Israels Generalkonsulin: „Auch der FC Bayern hat Verantwortung“

Talya Lador-Fresher ist seit September 2023 Generalkonsulin des Staates Israel in München. Im Interview mit der Mediengruppe Bayern spricht sie über ihr Entsetzen über Antisemitismus und Angriffe auf Synagogen, die Situation oder über die politische Verantwortung des FC Bayern München.
Führt Israel gerade einen Überlebenskampf?
Tayla Lador-Fresher: Ja. Es geht um unsere Existenz. Was im Süden passiert ist, die schrecklichen Massaker, hat unser Land traumatisiert. Die Hamas hat Gräuel wie der IS oder Al Quaida begangen. Wir haben unseren Blick aber auch nach Norden gerichtet. Dort ist die Hisbollah. Wenn es auch Angriffe aus dem Norden auf Israel geben wird, dann wird das eine schreckliche Situation für uns.
Kürzlich kam es in München zu Kundgebungen, auf denen der Terror und das Morden der Hamas gefeiert wurden. Was erwarten Sie von uns?
Lador-Fresher: Wer jetzt auf die Straße geht, ist nicht pro Palästinenser. Diese Anschläge haben den Palästinensern ja überhaupt nicht geholfen. Wer jetzt auf die Straße geht, der unterstützt den Terror. Die bayerischen Behörden müssen diese Demonstrationen unterbinden. Der Oberbürgermeister von München hat zugesagt, dass er diese unterbinden wird. Natürlich: Wenn ein Gericht anders entscheidet, dann muss man das zur Kenntnis nehmen. Deutschland ist ein Rechtsstaat. Aber: Vielleicht muss man dann die zugrundeliegenden Gesetze überdenken.
Antisemitismus in deutschen Klassenzimmern gibt es schon länger. Haben wir Deutschen hier die Augen zugemacht?
Lador-Fresher: Ich bin Diplomatin und erst seit sechs Wochen hier in Deutschland. Ich möchte der deutschen Gesellschaft keine Ratschläge geben. Wir als israelisches Generalkonsulat bemühen uns um den Austausch gerade von Schülern. Wer einmal in einer israelischen Familie gelebt hat, der wird die Situation in unserem Land anders einschätzen.
In Berlin wurden Molotow-Cocktails auf eine Synagoge geworfen. Befürchten Sie weitere Gewalttaten gegen Juden, auch in Deutschland?
Lador-Fresher: Wir sind besorgt, haben aber auch Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden.
Sie besuchen jüdische Gemeinden, am Mittwoch waren Sie in Regensburg. Was begegnen Ihnen für Sorgen?
Lador-Fresher: Der Termin stand schon länger fest, er war Teil eines Seminars über Lebenswege jüdischer Frauen. Natürlich ist es jetzt anders: Wir haben mit einer Schweigeminute der Opfer der Anschläge gedacht. Dies war ein würdiger Teil des Programms.
Wir haben Millionen Menschen aus Ländern wie Syrien aufgenommen, in denen Judenhass Teil der Staatsräson ist. Wie können wir klare Grenzen für Antisemiten setzen?
Lador-Fresher: Es gibt drei Formen von Antisemitismus. Die erste hat man in Deutschland lange und erfolgreich bekämpft: Die klassischen Neonazis mit Glatzen. Aber es gibt auch den linken Antisemitismus. Normalerweise wird er als solcher nicht benannt, aber BDS-Kritik am Staat Israel ist häufig nichts weiter als linker Antisemitismus. Und es gibt den radikalislamischen Antisemitismus, der leider zunimmt. Alle drei Formen sind nicht das selbe, sie haben aber das selbe Ziel: Kein jüdisches Leben mehr in Deutschland. Mit jeder Richtung, aus der sie kommen, muss man anders umgehen. Aber die deutsche Gesellschaft muss selbst einen Weg finden, wie sie damit umgeht – auch in Zukunft.
Selbst der Fußball ist in den Konflikt involviert. Der marokkanische Spieler des FC Bayern, Noussair Mazraoui, postete eine Pro-Palästina-Parole, während der israelische Torwart Daniel Peretz in den Militärdienst eingezogen werden könnte. Wie muss sich der Verein hier positionieren?
