Manche Wirkstoffe sind auch im Landkreis Cham überhaupt nicht mehr verfügbar

Von Tanja Fenzl · 12. Oktober 2023 um 05:00

Eltern, die drei Stunden lang im ganzen Landkreis herumfahren, sechs, sieben Apotheken abklappern auf der Suche nach einem Antibiotikum, und am Ende verzweifelt mit leeren Händen dastehen? Im letzten Winter genau so passiert, sagt Apotheker-Sprecherin Jutta Rewitzer. Jetzt, zu Beginn der neuen Winter-Saison, hat sich die Situation auf dem Arzneimittelmarkt keineswegs verbessert. Im Gegenteil: „So schlimm wie derzeit war es noch nie.“

Über 300 Medikamente sind derzeit nicht oder nur selten erhältlich, sagt die Further Pharmazeutin, die für ihre Kollegen im Landkreis spricht. Sie selber hab, Stand Dienstag, 378 leere Zeilen in ihren Regalen. Apothekern im ganzen Landkreis geht es wie Rewitzer. „Was ich nicht habe, haben die Kollegen auch nicht. Das Problem ist bundesweit.“

Engpässe überall

Besonders groß sind die Lieferengpässe bei Herzkreislauf-Medikamenten, bestimmten Psychopharmaka, bei Cholesterinpräparaten, Schmerzmitteln und Opiaten, auch Insulin.„Manche Stoffgruppen fallen total weg“, sagt Rewitzer. Knapp seien Medikamente „kreuz und quer durch alle Indikationen“. Während es bei vielen Medikamenten Alternativen gebe, die man als Apotheker mit dem verschreibenden Arzt diskutieren könne, gebe es leider auch einige Arzneien, die nicht ersetzbar seien. Die Zusammenarbeit zwischen Apothekern und Ärzten wird angesichts der Probleme zunehmend enger – zwangsläufig. „Man muss jeden Patienten individuell bestmöglich versorgen, schauen, welche Ersatzmöglichkeiten es gibt“, sagt Rewitzer. Teamwork ist gefragt. Auch die Apotheker im Landkreis arbeiten zusammen. „Am Anfang eines Engpasses kann man in Notfällen noch versuchen, Restbestände bei anderen Kollegen abzufragen“, erklärt Rewitzer. Aber viele Medikamente seien bereits seit Monaten knapp, „die hat dann keiner mehr verfügbar“.

Wenn eine Grippewelle kommt...

Ein Ende der Lieferengpässe ist nicht in Sicht. Über den Sommer hätten sich viele Apotheker mit bestimmten Medikamenten ausreichend versorgen können, „aber die Situation kann auch da im Dezember, Januar ganz anders ausschauen, wenn uns womöglich doch eine Grippewelle trifft“, sagt Rewitzer.

Im vergangenen Jahr sind auch im Landkreis immer mehr Apotheker dazu übergegangen, gerade für Kinder Medikamente selbst herzustellen, Fieber- und Antibiotika-Säfte beispielsweise. Weil damals gerade Kindermedikamente kaum noch verfügbar waren, hatten Hamsterkäufe von Eltern die Situation am Markt weiter verschärft. Heute sagt sogar Rewitzer: „Wer ein kleines Kind zuhause hat, der sollte tatsächlich vorsorglich eine Flasche Fiebersaft für den Notfall zuhause haben.“

Problem wird andauern

Die jüngsten Versuche aus der Politik, eine Verbesserung auf dem deutschen Arzneimittelmarkt herzustellen, sieht Rewitzer skeptisch. „Das sind teilweise Lippenbekenntnisse. So schnell kann man natürlich die Produktion von Arzneimitteln aus dem Ausland nicht nach Deutschland verlagern.“ Und auch den Aufkauf bestimmter Medikamente aus dem Ausland hält Rewitzer nicht für die endgültige Lösung. „Es ist nicht sinnvoll, den Franzosen Wirkstoffe wegzukaufen.“

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Die Lieferengpässe im Arzneimittelsektor seien von lange Hand hausgemacht. Der deutsche Markt mit Preisbeschränkungen war für viele Hersteller nicht mehr attraktiv. Zusagen aus der Politik, das werde sich künftig ändern, könnten die Hersteller wohl kaum dazu bewegen, auf einmal wieder im Land zu investieren. „Die wollen das Risiko nicht eingehen, dass es irgendwann wieder ein Preisbegrenzung gibt. Und wenn eine Flasche Paracetamol 1,99 Euro kosten soll, und man davon ja schon einmal von Grund auf Wirkstoff, Etikett und Flasche zu zahlen hat, dann braucht man nicht mehr weiter reden.“

Hunderte Medikamente sind knapp: Immer öfter müssen Apothekerin Jutta Rewitzer (rechts) und ihre Kollegen kreativ werden bei der Suche nach alternativen Medikamenten für nicht verfügbare Arzneien. Absprachen mit den verschreibenden Ärzten und selbst hergestellte Medikamente gehören inzwischen zum normalen Alltag. Foto: Rewitzer