Automatische Notrufe aus dem Auto: Jeder zweite ist in Neumarkt ein Fehlalarm

Ein schwerer Autounfall, die Person im Wagen kann selbst keine Hilfe rufen – dafür haben neue Fahrzeug-Modelle eCall-Notrufe. Die Elektronik kontaktiert automatisch die Rettungsleitstelle. Ein großer Anteil dieser Alarme sind aber gar kein Fall für die Retter. Die Stadtfeuerwehr erklärt, wie Fahrer das verhindern können.
„eCall ohne Spracherwiderung“ – wenn bei der Feuerwehr dieses Einsatzstichwort eintrifft, kann alles dahinterstecken. An der Neumarkt Wache passiert dann immer das Gleiche: „Mehrere Fahrzeuge, zwei davon mit je einem hydraulischen Rettungssatz und 15 bis 20 Mann rücken dann alleine von der Feuerwehr Neumarkt aus, manchmal sind auch mehrere Feuerwehren zuständig“, erklärt Carl Victor Lieber, bei der Feuerwehr Neumarkt für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Dazu kommen BRK und Polizei. Vergangenes Jahr ist das neun Mal passiert, heuer bisher drei Mal.
Oft kein Fall für die Feuerwehr
Vor Ort kann die Retter dann alles erwarten: vom schweren Unfall bis zum ordentlich geparkten Auto. Denn nicht selten handelt es sich um Fehlalarme, darunter auch vermeidbare. Von den 15 eCall-Einsätzen sei Januar 2021 waren nur knapp die Hälfte echte Fälle für die Feuerwehr. Der Rest waren Fehlalarme oder Unfälle, die kein Eingreifen der Feuerwehr erfordert hätten, so Lieber.
„Wir sind nicht böse, wenn wir gerufen werden. Wir kommen und helfen immer, da muss niemand Angst haben“, betont der Neumarkter Feuerwehrmann ausdrücklich. Trotzdem können die Bürger helfen, unnötige Einsätze zu vermeiden.
Manchmal merken die Fahrer nämlich gar nicht, dass ein eCall ausgelöst wurde und am anderen Ende der Leitung ein Notruf-Disponent versucht, den Fahrer zu erreichen. Die Überraschung bei den Fahrern dürfte nicht selten groß sein, wenn die Feuerwehr mit Blaulicht anrückt und das Auto inspiziert, das vielleicht ordentlich geparkt vor der Haustür steht. „Da muss man dann von Systemfehlern ausgehen, die der Fahrer nicht verhindern kann. Vier Mal hatten wir solche Fälle seit Januar 2021“, erklärt Lieber. Und auch falsch übermittelte Geodaten haben schon einen Einsatz verursacht, möglicherweise wegen eines Zahlendrehers.
Auch harmlose Kleinunfälle können eCalls auslösen. Schon ein leichter Unfall kann reichen, erklärt Lieber: „Wenn man irgendwo dagegen fährt oder einem aufgefahren wurde, ist es ganz normal, dass man aussteigt und mit dem Unfallgegner spricht oder sich den Schaden anschaut. Es kann aber sein, dass in dieser Zeit ein eCall ausgelöst wird. Der Disponent der Leitstelle bekommt keine Antwort und muss vom Schlimmsten ausgehen.“
Um einen unnötigen Feuerwehr-Einsatz zu verhindern, hat Lieber daher eine Bitte: „Wenn man einen Unfall hatte und keine Gefahr besteht, dann warten Sie kurz im Auto, ob ein eCall ausgelöst wurde. Wenn man einen Disponenten sprechen hört, gibt man kurz Entwarnung.“
In manchen Fahrzeugen sind die Crash-Sensoren derart empfindlich, dass es sogar ausreichen kann, mit einem Einkaufswagen gegen das Auto zu fahren, berichten Feuerwehrler in Online-Foren. So einen Fall hat Lieber noch nicht erlebt, genauso wenig wie ein versehentliches manuelles Auslösen.
Das System lässt sich nämlich auch per Knopfdruck aktivieren. Gedacht ist das für Fälle, in denen zwar kein Schaden am Auto entstanden ist, eine Person aber trotzdem schnelle Hilfe braucht, zum Beispiel bei einem Herzinfarkt. Doch diese Taste macht manchen Rettungsleitstellen Probleme, weil sie versehentlich gedrückt wird. In manchen Fahrzeugen ist sie laut TÜV so ungünstig verbaut, dass sie leicht unbeabsichtigt gedrückt wird, beispielsweise direkt neben der Radiotaste. In anderen Fahrzeugen sind die Tasten durch eine Plastikklappe geschützt an der Decke angebracht.