Lador-Fresher: Zunächst: Dass der jüdische Verein Makkabi München Spiele ausfallen lassen musste, ist schrecklich. Nun zum FC Bayern: Auch ein Fußballverein hat Verantwortung. Ich begrüße, dass der Deutsche Fußballbund ein Zeichen setzt und am Wochenende vor allen Bundesligaspielen eine Schweigeminute abgehalten wird. Das hat auch der FC Bayern zugesagt. Ich hoffe, dass man mit dem Spieler in aller Deutlichkeit sprechen wird. Ich glaube, dass Fußballvereine mehr Einfluss als Politiker genau auf diese Gruppen nehmen können, über die wir schon gesprochen haben. Ich weiß, dass die Fans des FC Bayern auch Freunde Israels sind. Ich habe bei einem Besuch bei dem Verein auch das Denkmal von Kurt Landauer gesehen, der Jude war und heute eine Ikone ist. Der Verein hat mir gesagt, man werde nun die Zeit des Nationalsozialismus aufarbeiten. Die Vergangenheit zu beleuchten, ist wichtig. Aber dabei den Blick auf die Gegenwart nicht zu verlieren, das ist vielleicht noch wichtiger.
Längst hat auch der Deutungskrieg begonnen. Ein Raketenangriff auf ein Krankenhaus in Gaza ist derzeit Gegenstand von Debatten. Die Frage steht im Raum, ob es eine fehlgeleitete palästinensische Rakete oder das israelische Militär war. Fürchten Sie eine Welle von Desinformation?
Lador-Fresher: Ich bin total überzeugt und es gibt Beweise, dass es eine fehlgeleitete Rakete des Islamischen Dschihad war. Dass zu Beginn über eine Ungewissheit über das Geschehen berichtet wurde, kann ich verstehen. Aber dass Medien hierzulande jetzt noch immer nach dem Motto berichten: Israel sagt es so, der Islamische Dschihad sagt es anders – das kann ich überhaupt nicht verstehen. Israel ist eine Demokratie, der Islamische ist eine Terrororganisation. Das kann man nicht gleichsetzen.
Israel hat die Bewohner Gazas aufgefordert, im Hinblick auf eine Bodenoffensive nach Süden zu gehen. Dort gibt es eine Grenze zu Ägypten. Wieso wird diese nicht geöffnet?
Lador-Fresher: Ich will erst über die Geiseln dort sprechen. Alle sagen, es sind etwa 200, aber wir wissen es nicht genau. Die Terroristen haben Babys enthauptet, manche Leichen waren so verbrannt, dass man sie nicht identifizieren kann. Das wichtigste ist nun, die Geiseln zu befreien. Aber natürlich: Ägypten sollte diesen Grenzübergang öffnen.
70 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind überzeugt, dass Israel sich gegen die Hamas wehren darf. Stimmt Sie das positiv? Oder sorgen sie sich um die 30 Prozent, die das nicht so sehen?
Lador-Fresher: Ich kann nur sagen, die Menschen hier in Bayern, die mit mir sprechen, sagen alle, sie fühlen mit uns. Einige Menschen haben keine Meinung. Natürlich gibt es auch die „Ja, aber ...“-Fraktion – und eben jene, die jetzt auf die Straße gehen und Terror feiern.
„Das Jüngste Gericht wird nicht kommen, solange Muslime nicht die Juden bekämpfen und sie töten“, heißt es in der Hamas-Charta. Kann man mit solchen Terroristen überhaupt irgendwie verhandeln?
Lador-Fresher: Nein. Aber wir haben uns selbst lange etwas vorgemacht. Wir hatten das selbe Mindset wie alle Menschen der freien Welt und hatten angenommen, dass selbst ein Diktator irgendwie an seine Bevölkerung denkt und will, dass diese irgendwie gut leben kann. Ich glaube, dass auch viele Menschen im Gazastreifen genau das möchten. Aber die Hamas will das nicht. Das musste jetzt auch die israelische Gesellschaft schmerzhaft lernen.
Gibt es Lichtblicke?
Lador-Fresher: Ja! Hätten wir dieses Gespräch vor einigen Wochen geführt, hätten Sie mich über die Justizreform in Israel gefragt und darüber, ob das Land sich weiter spaltet. Aber als jetzt aus aller Welt Reservisten heimkehrten, um in der Armee zu dienen, wurde uns im Land klar: Wir müssen zusammenhalten, sonst gibt es uns bald nicht mehr.
Zur Person
Vertreterin: Die israelische Diplomatin Talya Lador-Fresher wurde 1962 in Petach Tikwa geboren. Sie ist seit 1989 im diplomatischen Dienst tätig und machte dabei Stationen in Jamaika, New York und London. Zwischen 2010 und 2015 leitete Lador-Fresher die Protokollabteilung der israelischen Regierung. Zwischen 2015 und 2020 war sie Botschafterin Israels in Österreich und Slowenien, seit September 2023 ist sie die neue Generalkonsulin des Staates Israel in München.
Konsulat: Seit 2011 unterhält Israel ein Generalkonsulat in Bayern. Der heutige Sitz des Konsulats hat starke Symbolkraft. Es ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Mahnmalen aus der NS-Zeit untergebracht.