Angst vor Antisemitismus nimmt in Regensburg zu – Juden sind enttäuscht über Muslime

Von Christian Eckl · 21. Oktober 2023 um 05:00

Das Kultusministerium instruiert Regensburger Schulen über Umgang mit Palästina-Solidarisierung und Antisemitismus. Eine Demonstration wie zuletzt 2021 ist aber keine angemeldet. Derweil äußert sich die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde traurig darüber, dass von Seiten der Regensburger Muslime kein Wort des Bedauerns über die Terror-Attacken geäußert wurde.

Regensburg ist nicht Berlin. Das ist die gute Nachricht. Die Schlechte ist: Auch in der Domstadt geht die Sorge um, dass die Ereignisse in Israel und in Gaza auf die Straße getragen werden. Deutliche Worte findet der aus Regensburg stammende Heinz-Peter Meidinger, Ehrenpräsident des Deutschen Lehrerverbandes. „Wichtig ist, dass Schulen bei solchen Konflikten nicht zurückweichen. Ich kenne leider viele Lehrkräfte insbesondere an Brennpunktschulen, die resigniert haben und auch mangels Unterstützung durch Schulleitungen Konflikten solche Art mit Jugendlichen aus dem Weg gehen“, sagt er.

„Schweigen aus Angst“

An solchen Schulen würde der Nahostkonflikt nicht genügend ausführlich thematisiert, keine Fahrten zu KZ-Gedenkstätten mit muslimischen Schülern gemacht, „weil sie Angst vor Provokationen haben, sich nicht trauen, Schindlers Liste im Unterricht zu zeigen, um nicht angegriffen zu werden“. Schulleitungen dürften sich nicht wegducken, findet Meidinger.

In Berlin habe die Schulsenatorin ein Verbot palästinensischer Symbole erlassen. In Bayern gebe es generell ein Verbot von politischer Webung an Schulen. Er würde begrüßen, „wenn statt einer durch Symbole ausgelösten Polarisierung Schulen durch gemeinsame Gedenkminuten für die Opfer des Hamasangriffs Zeichen setzen würden“. Eigentlich wäre dies Aufgabe der Schulministerien gewesen, zu solchen Schweigeminuten an Schulen aufzurufen. „Offensichtlich ist aber auch in der Politik die Angst vor muslimischen Gruppen größer als die Einsicht in die Notwendigkeit, an Schulen ein Zeichen für Menschlichkeit und Humanität zu setzen“, sagt Meidinger.

„Bislang sind uns keine Vorfälle bekannt“, sagt Clemens Sieber, Leiter des Schulamtes. Mathilde Eichhammer, Ministerialbeauftragte für die Realschulen, und ihre Kollegin Annette Kreim von den Gymnasien sagen, „es liegen keine derartigen Meldungen vor“.

Vergangene Woche versandte das Kultusministerium dann ein Schreiben an alle Schulen – auch in der Stadt Regensburg. „Der Nahostkonflikt und auch die deutsch-israelischen Beziehungen werden in den kommenden Tagen und Wochen sicherlich immer wieder ein Thema sein, dem Raum gegeben werden muss“, heißt es darin. Doch auch die Sozialen Medien und die Bilder von Gräueln an Zivilisten und ermordete Babys besorgen das Ministerium. Die Lehrer sollen dies im Blick haben, ebenso wie extremistische Inhalte auf Handys und in Klassenchats. Deutlich teilt das Ministerium mit: „Zur Fürsorge gegenüber unseren Schülerinnen und Schülern gehört aber auch, klare Grenzen gegenüber allen Formen von Hass und Hetze zu ziehen und über mögliche Fehlinformationen aufzuklären.“ Auch für die Universität seien bislang keine Sympathiebekundungen für die Hamas bekannt. „Die Universitätsleitung steht in engem Kontakt zu ihren Partneruniversitäten in Israel. Sie betont nachdrücklich, dass Antisemitismus, in welcher Form auch immer, auf unserem Campus zu keiner Zeit und in keinerlei Ausprägung Platz hat und geduldet wird“, sagt ein Sprecher.

Dabei hatte es im Mai 2021 eine Demonstration gegeben, auf der am Domplatz der Holocaust verharmlost wurde. Auf der Demo sprachen auch Studenten der Uni Regensburg. Bei der Stadt teilte man noch am Freitag mit, dass am Wochenende keine Pro-Palästina-Demos angezeigt wurden. Kürzlich hatte man noch mitgeteilt, dass man solche auch wie in München unter bestimmten Umständen verbieten würde. Doch schon am Donnerstag hob der Verwaltungsgerichtshof in München ein solches Verbot in der Landeshauptstadt auf.

„Kein Wort des Bedauerns“

Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, ist enttäuscht von den Muslimen in Regensburg. „Wir hatten jahrelang Religionsgespräche gemeinsam, doch heute, nach diesen schrecklichen Massakern, haben wir kein Wort des Bedauerns gehört.“ Man sei sich immer in Achtung und Respekt begegnet. Und doch: „Das ist jetzt alles dahin.“ Doch Danziger ist auch wichtig zu betonen: „Israelische Kinder fürchten sich genauso vor Bomben wie palästinensische – da gibt es keinen Unterschied.“ Doch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde fürchtet, dass es auch in Regensburg nach der Aufhebung des Verbots zu Solidaritätsbekundungen mit Palästina kommen wird. Die Generalkonsulin des Staates Israel, Tayda Lador-Fresher, hatte sich im MZ-Interview kritisch zu solchen Demos geäußert. „Wer jetzt auf die Straße geht, der unterstützt den Terror.“ Auch Danziger bittet um Zurückhaltung: „Man muss doch bitte jetzt sagen, dass nicht Israel diesen Krieg begonnen hat“, fordert Danziger.