Lieferketten für Unternehmen: Osteuropa ist sicherer als China

Die Zukunft für bayerische Unternehmen kann sehr nahe liegen – in Tschechien, Rumänien, der Slowakei etwa. Darauf wollte die IHK Regensburg mit ihrem Ost-West-Forum Bayern am Dienstag hinaus, bei dem Experten und Unternehmer aus diesen Regionen zusammentrafen. Chancen, aber auch Tücken wie den selbstherrlichen Orban in Ungarn, gibt es in großer Zahl.
Streng genommen aber finden diese Beziehungen längst in der Gegenwart statt. Denn auch wenn alle von China reden: Mit den Visegrad-Staaten Polen, Tschechien, Slowakei und Ungarn zusammengenommen betreiben bayerische Unternehmen deutlich mehr Handel. Und aktuell zumindest spricht einiges dafür, dass sich die Waage noch weiter in Richtung Osteuropa neigt.
International mit Osteuropa
Die Zeitenwende seit Russlands Überfall auf die Ukraine zwingt Unternehmen dazu, sich neue Handelspartner zu suchen. Einige sind schon früh vorangegangen. Zum Beispiel Thomas Hanauer. Der IHK-Vizepräsident ist Geschäftsführer der Nabburger emz Hanauer, die weltweit Bauteile und Systeme für Hausgeräte wie Waschmaschinen entwickelt und herstellt. Seit 25 Jahren fertigt emz auch in Tschechien, hat seine Internationalisierung mit der EU-Osterweiterung begonnen – und stößt jetzt an Grenzen. Hanauer: „Wir finden keine Leute mehr.“ Tschechien hat die niedrigste Arbeitslosigkeit in Europa. Nun hat sich emz für einen weiteren Standort in Rumänien entschieden. Auch der Neutraublinger Anlagenbauer Krones ist massiv in Mittel- und Osteuropa gewachsen: Von anfangs 80 Mitarbeitern auf 1100, Seit 2018 betreibt Krones ein Werk im ungarischen Debrecen – zunächst mit enormen Geburtswehen, wie Klenk einräumt. Inzwischen aber sei man zufrieden.
Länder wie Rumänien, Slowakei oder Tschechien als Alternativen zu den Risiken in China oder anderswo, als nähere und sicherere Bestandteile von Lieferketten – funktioniert das? Der Trend gehe in diese Richtung, berichten die Außenhandelsexperten und machen Mut, sich darauf einzulassen. Wobei Tschechien so weit voraus ist, dass es längst nicht mehr als verlängerte Werkbank diene, sondern Unternehmen heute ihre Entwicklungsabteilungen dorthin verlagerten: Es gebe hervorragende Ingenieure, berichtete Bernard Bauer, Geschäftsführer der Außenhandelskammer Tschechien. Zudem kaufe besonders die Autoindustrie Zulieferteile ein. Zunehmend spiele der Konsum eine Rolle. Die Löhne stiegen zwischen fünf und neun Prozent. Es wird investiert ins Gesundheitssystem, in Straßen und Schienen – viele Möglichkeiten für deutsche Firmen.
Klimawandel, das höchste Risiko
Auch Edda Wolf, Leitern des Bereichs GUS/Südosteuropa bei Germany Trade & Invest, sieht jede Menge Chancen für Unternehmen in Osteuropa. Bei der Frage nach den Risiken fielen ihr aber sehr viele ein, nicht alle osteuropaspezifisch: Risiko Nummer eins sieht sie im Klimawandel (stellen Sie Ihre Fabrik nicht in eine Senke, wo Wasser oder Felsen herunterkommen können, bedenken Sie, dass ihr Produkt stundenlang beim Transport in der Hitze stehen kann). Spezifischer sind Warnungen etwa vor politischem Einfluss besonders in Ungarn, wo der weit rechts stehende Regierungschef Orban auf Banken, Medien, Lebensmittelhersteller zugreift. So habe es in Russland unter Putin auch angefangen, mahnte Wolf zu höchster Vorsicht. Ethnische Konflikte am Balkan solle man beachten und sich nicht gerade mitten in deren Bruchstellen reinsetzen.
USA bleiben führend
Wenn sich ein Unternehmen mit geopolitischen Risiken auskennt, dann Krones. In über 150 Ländern vertreten, leistet sich Krones eine umfassende Risikoanalyse. Vorstandschef Christoph Klenk präsentierte spannende Erkenntnisse. Dass etwa die USA wegen der anhaltenden umfassenden Zuwanderung wirtschaftlich führend bleiben dürften; dass China versucht, ein zweites Weltwährungssystem einzuführen. Europa könne sich glücklich schätzen, den Euro zu haben. China fülle im Maschinenbau die Lücken, die etwa die Deutschen in Russland hinterließen.
Krones achte bei Neuansiedlungen auf Faktoren wie Forschungs- und Entwicklungsanteil im Land, darauf, wie erfolgreich CO2 eingespart wird und auf die Staatsverschuldung. Wer Geld hat, könne in Bildung investieren, die Krones schätzt. Außerdem seien gut gebildete Gesellschaften tendenziell friedlicher. In Summe: „Wir sehen Osteuropa sehr positiv.“