Die netten Herren aus der Nachbarschaft: Unterwegs mit der Sicherheitswacht

Von Tim Graser · 17. Oktober 2023 um 12:00

Die Sicherheitswacht genießt in Regensburg nicht den besten Ruf: Von Hilfssheriffs, die das Ehrenamt ausnutzen, um ihr Denunziantentum auszuleben, ist da oft die Rede. Die MZ war mit zwei Urgesteinen der „Siwa“ auf Streife – und traf dabei sogar noch auf Helena von Troja.

Langsam rollt der SUV die Königsstraße in der Regensburger Altstadt entlang. Am Steuer des weißen Seat Ateca, Rosenheimer Kennzeichen, sitzt ein gestresster Mann mittleren Alters und klopft energisch gegen den Bildschirm seines Navigationssystems. „Eigentlich sind wir hier in der Fußgängerzone, andere würden den jetzt sofort aufschreiben“, sagt Willy Kinkel. „Der braucht aber bestimmt nur Hilfe“, entgegnet sein Kollege Arthur Bechert und winkt dem Autofahrer freundlich zu. Prompt bleibt der Wagen stehen, das Fenster fährt hinab. „Können Sie mir bitte helfen?“, fragt der Fahrer verzweifelt. „Ich suche die Tändlergasse, aber mein Navi spielt völlig verrückt.“

Ruhig erklärt Bechert dem Mann aus Rosenheim den Weg: Die Nächste links, dann ein Stück geradeaus und dann noch mal links entlang am Dom. Erleichtert bedankt sich der Mann und fährt weiter. Kinkel und Bechert sind ehrenamtlich Mitglieder der Regensburger Sicherheitswacht und als solche am diesem Dienstagnachmittag in der Innenstadt unterwegs. Zufrieden blicken sie dem Wagen hinterher.

Willy Kinkel – Für seine Sprüche ist er bekannt

Schichtbeginn 15.30 Uhr: Arthur Bechert, 59 Jahre, groß gewachsen und William „Willy“ Kinkel, 73 Jahre, Schnauzer und weißes Haar, führen durch die Polizeiinspektion Süd am Minoritenweg. Kinkel ist schon 22 Jahre Sicherheitswachtler, Bechert ist sogar schon seit ihrer Gründung im Jahr 1996 dabei. Mit den Beamten hier sind sie alle per du. Kinkel begrüßt sie mit Handschlag, für die meisten auf der Wache hat er sich Spitznamen ausgedacht. Die junge Kommissarin mit dem Vornamen Helena im Erdgeschoss nennt er „Trojanerin“, wegen Helena von Troja, der sehe sie ähnlich. Die Beamtin muss schmunzeln - „der Willy halt“. Für seine Sprüche ist er auf der Wache bekannt. Bei Polizeikommissarin Christina Ritt bekommen die beiden schließlich noch ihr Einsatzgebiet für den Tag: „Ihr dürft‘s heut mal wieder in die Altstadt“, so die Beamtin.

Die Regensburger Sicherheitswacht oder „Siwa“, so die Polizeiinterne Abkürzung, genießt in Teilen der Bevölkerung nicht den besten Ruf: Hilfssheriffs, die das Ehrenamt ausnutzen, um ihr Denunziantentum auszuleben, mit Pfefferspray am Gürtel und Freistaat-Wappen auf der Schulter. Darauf angesprochen winkt Kinkel jedoch ab. „Die wollen hier keine Rambos“, sagt der Rentner über die Sicherheitswacht. Zwar gäbe es auch solche Kollegen, die sich selbst etwas zu ernst nehmen und gerne Sheriff spielen, nicht aber Willy Kinkel und Arthur Bechert. Menschen bespitzeln sei nicht ihr Job, viel eher wollen sie den Leuten auf der Straße helfen, mit ihnen ins Gespräch kommen, so Bechert. Vor allem Touristen helfen sie oft, wenn diese sich zum Beispiel in der Stadt verlaufen haben. Tatsächlich wirken Bechert und Kinkel eher wie zwei nette ältere Herren im Ruhestand, wenn sie auf ihrem Streifenrundgang gemächlich durch die Stadt spazieren. Nur ihr T-Shirts mit dem „Sicherheitswacht“-Aufdruck erinnert an eine offizielle Funktion. Pfefferspray haben sie nicht dabei, nur ein Funkgerät, um im Zweifelsfall schnell die „Kavallerie“ zu rufen, wie Kinkel die Polizeibeamten nennt. Doch auch das komme nur äußerst selten vor, meint Arthur Bechert.

„Jetzt machen wir mal ein Selfie

In der Altstadt kennt man die beiden Herren von der Sicherheitswacht gut, die mittlerweile schon über zehn Jahre in Regensburg zusammen auf Streife gehen – vor allem Willy Kinkel. Wo man auch hinkommt, der Rentner grüßt die Leute und die Leute grüßen zurück. Vor dem Laden eines Mobilfunkanbieters, den Kinkel herzlichst weiterempfiehlt („die bescheißen einen hier nicht“), hält ein junger Mann für ein Foto an. „Komm Willy, jetzt machen wir mal ein Selfie“, sagt er. Danach rauchen beide zusammen noch eine Zigarette.

Etwas später in der Wahlenstraße beeilt sich Arthur Bechert, um einem jungen Mann sein Portemonnaie nachzutragen, das dieser am Tisch eines Cafés liegen gelassen hatte. Am gleichen Café hätten Sie am Wochenende davor sogar Markus Söder getroffen. Der Ministerpräsident war da gerade noch auf Wahlkampftour und sei auf ein Stück Kuchen eingekehrt. Auch er habe ein Foto mit den beiden machen wollen, erzählt Kinkel stolz.

Gegen 19 Uhr neigt sich der Rundgang der beiden Herren dem Ende zu. Am Arnulfsplatz sind sie bei einem befreundeten Wirt noch auf ein Wasser eingeladen worden, durch den kleinen Park an der Ostenallee, vorbei am Hallenbad der Stadtwerke, geht es jetzt wieder zurück zur Polizeiwache im Minoritenweg, wo die Sicherheitswacht ihr eigenes kleines Büro hat. Besondere Vorkommnisse gab es keine, ein Bericht ist an diesem Tag nicht notwendig.

In der Königsstraße zeigt Arthur Bechert einem Autofahrer, der sich verfahren hat, den Weg. Foto: Tim Graser
Immer ein offenes Ohr: Die Sorgen einer "Donaustrudel"-Verkäuferin hört sich Willy Kinkel gerne an. Foto: Tim Graser
Willy Kinkel (l.) und Arthur Bechert Foto: Tim Graser