Eine Stadt, und doch zwei Welten: Wo fast jeder dritte Regensburger AfD wählt

Von Christian Eckl · 18. Oktober 2023 um 05:00

Eine Analyse der Landtagswahl macht deutlich, wie tief gespalten die Domstadt politisch mittlerweile ist. Ausgerechnet in der Schule für Vielfalt und Toleranz erreichte die rechtsgerichtete AfD Höchstwerte. Aber auch die Ergebnisse für die Grünen in manchen Gegenenden machen deutlich, dass Regensburger völlig unterschiedlich ticken – je nachdem, wo sie wohnen.

Die Wahlen sind vorbei. Die Koalition in der Landesregierung wird vermutlich die gleiche bleiben. Doch Wahlen sind mehr als nur demokratische Prozesse. Wahlen sind auch ein Seismograph gesellschaftlicher Entwicklungen. Und hier setzt die Landtagswahl vom 8. Oktober eine Wegmarke: Noch nie in der jüngeren Vergangenheit war die Bevölkerung der Stadt Regensburg so gespalten.

Es ist, als lebten die Menschen in der selben Stadt, aber in zwei Welten: In der Altstadt wählten 43,5 Prozent die Grünen mit ihrer Zweitstimme. Die CSU kam hier lediglich auf 15Prozent. Die AfD erzielte hier ein Ergebnis von 6,6 Prozent, weit unter ihrem Wahlergebnis in der gesamten Stadt mit 11,9 Prozent. Dafür erzielte die Partei Die Linke mit 5,5 Prozent ihr stärkstes Ergebnis aller 18 Stadtteile. Die FDP wäre in der Altstadt mit 4,6 Prozent der Zweitstimmen nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert.

Eine Stadt, zwei Welten

In einer völlig anderen Welt scheinen die Wähler in der Konradsiedlung zu leben. Zwar erreichte die CSU mit 31,4 Prozent eine etwas höhere Zustimmung als in Regensburg insgesamt. Das Ergebnis der Grünen lag mit 14,8 Prozent auch leicht über dem Ergebnis in Bayern. Verglichen mit den Bewohnern in der Altstadt wählte aber nur ein Bruchteil die Grünen. Dafür erzielte die AfD hier ihr stärkstes Ergebnis in allen der 18 Stadtteile: Sie kam auf 27 Prozent der Zweitstimmen. Und obwohl die Kandidatin Carina Schießl weitgehend unbekannt war, erzielte auch sie ein Ergebnis von 25,6 Prozent.

Vor Ort findet man niemand, der offiziell etwas zu dem Wahlergebnis der AfD sagen möchte. Ein Konradsiedler, der zwar eine offizielle Funktion bekleidet, aber Angst vor einer Ächtung hat, erklärt sich das Wahlergebnis so: „Schauen Sie sich doch mal um in der Konradsiedlung, das sind lauter kleine Häuschen, die Ende der 50er Jahre gebaut wurden.“ Das Heizgesetz habe die Menschen der AfD in die Arme getrieben. Doch das Gesetz wurde doch entschärft. Wieso also trotzdem 27 Prozent der Zweitstimmen für die AfD? „Wenn das Gesetz so gekommen wäre, dann hätte die AfD hier 40 Prozent bekommen“, sagt der Konradsiedler. Die CSU, die mit 31,4 Prozent noch vor der AfD liegt in der Konradsiedlung, sei aus seiner Sicht keine echte Alternative. Denn: „Die würden das doch auch so machen mit dem Heizgesetz“, ist die Behauptung. Offenbar sehen viele Stadtteil-Bewohner das Thema Klimaschutz ganz anders als Politiker in Verantwortung. Der zweite Grund für die hohen Zustimmungswerte sei die Asylpolitik der Ampel in Berlin. „Hier leben Leute in ihrem alten Haus, die eine Rente nah an dem haben, was Ausländer vom Staat bekommen, obwohl sie noch nie etwas einbezahlt haben“, sagt der Konradsiedler.

Auch in Reinhausen bekam die AfD starken Zuspruch

Doch nicht nur in der Konradsiedlung erzielte die AfD Ergebnisse weit über den Landes- oder gar den Stadt-Durchschnitt hinaus. In Burgweinting erzielte die AfD mit 24,6Prozent ihr zweitbestes Ergebnis im Stadtgebiet. Die Grünen kamen hier lediglich auf 16,6Prozent. Auch in Reinhausen, wo unter anderem in der Grundschule für Vielfalt und Toleranz abgestimmt wurde, erhielt die rechtspopulistische und in Teilen rechtsextreme Partei 22,5 Prozent der Stimmen.

Dass Namensumbenennungen wohl lediglich Symbolcharakter haben, ist nirgendwo sonst so spürbar wie in der Schule für Vielfalt und Toleranz, die früher nach Hans Herrmann benannt war. Herrmann war Bürgermeister während des Dritten Reichs, gründete nach dem Krieg die CSU mit und hängt heute als Oberbürgermeister bis 1959 in der Ahnengalerie im Alten Rathaus. Im Wahlbezirk 33 erzielte die AfD mit 29,1 Prozent eines ihrer besten Ergebnisse aller Wahlbezirke. Die CSU kam hier auf 33,8 Prozent, die Grünen lediglich auf 10,8. Zum Vergleich: Im Wahlbüro im Alten Rathaus landeten mit 45,5 Prozent der Stimmen fast jede zweite bei den Grünen. Hier kam die AfD auf 4,5 Prozent.

Viele Ausländer, viel AfD

Vor allem die Stadtteile mit hohem Ausländeranteil erlebten einen starken Zuspruch für die Partei, die Migranten am deutlichsten ablehnt. In der Konradsiedlung haben 18,5 Prozent der Bevölkerung keinen deutschen Pass. Am höchsten ist der Migrantenanteil aber im Kasernenviertel. Hier liegt die Quote bei 28,5 Prozent. Die AfD kam hier auf 21,8 Prozent der Stimmen. Übrigens zeigen die Zahlen auch ein starkes Stadt-Land-Gefälle, ein weiterer Indikator für eine Spaltung der Gesellschaft. Kam die AfD in Regensburg auf 11,9 Prozent, so erzielte sie ausgerechnet in Wenzenbach, wo Bürgermeister Sebastian Koch für die SPD kandidierte, 17,5 Prozent.