Nachbarschaftshilfe in Waldmünchen: Die Helfer mit Herz und langem Atem

Von Petra Schoplocher · 12. Oktober 2023 um 15:30

Sie war unbeabsichtigt, einen besseren Einstieg ins Thema als diese Geste aber hätte es gar nicht geben können: „Wart‘, ich helf‘ dir!“, sagt die Waldmünchnerin, und rückt ihrem Nachbarn den Stuhl zurecht... Genau darum geht es den beiden und ihren Mitstreitern von der Nachbarschaftshilfe. Der Name ist Programm: „Wir machen das, was ein guter Nachbar machen würde.“

Vor gut einem halben Jahr hat sich die Initiative gegründet. Sieben Monate, in denen Strukturen aufgebaut wurden und der Kreis der Ehrenamtlichen an- und zusammengewachsen gewachsen ist. Sieben Monate, in denen – das Entscheidende – Menschen geholfen wurde.

Menschen wie Dieter Hohmann: Der Senior ist selbst engagiert und weiß das wertvolle Angebot daher gut einzuschätzen. Im Grunde ist Hohmann fit, aber wie zu einer Augen-Operation und wieder zurück kommen? Ohne eine Sekunde zu zögern habe er sich an die Nachbarschaftshilfe gewandt, von der er übers MGH, in dem er die Modelleisenbahngruppe betreut, gehört hatte. Gab es eine Hemmschwelle? Hohmann lächelt sie weg. „Es wäre mir unangenehmer gewesen, Sohn oder Enkel zu fragen, die weit weg sind und Urlaub hätten nehmen müssen.“

Hohmann berichtet von perfektem Ablauf. Für den Termin am zweiten Auge habe er absprachegemäß direkt mit „seinem“ Chauffeur Manfred Ruhland aufgenommen... „So soll es im Idealfall sein“, kommentiert dies Nadine Himmelhuber, die Koordinatorin.

„Bunter Haufen“

Ihrer Meinung nach ist das Besondere am Helferkreis „von 15 Jahren bis 60 plus“ , dass „wir alle mitten im Leben stehen.“ Bedeutet: Der eine hat einen pflegebedürftigen Angehörigen zuhause, die andere ist wegen kleiner Kinder zeitlich oft gebunden. Was impliziert, dass jeder Schwerpunkte und Begabungen hat, „das macht es wertvoll“.

Ganz bewusst hat die Initiative zunächst einen ehrenamtlichen Mitarbeiterstamm generiert und ist erst dann gestartet. „Du kannst nur helfen, wenn du Helfer hast“, weiß Arnold Lindner nur zu gut. Die Nachbarschaftshilfe (NBH) war dem Seniorenbeauftragten schon seit Jahren ein Herzensprojekt. Zudem hat er eine Kernbotschaft: Keine Hemmschwelle! „Niemand muss sich als Bittsteller fühlen, der sich an uns wendet.“

Er wünscht sich, dass sich mehr Menschen trauen würden, Hilfe in Anspruch zu nehmen, das sei doch kein Makel. „Sehen Sie das Positive über das Praktische hinaus: Austausch, Begegnung, Ansprache!“, animiert er die Zielgruppe sowie gleichermaßen Angehörige, Nachbarn und Freunde, die sich ebenso rühren dürfen und sollen. Hilfe gehe oft im Kleinen los, wird aber auch da gebraucht.

Wichtige weitere Prämisse: Die NBH will keine Konkurrenz zu bestehenden Einrichtungen sein. Ganz im Gegenteil: „Im Netzwerk sind wir im Sinne der Menschen stark.“

Weil Manfred Ruhland bestens um die Mentalität des Waldmünchners weiß, der womöglich noch nicht einmal dann um Unterstützung ruft, wenn er bildlich den Kopf unter dem Arm trägt, pflichtet er Lindner bei, verdeutlicht: „Wir sind da, wenn von jetzt auf gleich Hilfe Not tut.“ Ruhland und Lindner ist noch etwas anderes wichtig: Die Rolle des MGH, als Heimat, Knotenpunkt... schlicht als etwas, ohne das es viel (womöglich auch die Nachbarschaftshilfe) nicht geben würde.

