haltern regelmäßig Seniorenheime, seien beim Ferienprogramm, in Kindergärten und Schulen im Einsatz und können gegen einen finanziellen Obolus gebucht werden.

Wichtig ist der Trainerin aber vor allem auch, dass die Menschen sich nicht nur zu den Hunden hingezogen fühlen, sondern lernen,wie sie richtig mit ihnen umgehen. Das versuchen die Hundeführer bei ihren Besuchen in Vor- und Grundschulen zu vermitteln: so wie Kinder auf Hunde zugehen können, dass sie die Tiere nicht beim Fressen stören sollten und dass jedes einen anderen, eigenen Charakter hat.

Gute Erfahrungen hat Frank beim Einsatz der Tiere als „Lesehunde“ gemacht, erzählt sie: Kindern, die sich vorher nicht getraut hätten, laut zu lesen, falle es viel leichter, einem Hund vorzulesen, weil dieser ein aufmerksamer und geduldiger Zuhörer sei.

Test für Therapiehunde

Ob Pudel, Pinscher, Labrador, Rassehund oder Mischling sei egal – ganz normale Familienhunde könnten Therapiehunde werden, stellt die Trainerin fest. Ausschlaggebend sei das Wesen der Vierbeiner. Und deswegen müssen die Vierbeiner erst einen speziellen Situationstest bestehen, bei dem geprüft wird, wie sich der Hund in ihm fremden und neuen Situationen verhält und in extremen Stresssituationen reagiert, denen er auch im Einsatz als Therapiehund begegnet.

Dabei gingen beispielsweise Personen auf Krücken oder Rollator auf das Tier zu, es werde von ihm fremden Leuten angefasst, gestreichelt, gedrückt und geschoben. Mit zur Prüfung gehöre auch, dass eine Person laut an die Tür klopfe, in den Raum stürme und gestikulierend und schreiend auf ihn zu laufe, schildert Frank. Den Eignungstest nehmen qualifizierte und geprüfte Hundetrainer zusammen mit einer Gruppe erfahrener Hundeführer vor.

Hat der Hund die Prüfung bestanden, werden Halter und Vierbeiner zu Einsatzteams ausgebildet. Allerdings sei dafür aus versicherungstechnischen Gründen eine Mitgliedschaft im Verein erforderlich, erklärt Frank. Die Halter werden in einem zweitägigen Basis-Seminar umfassend geschult und gründlich auf ihre Einsätze vorbereitet. Sie erfahren dabei alles Wesentliche über Hundephysiologie, Haltung, korrekte Erziehung und Körpersprache des Hundes.

Darüber hinaus würden den Hundehaltern die Grundlagen der Gesprächsführung sowie für den Einsatz wichtiges praktisches Wissen vermittelt. Vor einem selbstständigen Einsatz leisteten die neuen Hundeführer noch eine Praktikumseinheit in einem Alten- und Pflegeheim in Begleitung und unter Aufsicht eines erfahrenen Hundeführers, erklärt Frank.

Die Hundeführer nehmen als Vereinsmitglieder an Fort- und Weiterbildungen teil und treffen sich regelmäßig – in Neumarkt immer samstags am Hundeplatz bei Lähr sowie montags und mittwochs in Kornburg – zum Üben, zum Erfahrungsaustausch sowie zu Vorträgen, denn: „Ein Therapiehund muss im Training bleiben“, weiß Frank.

Eingesetzt werden die Therapiehunde an ihrem Wohnort oder in unmittelbarer Nähe. Eine Therapieeinheit oder Fördermaßnahme dauert aus Gründen des Tierschutzes etwa 30 Minuten, unterstreicht die Trainerin. Da der Hund während des Einsatzes einem enormen psychischen Stress unterworfen sei, dürfe er nur maximal zwei Mal in der Woche eingesetzt werden: „Mental ist diese Arbeit unheimlich anstrengend für die Tiere“, sagt Frank.

Auch den Hundehaltern werde einiges abverlangt: Sie opferten einen großen Teil ihrer Freizeit für die gute Sache, um anderen Menschen zu helfen und das ehrenamtlich. Sie kommen aus den verschiedensten Berufen und Generationen, lässt die Trainerin wissen. Die gelernte Bürokauffrau ist inzwischen Vollzeit für den Verein angestellt und könnte sich keinen schöneren Job vorstellen: „Die Arbeit mit Mensch und Tier ist eine sehr schöne.“

Weitere Informationen rund ums Thema gibt es auf der Homepage unter www.therapiehunde-deutschland.team.