Wenige Modelle ausgerüstet
Je nach Modell lässt sich ein versehentlicher Knopfdruck innerhalb der ersten 15 Sekunden auch wieder deaktivieren, indem man die Taste erneut drückt, erklärt der TÜV. Helfen würde auch, sich überhaupt erst mal klar zu machen, ob man ein solches System hat und wo der zugehörige Knopf eigentlich ist. Der ist häufig mit „SOS“ oder „eCall“ beschriftet.
Noch sind nicht sehr viele Fahrzeugmodelle mit dem eCall-System ausgestattet, deshalb gibt es auch noch relativ wenige Alarmierungen. Genau 16 waren es, die seit Januar 2022 bis Anfang September 2023 bei der ILS Regensburg aus dem Landkreis Neumarkt eingegangen sind, der Großteil davon aus der Stadt Neumarkt.
Trotz der Mängel, die der eCall und vergleichbare herstellereigene Systeme noch haben, überwiegen die Vorteile, resümiert Carl Victor Lieber aus Sicht der Feuerwehr Neumarkt. „Bei Unfällen, aber auch bei medizinischen Notfällen, hilft der eCall, die Rettungskräfte schnellstmöglich zu alarmieren.“ Eine übermäßige Belastung seien die Einsätze für die Neumarkter Wehr durch die automatisierten Notrufe jedenfalls nicht, sie machen laut Lieber nur 0,5 bis ein Prozent alle Einsätze aus.
Bei einem echten Notfall können allein schon die übermittelten Daten ein riesiger Vorteil sein, erklärt er stellvertretend für seine Kameraden: „Wir wissen schon bei der Anfahrt mehr, als bei den meisten normalen Notrufen. Es wird zum Beispiel übermittelt, ob es sich um ein Elektrofahrzeug oder ein gasbetriebenes Fahrzeug handelt.“
Auch der exakte Standort ist für die Retter manchmal Gold wert. Nicht immer gelingt es nämlich einem Verunglückten, seinen Standort selbst genau zu nennen, zum Beispiel weil es dunkel oder er in einer fremden Gegend unterwegs ist. Oder schlicht, weil er verletzt oder sehr aufgeregt ist.
So funktioniert das eCall-System:
eCall: Seit 2018 muss ein Emergency-Call-System (kurz eCall) in jedem neu in der EU zugelassenen Fahrzeugmodell verbaut sein. Noch sind das längst nicht alle Modelle, auch nicht bei jedem Neuwagen ist das System zu finden.
Funktionsweise: Im Auto verbaute Crash-Sensoren registrieren einen Unfall. Das Fahrzeug setzt dann automatisch einen Notruf ab, indem es sich ins Mobilfunknetz einwählt und sich mit der Notrufzentrale verbindet. Das System ist mit Mikrofon und Lautsprecher ausgestattet. Der Notrufdisponent, bei dem der Alarm aufläuft, versucht dann, mit den Personen im Fahrzeug zu sprechen, um wie bei jedem Notruf zu klären, was passiert ist und welche Hilfe nötig ist. Erhält der Disponent keine Reaktion vom anderen Ende, schickt er die Retter los.
Datenübermittlung: Den Unfallort bekommt die Leitstelle per GPS vom eCall-System. Und es können noch mehr Daten übermittelt werden, die den Rettern helfen können, zum Beispiel wie viele Sicherheitsgurte zum Zeitpunkt des Alarm angelegt waren. Daraus lässt sich schließen, wie viele Opfer es geben könnte.
Herstellereigene Notrufe: Neben dem eCall gibt es Systeme, die die Autohersteller in ihrer Marke verbauen und nicht direkt in die Notrufzentrale weitergeleitet werden. Stattdessen landet der Notruf zuerst in einem privaten Callcenter. Erst dann wird ein Unfall oder ein nicht erreichbarer Fahrer an die ILS weitergegeben. Das kostet manchmal viel Zeit, kritisiert der ADAC. Manchmal sind die Callcenter auch gar nicht besetzt oder ein Notruf hängt minutenlang in der Warteschleife.
