Debrecen lockt Krones, BMW und Conti an
Es ging Schlag auf Schlag. Erst Krones, dann Continental, schließlich BMW – binnen kurzer Zeit haben in den vergangenen Monaten drei Weltunternehmen mit starkem Bezug zu Ostbayern verkündet, in der osteuropäischen Provinz neue Werke zu bauen. FAG Schaeffler und ThyssenKrupp sind schon in Debrecen angekommen.
Dort, im Osten Ungarns, scheint die Sonne mehr als im übrigen Land, heißt es. Pittoreske Flecken mit kleinen Gassen, viel Wasser, historische Fassaden zieren laut Reiseberichten die Stadt. Die Debreziner, eine würzige Wurst, die zum Standard auch ostbayerischer Metzgertheken zählt, wurde nach ihr benannt. All das reicht nicht zum touristischen Hotspot. Wirtschaftlich hat die Stadt ebenfalls Aufholpotenzial. Ost-Ungarn gilt als strukturschwach.
Die plötzliche Anziehungskraft
Umso mehr verblüfft Debrecens plötzliche Anziehungskraft auf Unternehmen. Weder Continental, noch Krones oder BMW gehen wegen Sonne, Altstadt oder schmackhafter Wurst dorthin. Sie führen andere Gründe auf, mit jeweils ähnlichen Schwerpunkten: Infrastruktur, Arbeitskräfte, Kosten, Universität. Und sie alle reden eher ungern über den Faktor Subventionen.
Fest steht: Der ungarische Staat und die Stadt zeigen sich großzügig und rollen investitionswilligen Unternehmen den roten Teppich aus. Obendrein winken Fördergelder aus EU-Kassen. Das verbilligt die Investments.
Krones verlagert Produktion
Continental beginnt im aktuellen Quartal mit dem Bau eines Werkes. Auf 100 Millionen Euro beziffert der Automobilzulieferer die Investitionen, 450 Arbeitsplätze sollen entstehen und ab dem dritten Quartal 2020 Automobil-Elektronik produzieren. Deutlich früher startet Krones. Der Neutraublinger Anlagenhersteller für die Nahrungs- und Genussmittelindustrie ruft 40 Millionen Investitionssumme auf, um bereits im kommenden Jahr mit etwa 500 Menschen an Bord einfachere Produkte herzustellen. Die Fertigung wird vom Stammwerk Neutraubling verlagert, wobei Krones verspricht, dass die betroffenen Stammmitarbeiter in der Oberpfalz weiterbeschäftigt werden. Für eine Reihe von Zeitarbeitern aber bedeutet dies das Ende bei Krones.
Jüngster Investor im Bunde ist BMW. Der Autohersteller hantiert mit höheren Summen. Eine Milliarde Euro sollen in ein Automobilwerk fließen, das mit gut 1000 Mitarbeitern starten wird und im Endausbau bis zu 150 000 Autos pro Jahr auf die Räder stellen soll. BMW geht nach Ansicht eines Analysten nach Osteuropa, weil: Westeuropa ist zu teuer, das US-Werk schon jetzt riesig, Mexiko und Großbritannien sind voller Zollrisiken. Conti wiederum folgt mit seinen Werken den Kunden.
Dirk Wölfer von der deutsch-ungarischen Industrie- und Handelskammer glaubt, dass die Firmenkarawane vor allem vom Arbeitskräfteangebot und geringen Kosten angezogen wird. Die staatliche Förderung locke auch, stehe aber nicht an erster Stelle. Ungarns Strategie bestehe darin, namhafte Unternehmen als Leuchttürme mithilfe großzügiger Förderung anzusiedeln. Daran knüpfe sich die Hoffnung, dass weitere Betriebe auch ohne üppige finanzielle Überzeugungshilfe folgen.
Arbeitskräfte und Zulieferer
Ein großes Plus ist die Verkehrsinfrastruktur. Sie gilt in Debrecen als ausgezeichnet. Es gibt einen Flughafen und gute Verbindungen auf der Straße und der Schiene.
Anders als rund um Budapest, wo nahezu Vollbeschäftigung herrscht, lassen sich im Osten Ungarns bei acht bis zehn Prozent Arbeitslosenquote leichter Mitarbeiter finden. BMW-Sprecherin Sandra Schillmöller etwa hält fest: „Wir haben keinen Zweifel, dass es in ausreichender Zahl qualifizierte Arbeitskräfte gibt.“ Die können sich bereits bei BMW bewerben und tun dies schon in großer Zahl, sagt Schillmöller. Die Universität sorgt für eine große Zahl an Akademikern. Für den Autobauer ist obendrein ein tragfähiges Netz an Zulieferern in der Nähe wichtig. Continental trägt dazu bei, dass dieses Netz noch ein bisschen dichter geknüpft sein wird. Für Conti wird Debrecen bereits der siebte Standort in Ungarn sein.
Krones nennt als Entscheidungshilfe für Debrecen eine „außerordentlich engagierte Unterstützung der Stadt“. Gemeint sei damit unbürokratische, schnelle Betreuung der Verwaltung.
Das Thema Arbeitskosten erwähnen die Unternehmen weniger offensiv. Eine Broschüre der Wirtschaftsförderung von Debrecen weist auf diesen Faktor hin. Die Schrift datiert von 2015 und beziffert den jährlichen Arbeitskostenaufwand: für einen angelernten Arbeiter 8000 bis 9000 Euro, für einen Meister 20 000-23 000 Euro. Die Löhne haben derweil angezogen, 2017 sogar zweistellig. Aber die Größenordnung wird klar. Auffällig ist, dass in Budapest die Löhne um die Hälfte höher sind als in der Region rund um Debrecen.
Stillschweigen bei Subventionen
Noch weniger bis gar nicht sprechen die Unternehmen über das Thema Subventionen. Dass sie eine Rolle spielen, wird nicht bestritten. Aber niemand verrät, wie viel er bekommt. Bei Krones heißt es: Die Subventionen seien bei der Entscheidung nachrangig gewesen. Die „Budapester Zeitung“ berichtete, der Staat zahle Krones gut ein Drittel der Investitionssumme. Aus Neutraubling kommt dazu weder Bestätigung noch Dementi; lediglich der Hinweis, dass man keine EU-Gelder erhalte.
„Das sind Fördertätigkeiten, die ihresgleichen suchen.“ IHK-Exportberater Markus Huber
Welche Summen Ungarn spendiert, dafür gibt es Kriterien und Maximalgrenzen. Am Ende ist es aber Verhandlungssache, und über das Ergebnis wird Stillschweigen vereinbart.
Der Exportberater der IHK Regensburg, Markus Huber, spricht von extrem firmenfreundlichen Gestaltungsmöglichkeiten: „Das sind Fördertätigkeiten, die ihresgleichen suchen.“ Bis zu 50 Prozent der Investitionen sind laut EU-Recht in Debrecen förderfähig. Ungarn gibt nicht zurückzuerstattende, nachfinanzierte Direktzuschüsse; die EU gewährt kofinanzierte Zuschüsse. Auch steuerlich zeigt sich Ungarn großzügig: Im Jahr der Inbetriebnahme und den darauf folgenden neun Jahren sind je nach Investition 80 Prozent Erlass von der Körperschaftsteuer möglich. Ausbildung wird extra gefördert.
Unsere Berichte zu den einzelnen Ansiedlungsplänen gibt es hier:
Krones
Continental
BMW
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