Deren weitere Rolle: Brücken von Not- hin zu Dauerlösung schlagen, ergänzt Andreas Seidel, der alles in allem überrascht ist, „wie schnell und zielstrebig wir doch vorankommen“. Der Neu-Waldmünchner verrät kein Geheimnis, wenn er den Unkenruf zitiert, der von mancher Seite oder Stelle zu hören war: „Das wird eh nix.“

Für die (neuen) Ehrenamtlichen gibt es keine zeitlichen Verpflichtungen und keinen Mindesteinsatz. „Jeder hat seinen Wert und der misst nicht nicht an der Zahl der Einsätze“, betont Himmelhuber. Und: „Nein ist für mich ein ganzer Satz.“ Der für beide Seiten gelte.

Einzige knallharte Spielregel: Schweigepflicht. Zwar besprechen die Helfer die Einsätze im Team, doch nach außen dringt nichts. „Vertrauen ist wesentlicher Baustein unserer Arbeit“, betonen alle unisono. Deswegen legt Nadine Himmelhuber großen Wert darauf, dass sich Hilfesuchende und -bietende zunächst „beschnuppern“, ob die Chemie stimmt und was genau an Unterstützung von Nöten ist.

Feingefühl vorhanden

Die Helfer sind haft- und unfallversichert und bekommen eine Aufwandsentschädigung von fünf Euro die Stunde sowie Benzingeld erstattet – jeweils von dem, der den Dienst in Anspruch nimmt. Wobei „wir Mittel und Wege finden, wenn wir merken, dass das jemand nicht aufbringen kann“, versichert Arnold Lindner stellvertretend.

In den vergangenen Monaten hat Nadine Himmelhuber ein ums andere Mal erfahren, dass viele Menschen vor allem eines brauchen: Jemand, der ihnen zuhört. Das tut sie gern, oft kann sie weiterhelfen, an Fachstellen vermitteln. Gerade auch diese Rolle sieht sie als essenziellen Teil ihrer Aufgabe. „Es geht immer darum, zu sehen, was Herrn K oder Frau M gerade helfen würde.“

Die Einsätze, die die Nachbarschaftshilfe bis dato hatte, sind breit gestreut: Begleitung zu Arztterminen, Fahrt zu einer ambulanten Operation Schriftverkehr, Einkaufen, Gassi-Gehen mit dem Hund...oder „nur“ Vorbeischauen. Wenngleich es nicht ganz der Ideologie entspricht, hat die Initiative für eine Frau einen dauerhaften Besuchsdienst eingerichtet.

Aktuell trudeln pro Woche im Schnitt eine bis zwei Anfragen ein, berichtet Nadine Himmelhuber. Die gibt sie dem Helferkreis weiter, bis dato hat „immer einer ,hier‘ gerufen“, wenn sie die entsprechende Bitte versandt hat.

Langsam etablieren sich die wöchentliche Bürgersprechstunde (dienstags von 9 bis 10.30 Uhr ) sowie die offenen Treffs jeden zweiten und vierten Donnerstag jeweils im MGH. Ziel auch hier: Präsenz zeigen, Ansprechpartner sein, Helfen ohne Hemmschwelle.

Die Gruppe selbst trifft sich alle paar Wochen, vor allem, um zu bilanzieren. Wo sind Bedarfe? Wie werden wir bekannt? Wie sind die Einsätze gelaufen? Manfred Ruhland betont, wie sehr er den offenen Umgang im Team schätzt. Jeder habe andre Fähigkeiten, oft reicht es, nur durch einen Redebeitrag einen anderen Blickwinkel einzubringen. „Wir kommen als Gruppe weiter.“ Er kann die Mitwirkung nur empfehlen: „Da kommt auch für einen persönlich viel zurück.“

Nadine Himmelhuber ist zwischenzeitlich (auch) in diesem Genre Sparte gut vernetzt, bringt Ideen und Impulse ein. Sie hat erfahren: Dort, wo Nachbarschaftshilfen langen Atem bewiesen hätten, seien tolle Sachen entstanden. Und nachdem „unsere Leute“ diesen zweifellos haben, ist der zweite Halbsatz ja ohnehin schon gesetzt.

Arztbesuche, Einkaufsdienste wie hier oder Unterstützung bei Behördengängen: Die Einsatzliste der Nachbarschaftshilfe ist umfangreich und „offen“.